wechselbalg,
m. (
vereinzelt n. v. Lohenstein
Arminius 1, 669
a.
Shakespeare sturm 1, 2)
eingetauschtes kind (
vgl.balg 5).
seit mhd. zeit belegt, gebräuchlicher und derber als wechselkind;
eine ältere benennung ist wechseling,
vgl. auch wechselbutt. 11)
bezeichnung eines von einem unhold erzeugten und an stelle eines menschenkindes der wöchnerin untergeschobenen kindes; der aberglaube beruht auf dem vorhandensein von misgeburten, bes. kretins, und ist in Europa weit verbreitet Grimm
myth.4 1, 387
ff. 3, 135. E. H. Meyer
myth. 181. Golther
myth. 139.
noch im jetzigen volksglauben Grimm
sagen nr. 82. 83. Müllenhoff
sagen nr. 175
ff. K. Stöber
erzählungen4 115
ff. Wuttke (
s. u.): 1@aa) nicht ein natürlich kind, sondern ein monkalb, oder wechselbalck Luther 45, 544, 24
Weim. ausg., s. auch den beleg unter kielkropf; unartige und verwerffliche geburten, welche wir wechselbälg oder käulköpf zu nennen pflegen
Simpl. schriften 4, 7 (
vogelnest 2,
privil.); wechselbälge, külkröpfe Stieler 949. 1@bb)
sie sind kretinartig, haben dicken kopf und unterleib, dünne beine, sind gefräszig und faul Amaranthes 2106.
belustig. des verst. und witzes 1744, i, 315. Peter
volksthüml. aus Österr.-Schles. 2, 10. Wuttke
3 383: historia von einem wechselbalg ... dasselbig (
kind), wie es etwan zwölffjärig, that es nichts, dann dasz es frasz ... griff man es an, so greint es wie ein saw Kirchhof
wendunmuth 3, 516.
sie sind bösartig, ungebärdig: wir wüeten und toben als unvernüfftige tyer und wechslpälig und miszgeraten sün oder panckharden Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. (1852) 199. 1@cc)
sie werden von zwergen gebracht: einer mutter war ihr kind von den wichtelmännern aus der wiege geholt. und ein wechselbalg mit dickem kopf und starren augen hineingelegt, der nichts als essen und trinken wollte Grimm
märchen (1843) 1, 247; wie oft ein unterirdscher zwerg ein kind entführt in seinen berg, den wechselbalg dann unterschiebt. Voss 6, 197.
von den waldweibern Wuttke 48,
dem alp 247,
der Holle, der roggenmutter 383,
von nixen 51. Knauth
Altenzella 1, 29.
sie werden auch für kinder des teufels gehalten Grimm
sagen3 anm. zu nr. 82: solche wechselbälge und külekröpffe supponit satan in locum verorum filiorum Ruoff
hebammenbuch (1580) 152.
von ihm mit den hexen erzeugt Amaranthes 2106: dasz ausz solcher vermischung (
des teufels mit hexen) zuzeiten kinder entstehen, welche sie wechszelkind oder wechszelbälg heyszen
Bodin, Daemonomania, übers. v. Fischart (1581) 371.
wird er übel behandelt Amaranthes
oder zum lachen gebracht Grimm
märchen (1812) i,
vorr. XIV,
so erscheint das richtige kind wieder. ihr plötzliches verschwinden wird in der erzählung vom müller, der sich für schwanger hält, benutzt: eʒ (
sein kind) was ain rehter wislonbalk (Keller
erzähl. 468, 32: wechsselkalp) ... da er erst von deinem leib kam, da fuor eʒ pald hin und entran hin uff zuo dem fürst empor. Grimm
myth.4 1, 387 (
nach einer Dresdener hs.)
scherzhaft: dasz er sich selber kaum mehr kenne, und sein eigner wechselbalg oder kielkropf geworden sei, seit dem er krank gewesen J. Paul
Siebenkäs 4, 130; die meisten menschen sind die wechselbälge ihrer selbst, sie sind in der bildungswiege verwechselt worden Auerbach (1892
ff.) 1, 112. 22)
dann auch '
misgestaltes kind, kretin',
ohne dasz dämonischer ursprung betont oder angenommen wird: oft wird ein wechselbalg vors schönste kind erkiest. v. Lohenstein
rosen 34, er kam neugierig zu Lucinden; allein anstatt den wechselbalg zu finden, fand er ein wohlgestaltes kind. Gellert 1, 155; strafte uns der himmel noch mit diesem kleinen wechselbalg, den ich zu schand und spott des ganzen dorfes gebar E. Th. A. Hoffmann 5, 5
Grisebach. auch von erwachsenen: schön musz sie sein, gewaltig schö
n. die Lisette schwört stein und bein, gegen fräulein Iduna wäre sie ein wechselbalg v. Holtei
erzähl. schriften 24, 129; ein so schmucker bursche wird doch nicht ledig bleiben wollen, wie ich alter wechselbalg Spielhagen (1877
ff.) 8, 284.
