weichselzopf,
m. plica polonica, trichoma, coma caesarea, lues sarmatica, die unentwirrbare verfilzung der haare, meist des menschlichen haupthaars, doch auch des bartes und der thiermähne, durch ekzem und impetigo gelegentlich gefördert, an sich keine krankheit, sondern eine folge mangelnder haarpflege, vor allem in Polen verbreitet. die einzige aus echter ma. nachweisbare form ist wickselzupp Bernd
d. spr. in Posen (1820).
so tritt das wort seit 1697
bei J. C. Ettner,
geborenem Glogauer und poln. leibmedicus auf: zumahlen die nägel an denen füszen in schneller eil sehr lang wuchsen, und dieses ein zeichen desz herzu nahenden wichsel-zopfs, plica, ist
unw. doctor 181; dasz einsmahls ein ... polnischer herr ... der wixel-zöpffe gedachte
med. maulaffe (1719) 696; von diesem wuchse nun kömmt der wüchselzopf, eine in Pohlen bekannte krankheit ... manche nennen es falsch einen weichselzopf; noch andre schreiben es nur falsch, einen wichselzopf Gottsched
beobacht. (1758) 117; wixelzöpfe Stephanie
singsp. (
Liegnitz 1792) 270; wichselzopf
mitt. d. schles. ges. f. volksk. 9 (1907) 84. wichselzopf
ist, wie zuerst J. Grimm
myth. 443
anm. gesehen hat, entstellt aus poln. wieszczyce,
so heiszt er als zauberwerk der wieszczyca '
nachtgespenster, alpen, trute' S. B. Linde
słownik języka polskiego 6 (1860) 316
b,
durch den verdeutlichenden zusatz -zopf
kam das wort seinen deutschen synonymen alpzopf
th. 1, 246, drudenzopf Höfler
krankheitsnb. 858
a; haarzopf
th. 4 ii 41; hexenzopf Höfler 858
a; höllenzopf
th. 4 ii 1757; judenzopf 2359; mahrzopf 6, 1469; schrötleinszopf 4 ii 37; trollenzopf Höfler 857
b näher. die etymologie des poln. worts muszte bei der entlehnung durchsichtig sein, zudem gilt die verfilzung auch im germ. glauben allg. als koboldswerk (Grimm
d. sagen 1, 67;
myth. 433; Rochholz
d. glaube u. brauch 1, 333; Villaret
handwb. d. ges. med. 2, 949
b; Golther
handb. d. germ. myth. 132;
wörter u. sachen 2, 177
f.)
und alle germ. synonyma sprechen das aus: alpklatte Bernd 350; alpschwanz Höfler 857
b; bilwiszzotte
th. 2, 30; elfklatte Höfler 857
b; haarschrötel
th. 4 ii 37; hollerkopf Höfler 858
a; mahrflechte
th. 6, 1468; mahrklatte Höfler 858
a; mahrenzotte Frisch 1, 642
b; morlocke Crecelius
oberhess. 603;
hannövr. sellkensteert
brem. wb. 4, 749;
dän. marelok;
schwed. martofva;
engl. elflock.
all das führte leicht zu der volksetym. entstellung wichtelzopf,
die seit Hübner
zeit.-lex. (1717) 1263
erscheint, neben weichselzopf
noch Campe
verd.-wb. (1813) 482
b und Nork
in Scheibles
kloster 9 (1848) 489.
dasz wichtelzopf
umdeutung ist, sieht Weigand wb. 2, 1104,
während Adelung
zur ableitung von wicht '
böser geist'
neigt. mehr kraft hat die andere umdeutung bewiesen, die das poln. leiden glücklich in bez. zu dem hauptstrom Polens setzt: weichselzopf
plica polonica Steinbach 2 (1734) 1120,
trotz der anfechtung durch Gottsched (
s. o.) fortan herrschend, ganz vereinzelt steht weichselzapfen
daneben: allg. d. biblioth. 16 (1772) 612.
widerstand leisten lange die ärzte: Haller
onomatol. med. (1775) 1214
spricht allein von judenzopf
und maarenflechte; weder der name plica polonica noch der name weichselzopf ist sowohl in physiologischer, als in geschichtlicher beziehung richtig Lettre
über plica oder zopfkrankheit (1870) 3,
doch ist weichselzopf
jetzt auch in wiss. deutsch der herrschende name: Nemnich
lex. nosol. 17
e; Sömmering
bau des menschl. körpers 2 lv; Oken
allg. nat.-gesch. 3, 316; Dornblüth
wb. d. klin. kunst-ausdr. 105.
seit dem 8.
aug. 1835
steht er in e. preusz. gesetz: jeder am weichselzopf leidende kranke ist ... der orts-polizeibehörde anzuzeigen
preusz. gesetzsamml. 1835, 262 § 84; Bitter
handwb. d. preusz. verw. 2, 790.
seit der zweiten theilung Polens 1793
wird die sache auch in laienkreisen bekannt: Jean Paul
biogr. belust. 1 (1796) 139; Lichtenberg
verm. schr. 5, 174; E. Th. A. Hoffmann 5, 12
Grisebach; Gaudy 18, 89; Brentano 5, 439. 7, 349; Görres 6, 375; Heine 7, 12
Elster; Hebbel I 7, 221; Viebig
schlaf. heer 1, 226.
das wort gelangt sogar in verse: eben diese Mab ... verwirrt der pferde mähnen in der nacht, und flicht in strupp'ges haar die weichselzöpfe (
and bakes the elf-locks in foul sluttish hairs) Schlegels
Shakespeare 1, 35 (
Romeo 1, 4),
wo Voss 1, 239 mahrzopf
bot. der anschlieszende bildliche gebrauch bleibt selten im körperl. gebiet: solch einen weichselzopf von legföhrenästen zu entwirren dürfte den herkulischen aufgaben beizuzählen sein Berlepsch
Alpen 92.
er kann hier in concurrenz mit rhein. klüngel (
th. 5, 1296)
treten: familien die ... in sich verschrumpften, dasz man sie wohl nicht unbillig mit einem weichselzopf vergleichen dürfte Tieck
nov. 4 (1853) 11; vettern- und basenweichselzopf Scherr
hammerschl. 451.
viel ergiebiger zeigt sich die übertragung auf vorstellungen. hier tritt weichselzopf
neben gord. knoten (
th. 5, 1504)
und rattenkönig (8, 206): dieser vierunddreiszig-fusz ist ein wahrer rattenkönig, in einem siebenknotigen weichselzopf zusammengeschwänzt Jahn 2, 1060.
zumal in wiss. polemik spielt der geschmacklose vergleich durch das ganze 19.
jahrh. eine grosze rolle: Gärtners buch über das lied ... ist ganz, wie er selbst: ein unentwirrbarer weichselzopf Hebbel
briefe 5, 351;
von mythol. verworrenheit Schubart
br. 2, 31
Strauss; von philos. wirrnis Schelling 2, 128;
von symbol. unsinn Voss
antisymb. 1, 281;
von theol. debatten Gutzkow 5, 196;
im kunstgesch. streit Stahr
in Schweglers jahrb. d. gegenwart 1846, 46;
politisch Görres
briefe 3, 623;
liter. Hettner
drama 125;
von rechtswirrwarr Scherr
Blücher 2, 33. —