vorlügen,
verb. ,
vgl. fürliegen
th. 4, 1, 1,
sp. 769; vorlügen Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 975
a; Adelung; Campe;
dän. forelyve
ist dem deutschen worte nachgebildet. —
die alten präsensformen halten sich lange: für-
et vorgelogen,
präs. ich liege vor,
mentior; einem viel vorliegen Steinbach 1, 1070; wer seinen nehsten offt betreugt, zwey oder drey mal im vorleugt B. Waldis
Esopus 1,
s. 102
Kurz; dem herrn ist nicht gut vor zu liegen 1,
s. 77; also können sie wort vorliegen, dasz sie die armen leut betriegen
jedermannes jammerklage (1621) b 4
a;
miszform des inf.: die tugend vorzuleugen
d. discourse d. mahlern (1721) 1, 3. —
nd. förlêgen ten Doornkaat-Koolman 1, 542
a; wil ik bewaren, dat gi ne drêgen, mi nicht mêr oft vorelegen
sog. Gerhard v. Minden 46, 76
Seelmann. 11)
im entwickelten nhd. verlangt das wort fast immer einen dativ dessen, an den die lüge gerichtet ist und eine unbestimmte oder bestimmte angabe über den inhalt der lüge, die ältere sprache bewegt sich freier, doch auch hier steht meist ein dativ dabei: das uns der pöswicht nicht betrieg und den juden vorlieg
altd. passionssp. aus Tirol 161, 2531
Wackernell; ein grawer mönch dasselb mir zeugt, hats gsehn, fragt in, euch nit vorleugt B. Waldis
Esopus 2,
s. 68
Kurz; stewre ja des bapsts gewalt, der uns so lang hat vorgelogen, dadurch fast alle land betrogen Krüger
aktion v. d. anfang u. ende d. welt (1580) h 3
a; ihr augen habts gethan! ihr habt mir vorgelogen
herrn v. Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. (1697) 2, 34; o schmeichlischer Lucan, was hat dich doch bewogen, dasz du den Nero rühmst, der erden vorgelogen Pietsch
geb. schr. (1740) 263; ich mag mir v., ihn hassen, ihm widerstreben Göthe 39, 28
W.; nur dasz sie dir so v. darf, das ist arg Fr. H. Jacobi (1811) 1, 111. —
ohne dat. und accus.: es kan kein kauffman mich betriegen, oder in der handlung vorliegen B. Waldis
Esopus 2,
s. 211
Kurz; es weis die falschheit nicht so zierlich vorzulügen Gottsched
dt. schaubühne 4, 385. 22)
oft mit unbestimmtem object: ich bin nicht der mann, der andern etwas vorzulügen fähig ist Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 125; nun, ihr spitzbuben? ihr untersteht euch, mir was v.? Tieck (1828) 5, 550; uns dann noch schriftlich etwas vorzulügen fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 375; hat vielleicht der hasz und neid dir was vorgelogen Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 378; und kurz und gut, ich gönn ihm das vergnügen, gelegentlich sich etwas vorzulügen Göthe
Faust 3298. stellete (
mich), als wan ich alles glaubte, was sie mir vorlogen Grimmelshausen
Simpl. 104
ndr.; weil das herz noch nie erwogen, was der mund euch vorgelogen
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 335.
andere verbindungen: sie haben ... gott nichts vorgelogen Jung-Stilling 3, 284
Grollmann; vorgefabelt und vorgelogen hat er seinen zeitgenossen genug E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 2, 492; ihm wird ja alles ganz anders vorgelogen Dwinger
zwischen weisz u. rot (1930) 123. 33)
mit näherer bezeichnung des inhalts der lüge, kühnere wendungen in gehobener sprache: (
dasz er) hernach dem volck diese erdichte gottwendung vorgelogen habe Grimmelshausen
Simpl. 4, 877
Keller; so wie die kunst centauren erschafft, so kann sie uns auch jungfräuliche mütter v. Göthe 45, 268
W.; reisz ich dir die maske ab, die mir muth vorlügt Klinger (1809) 3, 289; dasz sie jenem frauenzimmer eine fürstliche abstammung vorgelogen hätten Immermann 1, 115
B.; die vorgelogene herrlichkeit des gemüthes Hegel (1832) 1, 1, 310; weichling, der sich gefühle vorlügt Stifter (1904) 1, 61; lügner, du lügst selber die thränen uns vor Herder 26, 60
S.; dasz mir ein traum den teufel vorgelogen Göthe
Faust 1528; auf! lüge dann, du stolze leidenschaft, ihm hoheit vor und macht Tiedge (1823) 1, 211.
andere wendungen: ich unterrichtete sie auch noch vieles anders dings, so sie meinem weib von desz doctors begierde noch (
l. nach) ihr vorligen solte Grimmelshausen
Simpl. 4, 552
Keller; von meiner guten stimmung zum arbeiten ist dir etwas vorgelogen worden Schiller
br. 1, 379
J.; was er ihr von dem hahne so genialisch vorgelogen Klinger (1809) 10, 52; wenn man mährchen nicht von ihm mir vorgelogen Lessing
Nathan 3, 3.
das object wird durch einen satz ausgedrückt: (
wie der teufel) ihnen (
Adam und Eva) vorgelogen, sie werden wie die götter werden Abr. a
s. Clara
Judas (1689) 2, 167; lüge dem vater vor, ich wäre zu bette Klinger (1809) 1, 131; allegorie entsteht, wenn der verstand sich vorlügt, er habe phantasie Hebbel
tageb. 2, 44
W. —
ungewöhnlich: (
die rechte) der souverainität, die man zu vertheidigen vorlog Zschokke (1824) 1, 263. 44) vor-
zeitlich bei Jean Paul: seltener und gefährlicher als ablügen ist bei ihnen v. (
eine auf die zukunft bezogene lüge vorbringen) 55/58, 85
H., s. vorlüge. 55)
auffallend mit acc. der person statt des dativs, wenn hier nicht druckfehler vorliegen: unsern könig erst hab ich vorgelogen und mit einem schatz listkühnlich betrogen
Reinicke fuchs (1650) 246; ich meinte, ich solte die liebste seyn, du hast mich vorgelogen
Venusgärtlein 39
ndr.