medicinisch ein mit der englischen krankheit behaftetes kind onomat. med. zergliederungswiss. (1756) 688. Nemnich 5, 635;
auch von erwachsenen v. Sömmerring 2, XCVI.
von thieren: dieser wechselbalg (
häszlicher affe) ist ... der liebling der mutter Brehm
3 1, 51. 33)
auch '
von menschen untergeschobenes kind',
meist ein uneheliches, deshalb auch in dieser bedeutung: des künig Steffan muoter gesind jâhen, er wær niht ir kint ... (
die mutter spricht) mich müet daʒ hart sêr, daʒ mir der wehselbalc tuot. Enikel
weltchr. anhang 2, 1337
Strauch; Cocleus heist mich ein wechs(el)balck und ein padmagd son Luther
tischreden 3, 293, 3
Weim. ausg.; zum henker mit dem wechselbalg rief äbtissin von ... als man ein fürstliches hurkind ins freyadeliche stift bringen wollte Möser
patr. phant. 1, 288; o du treulose metze, ... was hält mich, dasz ich dir und deinen wechselbälgen nicht augenblicks den hals umdrehe? Musäus
volksmährchen 1, 130
Hempel; ei, du wechselbalg, du findelkind! Brentano 7, 78; du bist ins haus geschmuggelt worden. du bist kein baron Rainau, ... du bist ein wechselbalg Rosegger I, 5, 201. einen wechselbalg unterschieben
u. ä.: einer armen mutter für ihr kind ein wechselbalg unterzustecken v. Lohenstein
Arminius 1, 669
a; man hat ... mir einen wechselbalg zu meiner erbin unterschieben wollen?
F. L. Schröder
dram. werke 3, 411 (
Victorine 4, 7).
im folgenden einer, der sich selbst fälschlich für einen andern ausgibt: sich gelîchet deme von Berneniht kein arger schalc: ir sît sîn niht, ir lieget,ir sît ein wehselbalc.
rosengarten D
1 XVIII, 23, 4
Holz; hat dargegen sein ort eingenommen der wechselbalg Mustaffa, so sich für desz Baiasits sohn auszgeben Lewenklaw
neuwe chronica türck. nation (1590) 157.
in den wörterbüchern des 16.
bis 18.
jahrh. ist es häufig entsprechung von supposititius, subditus Dasypodius 452
b. Frisius (1556) 1275
b. Steinbach 1, 59,
doch könnte damit zugleich die erste bedeutung, für die lateinische bezeichnungen fehlen, gemeint sein. im vergleich von kindern aus gemischten ehen: die nicht wissen, wohin sie gehören, und geradezu wechselbälge werden Laube (1875
ff.) 10, 327. 44)
ein aus der art geschlagener, seines geschlechts unwürdiger: wenn die todten reden könnten, würden sie ihn (
den ungeratenen) ... als einen wechselbalg ausdem geschlechte stoszen v. Lohenstein
Arminius 1, 28
a; da wandtest du dich ab von den zielen der ehre und arbeit ... du hast raub begangen an deinem hause, und da du ihm, wechselbalg, keine ehre mehr machen kannst ... C.
F. Meyer
Angelo Borgia 76.
überhaupt ein moralisch misratener (
wobei auch unmittelbar an die bösartigkeit der wechselbälge
angeknüpft werden konnte): dô sprach ein heidnischer hofeschalc, der was von arte ein rehter wechselbalc
Münchener Oswald 844
Bäs cke; solche kupplerinnen, wie hier der wechselbalg sich zeiget. v. Lohenstein
Ibr. sultan 12, 232; böse leut und falsche wechselbälg, mit boszheit gantz erfüllet Treuer
deutscher Dädalus 1, 785; der amtmann fühlte gleich, dasz er auch nicht schuldig wäre, jedem schlechten kerl, der dahin geschickt wurde, zum galgen vorzureiten; und der pfarrer wegerte sich aus einem gleichen grunde, dergleichen wechselbälge für die gewöhnliche gebühr zu begleiten Möser
patr. phant. 2, 299; es (
der atheist) ist ein wechselbalg, den die hölle durch — — durch einen unzüchtigen beyschlaf mit der weisheit dieser welt erzeugt hat Lessing 1, 411 (
freygeist 2, 5).
