vorläufer,
m. ,
vgl.fürläufer
th. 4, 1, 1,
sp. 766. II.
mhd. vor-, vürloufer, -löufer Lexer 3, 473; Jelinek 886;
precursor vorlauffer, -leuffer Diefenbach
gl. 453
a; vorlöuffer, der,
antecessor, antecursor, praecursor, prodromus Maaler 476
a;
antecessor ... vorleuffer Calepinus
dict. XI ling. (1598) 95
a; vorläuffer Hulsius (1618) 271
a; vor-,
sive fürlaufer Stieler 1087; vorläufer Steinbach 1, 999; Adelung; Campe;
mnd. vorloper Schiller-Lübben 5, 398
a;
mnld. voreloper Verwijs-Verdam 9, 119. —
dem ahd. foraloufo (Graff 4, 1121)
entspricht mhd. vorloufe, vorlouf
mhd. wb. 1, 1047
b; Lexer 3, 473;
s. oben vorlauf 5 c. —
ein ebenfalls untergegangenes vorläufel
ist oben belegt. —
die unumgelautete form, die Stieler
als einzige anführt und die noch von Campe
verzeichnet wird, ist im älteren nhd. sehr häufig, verliert sich aber im 18.
jh.: schreibt er von unsers herren vorlauffer
d. erste dt. bibel 1, 192
Kurrelmeyer; desz teufels vorlauffer Luther 10, 3, 1905
W.; seine vorlauffer im geist Mathesius
Sarepta (1571) 122
b; laggey und vorlauffer des schlaffs Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1268; der h. tauffer und vorlauffer Christi Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 1, 68; Johannes der tauffer, welcher gewest ist sein vorlauffer H. Sachs 14, 304
K.-G. vereinzelter später beleg: der vorlaufer von dem tode des letztern Abbt (1768) 6, 1, 59. —
aus älterer zeit ist noch die form vorloffer
zu erwähnen: precursor vorloffer Diefenbach
gl. 453
a; ein vorloffer und ein bott ... des almechtigen gottes
d. heiligen leben, winterteil (1471) 6
a; hynder dem vorloffer
Terenz deutsch (1499) 69
a. IIII.
verglichen mit dem verbum, von dem v.
abgeleitet ist, hat sich seine bedeutungsentwicklung in einer grade entgegengesetzten richtung bewegt. während bei vorlaufen
der freiere, bildliche und übertragene gebrauch immer mehr zurücktritt, ist bei vorläufer
grade dieser reich entwickelt, und die auf dem eigentlichen sinn von laufen
beruhende anwendung ist verhältnismäszig beschränkt. II@11)
einer, der anderen laufenden voran-, vor ihnen her läuft, auch wohl einer, der andern zur nachahmung läuft: ohne zweifel hatten meine zwey letztern verfolger, bey dem traurigen verhängnisse ihrer vorläuffer, einen eckel geschöpfft, mir weiter nachzueilen Schnabel
insel Felsenburg (1744) 1, 49; der v. oder anläufer läuft in der rennbahn von einem rande zum andern Fr. L. Jahn 2, 27
E.; zugleich entdeckte er, dasz seine v. nicht mehr sichtbar ... waren G. Keller (1889) 4, 259. —
von reitern im wettspiel: (
sie muszten) einen mohrenkopff mit dem schwerdte abhauen; und den, welchen sein vorläuffer abgehauen, mit einer lantze anspieszen Lohenstein
Armin. (1689) 2, 1164
b.
im bilde: dasz ich in litterarischer hinsicht keineswegs
[] ein v., sonder nur ein mitläufer bin fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 95. II@22)
der eigentliche sinn von laufen
ist noch festgehalten, wenn v.
