weltmännisch,
adj., '
einem weltmann eigen, nach art eines weltmannes, wie auch, in seiner art gegründet' (Campe 5 [1811] 674;
ebda. als neugebildetes, von guten schriftstellern bereits angenommenes wort gekennzeichnet). weltmännisch
charakterisiert im wesentlichen eine weltgewandte, verbindliche, umgängliche art des benehmens, die den geschliffenen umgangsformen, dem überlegenen gesellschaftlichen auftreten und der formvollendeten, taktvollen und anpassungsfähigen haltung eines weltmanns (
s. dort unter 3 c)
entspricht: Zimmermann ... von natur heftig und gerade vor sich hin, hatte doch sein äuszeres und sein betragen völlig in der gewalt, so dasz er im umgang als ein gewandter weltmännischer arzt erschien Göthe I 28, 335
W.; mit weltmännischer gewandtheit lenkte der graf das gespräch nunmehr auf die kunst Gaudy
s. w. (1844) 12, 75; die art, wie er jetzt seine cigarrentasche zieht und um die erlaubnisz zum rauchen bittet, hat einen ... weltmännischen schliff Gutzkow
zauberer (1858) 2, 38; er hatte dafür jene weltmännischen formen, wie sie reisen, lektüre, gute lebensverhältnisse zu geben pflegen Fontane
ges. w. (1920) II 1, 151; touristen von eleganter und beinah weltmännischer haltung
ders., ges. w. (1905) I 6, 50; jede bewegung mit seinem hut, mit seinem eleganten spazierstocke, jedes wort war weltmännisch Rosegger
schr. III 5 (1906) 310; seine kräftige, hohe gestalt, ... die weltmännische sicherheit seines auftretens schienen eher einem preuszischen reiterobersten in civil als einem deutschen gelehrten anzugehören G. Steindorff
über Heinrich Brugsch in: daheim 31 (1895) 86
a; er trat den damen ... mit der sichtbaren absicht entgegen, eine weltmännische figur zu machen Schäfer
erz. schr. (1918) 1, 214; die meisterin ... beobachtete mit kennerhafter anteilnahme diese anzeichen einer weltmännischen lebenskunst Hesse
Knulp (1931) 42;
so auch in zahlreichen verbalen wendungen, sich weltmännisch benehmen, geben; etwas weltmännisch sagen
u. dgl.: wie ist der
(komponist) herr seiner sprache und gedanken, wie benimmt der sich weltmännisch R. Schumann
ges. schr. (1854) 2, 66; don Cesare ... (
ein Sizilianer) bewegte sich weltmännisch fein zwischen den einfachen deutschen leutlein W. Raabe
s. w. I 3, 206
Klemm; weltmännisch über der sache stehend Fontane
ges. w. (1905) I 1, 102; er (
pastor Pringsheim) spricht mit der alten konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch und mit glatten gebärden, mit frau Permaneder im tone einer herzlichen, schalkhaften heiterkeit Th. Mann
Buddenbrooks (1952) 412; auch leutnant Perl hatte sich erhoben, aus höflichkeit. 'wäre groszartig', sagte er wieder weltmännisch A. Zweig
einsetzg. e. königs (1950) 107.
ferner bestimmte, für einen weltmann mehr oder minder charakteristische wesenszüge: da war auch nicht eine spur jener glatten, weltmännischen theilnahmlosigkeit ... zu finden, womit er seine gute tante abzuschrecken erlernt hatte Holtei
erz. schr. 8 (1861) 77; in der that lebte die weltmännische milde der vornehmen prälaten des alten jahrhunderts noch in einem theile des clerus fort Treitschke
dt. gesch. 2 (
51897) 93; Baudissin war im anfange durch die weltmännische frivolität seines oheims erschreckt und abgestoszen G. Freytag
ges. w. 16 (1887) 123; sie (
die verstimmung) würde noch weiter gegangen sein, wenn sie nicht in der sich immer gleichbleibenden, weltmännischen höflichkeit des grafen Moltke ein correctiv gefunden hätte Bismarck
ged. u. er. 2, 116
volksausg.; sein lebtag vielmehr hatte er den ersten und letzten dingen die weltmännische skepsis seines groszvaters entgegengebracht Th. Mann
Buddenbrooks (1952) 677; weltmännischer takt A. Deiszmann
licht v. osten (
41923) 199; der auftritt des hofrats Bollermann hatte bei dem präsidenten eine zwar mit weltmännischer fassung schnell überwundene, aber doch unverkennbare miszstimmung ... hervorgerufen
qu. a. d. j. 1938;
oder den lebensstil eines mannes von welt: und sofern dieser hauch aus der tiefe philosophisch- religiöser weltanschauung in ihm nicht durch ... weltmännische vielthätigkeit verflüchtigt ... war D. Fr. Strausz
ges. schr. 2 (1876) 16; wobei sie annahm, dasz der fürst dauernd auf reisen sei oder sonst einem ebenso entfernten wie weltmännischen zeitvertreibe nachjage H. W. Seidel
Krüsemann (1935) 158;
zuweilen auch eine überlegen-heitere stimmung: so kam er von seinem spaziergange in recht leichter, weltmännischer stimmung nach hause G. Freytag
ges. w. 6 (1887) 207; in Stuttgart lebte der vater plötzlich auf und begann fröhlich, leutselig und weltmännisch zu werden; ihn beseelte die wonne des kleinstädters, der für ein paar tage in die residenz gekommen ist H. Hesse
unterm rad (1952) 17;
oder eine weltoffene, neuen erfahrungen aus allen ländern aufgeschlossene gesinnung: dasz hier am Limmathsee (
Zürich) die Schweiz der welt die hand reichte, dasz von hier aus weltmännischer geist in die Schweiz eindrang, zum wenigsten in die deutsche Schäfer
erz. schr. (1918) 3, 144.
daneben findet sich weltmännisch
gelegentlich sachbezogen, im sinne von '
elegant, dem geschmack der vornehmen welt entsprechend': da hauptsächlich lateinische autoren für den internationalen kreis der humanistisch gebildeten gedruckt wurden, 'nahm das schmuckgepräge des buches einen abgeschliffenen, weltmännischen charakter an'
bei Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 134.
auch zur kennzeichnung eines literarischen stils: zwei schriften (
über das leben Jesu Christi) ..., von denen die eine nur einen andeutenden entwurf, die andere ein ausgeführtes farbenreiches gemälde gibt, die eine ebenso deutsch-theologisch, wie die andere französisch-weltmännisch gehalten ist D. Fr. Strausz
ges. schr. 3 (1877) 46. —
hierzu weltmännischkeit, f.: seine (
Rathenaus) blendende begabung, rasch jeden günstigen augenblick zu fassen, seine weltmännischkeit und sein persönliches prestige haben sich nie glänzender bewährt (
als in den besprechungen in Rapallo) St. Zweig
welt v. gestern (1947) 355.