schimpfwort für unartige kinder, in Wien Loritza 141,
zugleich kosewort für flinke zeitschr. f. d. mda. 1916, 344 (
bei Rastatt): du gottloses kind ... ich will dir den mund zustopfen, du wechselbalg! Meisl
theatral. quodlibet 6, 5, 187 (
österr. grenadier 1, 4).
für erwachsene: sie legt mir alle augenblick verliebte schlingen, und ... so erwischt mich der wechselbalg doch zuweilen auf einem seitenweg v. Ayrenhoff 4, 237. 55)
wortspielend: die art beschäftigt sich den tag über mit das nützliche geschäft, doppelte luggerdohrs einzuwechseln — weshalb man die bankiers auch bankerts und wechselbälge zu nennen pflegt
F. Reuter 4, 57
Seelmann. 66)
gern in vergleichen und übertragen von dingen und geistigem. hauptvergleichspunkt ist 6@aa)
die vertauschung, meist mit etwas schlechterem. 6@a@aα) ich faltete den brief dem andern gleich. dann unterschrieb ich, drückte drauf das siegel, legt ihn seinen ort; der wechselbalg (
the changeling) ward nicht erkannt.
Shakespeare, Hamlet 5, 2; 6@a@bβ) der miszgebuhrt und dem wechselbalg (
einer streitschrift), die sie dem hrn. prof. Philippi unterschieben wollten Liscov 304; die sache ... fiel in die geheimrathsmaschine ... und als schlieszlich ... der parla mentarische und geheimräthliche wechselbalg wieder aus der maschine heraus kam ... Bismarck
reden 13, 372
Kohl; ihm (
dem zweifel) ist ein wechselbalg, der tiefsinn lüget, jetzo untergeschoben, der gedanken spinnwebt. Klopstock
oden 2, 121, 13
Muncker u. Pawel; hast du an liebender brust das kind der empfindung gepfleget, einen wechselbalg nur giebt dir der leser zurück. Schiller 11, 181 (
tabulae votivae). 6@bb)
die üble herkunft: als sey der nachruhm nicht allezeit eine tochter der tugend, sondern ein wechselbalg, den das glück einer fremden mutter einschiebt v. Lohenstein
Arminius 1, 218
a; dieser humor, dieser wechselbalg einer ausschweifenden grillenhaften fantasie E. Th. A. Hoffmann 10, 64
Grisebach; du wechselbalg des blinden ungeschmacks, du aller affen grosze königin (
die mode). Hoffmann v. Fallersleben 5, 297.
besonders auch die mischung aus ungleichartigen quellen: Ennius ..., welcher mit diesem gedicht zum ersten mal jenen wechselbalg von epos und geschichte in die litteratur eingeführt hat Mommsen
röm. gesch.5 1, 935; (
die frivole und ernste oper) durch deren vermengung ... jener unbegreiflich konfuse wechselbalg zu tage gefördert worden ist, den wir 'moderne dramatische oper' nennen hören R. Wagner (1897) 3, 244. 6@cc)
die misgestalt. 6@c@aα)
von menschendarstellungen: ht dich, das ausz deiner verkerung nit wechselbelg werden Dürer
von menschl. proportion R 6
a; eine gröszere anzahl von wechselbälgen giebts wohl nicht so beysammen, als die statuen in und auszer dieser kirche ausmachen Heinse 7, 231
Schüddekopf, vgl. 4, 182; zeichnet mit der unzugespitzten kohle — nicht eine karikatur — sondern einen wechselbalg Sonnenfels
schriften (1784) 5, 254. 6@c@bβ) die welt ist ... ein wechselbalg von allerley elendhaut Abr. a. S. Clara
etwas für alle 2 (1711) 407; er forcirt grösze; und forcirte grösze ist wechselbalg in der kunst Schubart
ästhetik der tonkunst 271; unkenntnis schadet; und noch mehr halbkenntnis, indem sie wechselbälge wie schmäucheln und adelig gebiert Voss
krit. blätter 1, 472; denn wenn die unschuld des worts nicht respectirt ... wird, so kann man mit jedem eigenthümlichen ausdruck jeden beliebigen wechselbalg erzeugen Hebbel 11, 40
Werner.