im sinne von läufer 2 c (
th. 6,
sp. 326)
gebraucht wird, d. h. den diener bezeichnet, der dem wagen des hohen herrn vorausläuft, oder auch von ihm vorausgeschickt wird, seine ankunft zu melden; dann in letzterem sinne auch in allgemeiner anwendung, im sinne von vorbote, ankündiger, herold u. ä.: anteambulo ein vorlauffer, ein knecht, der vor seinem herren reytet oder gehet Calepinus
dict. XI ling. (1598) 95
a;
praecursor vorlauffer, vorbott 1127
a; es ist ein v. (
forerunner) von einem fünften (
werber) da, vom prinzen von Marocco
Shakespeare kaufmann v. Venedig 1, 2; v. des fürsten von Hechelkram Immermann 2, 14
B.; so wollt ich einem fürsten vorläufer und vorreiter (
gönnen) Rückert (1867) 2, 196.
vorausgereiste personen eines hofstaates: der commandant der garde ... und sonst andre v. Caroline 2, 286
Waitz. —
übertragen auf das volk des '
bienenkönigs',
des pabstes: wann er hinausz will, mag man es lang zuvor an dem getümmel und geschwürm der vorläuffer gewar werden Fischart
bienenkorb (1588) 265
a. —
frei und zugleich zeitlich: v. und vorreiter zu einer winzigen lust Jean Paul 1, 375
H.; von einer ganzen truppengattung: büchsenschützen, mit brennenden lunten, welche man tixe-lakoo, oder vorläuffer des königl. zorns zu nennen pfleget Ziegler
asiat. Banise (1689) 372. —
frei in gehobener sprache: die wir, die irdischen schergen gottes, v. der geflügelten heere, die er in seinen wolken mustert, den frevel aufsuchen H. v. Kleist
Käthchen 1, 1.
der den personen des spiels vorausgehende anmelder und prologsprecher: des ersten spricht der vorlaufer zum volk
fastnachtsp. 1, 468;
preco vorloper Diefenbach
n. gl. 300
b. II@33)
zur sicherung vorgeschickte truppen: damit man vor des feindes unversehenen anfall gesichert sei, soll und kan weder das kriegszheer, noch die reuterei oder einige truppe abgesondert reiten, ehe sie vorleuffer voran gesandt Neumair
kriegsregeln (1625) 44. II@44)
wie vorgänger
im zeitlichen sinne mit verblassen der bedeutung von laufen,
wobei die vorstellung, dasz ein nachfolgender angekündigt, oder dasz sein kommen irgendwie vorbereitet wird, fast immer festgehalten ist. II@4@aa)
von thieren: die störche, die wachteln ... und so andere vogel mehr als vorläuffer der sömmerlichen und winterlichen sonnen Prätorius
winterflucht der sommervögel (1678) 193; (
der wendehals) kommt ... als v. des guckgucks Oken
allg. naturgesch. (1839) 7, 209. —
vorgänger in der entwicklung der arten: weshalb auch letztere (
kriechtiere) als v. der gefiederten rückgrattiere aufzufassen sind Brehm
tierleben (1890) 4, 1. II@4@bb)
Johannes der täufer ist der v.
Christi: von dem komen heyst auch
s. Johannes seyn vorleuffer Luther 10, 1, 225
W.; der engel hatte es seiner mutter gesagt, dasz er desz Messiae vorläuffer seyn soll Ayrer
hist. proc. juris (1600) 202; der vorläuffer und wegbereiter desz Messiä Schupp (1663) 308; dann der täufer als v., taufe und versuchung Jesu D. Fr. Strausz (1877) 3, 72; lese wi doch van sunte Johannen, dem hilgen doper, den Cristus sulven lovede, ôk was he sîn vôrloper
d. dodes danz 98
B. in gewagtem bilde: die gute pastorin hatte sich eingebildet, dasz der lindenbaum vor dem pastorat ... jetzo ihren tod ankündige und ihr v., ihr Johannes seyn würde Hippel
lebensläufe (1778) 2, 419;
auch Göthe
denkt in folgender stelle an Johannes: zu sorgen, wie ich ihr (
der herzoginmutter) als ein getreuer v. den weg (
nach Italien) bereiten könnte IV 8, 326. —
von andern, die auf Christus hinweisen oder ihm vorarbeiten: Moses und die propheten seint vorlauffer Christi gewest Egranus
ungedruckte predigten 120
Buchwald; er (
Sokrates) war darin ein v. Christi Fichte (1845) 7, 602. II@4@cc) v.
des Antichrists: das müssen wir dem Luther zuolassen, als einem vorlauffer des Antichristi Nas
d. antipap. [] eins u. hundert (1567) 1, 28
a; das der ein vorbott und v. des Antichrists und ein son des verterbens seie, wer sich nennt eyn generalbischoff Fischart
bienenkorb (1588) 37
a. — Machomet ... eyn vorlouffer des Antichrists
chron. d. Wigand Gerstenberg 40
Diemar. — v.
des teufels, einer der ihm vorarbeitet: das wir sie fur heilige geystliche vetter gehallten haben, die seelmorder und teuffels vorleuffer Luther 11, 385
W.; was, prediger der lügen, abgesandter der schelmerei, apostel der verläumdung, vorläufer Belzebubs, auch du schon hier? Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 9, 155. II@4@dd)
zeitlich vorausgehend in der gleichen wissenschaftlichen, künstlerischen oder einer sonstigen leistung, fast immer mit dem nebensinne, dasz durch den nachfolger ein weiterer fortschritt erfolgt: Hume, der durchaus als Kants v. erscheint Schopenhauer 1, 649
Gr.; (
Kant,) der uns bereits als v. von Laplace in bezug auf den ganzen weltbau begegnet ist D. Fr. Strausz (1876) 6, 122; Milton aber ist nicht der v. gröszerer geister gewesen Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 2. II@4@ee)
das vorhergehen, die ankündigung, vorarbeit, die vorwegnahme von gedanken kann sich auch auf unpersönliches beziehen: (
Sokrates) tritt mit der miene der nichtachtung und der überlegenheit als der v. einer ganz anders gearteten cultur, kunst und moral in eine welt hinein
u. s. w. Nietzsche (1895) 1, 94; ein ehrwürdiger patriarch, unermüdlich in werkthätiger liebe, ein v. der inneren mission Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. 3, 400. II@4@ff)
der v.
wird zum vorbild: (
er) wunschte denn, daz er in geischlicher wise aller minner und minneklicher herzen ein vorlofer weri Seuse
dt. schr. 26
B.; der auch hinein gehet in das inwendige des vorhangs, dahin der vorlauffer fur uns eingegangen, Jhesus
Ebr. 6, 20. II@55)
in mannigfaltiger anwendung von unpersönlichem: '
in weiterer und figürlicher bedeutung ist der v.
wie vorbothe
eine jede sache, welche vor einer andern hergehet und eine anzeige derselben ist' Adelung. II@5@aa)
von gegenständen und erscheinungen der natur: weil dieser irrstern ... bald ihr (
der sonne) vorläuffer, bald ihr nachfolger ... ist Lohenstein
Armin. (1689) 1, 570
a; um 8 uhr des morgens kamen unmittelbare v. des windes G. Forster (1843) 1, 431; jetzo lief ein wolkenschatten über sie, gleichsam als v. eines dunklern, der ihre seelen suchte Jean Paul 7/10, 497
H.; diesen stern betrachteten die Ägypter als v. der Nilfluth Creuzer
symbolik (1810) 1, 293; da nun windhosen v. von gewittern zu sein pflegen Laistner
nebelsagen (1879) 298. II@5@bb)
zeitbegriffe: so freundlich und hell verging uns allen der abend als ein v. eines noch reichern morgens Jean Paul 59/60, 30
H.; judica, der freundliche v. des palmen- und osterfestes G. H. v. Schubert
selbstbiogr. 2 (1855) 260. II@5@cc)
von schriftlichen aufzeichnungen, abhandlungen, büchern, briefen, literarischen gattungen u. ä.: Nimrod wäre sonst ... der v. des Klopstockischen Messias geworden v. Schönaich
d. ganze ästhet. in einer nusz (1754) 12; hierbey der vorläuffer! die übrigen exemplare kommen mit nächster post Lessing 18, 316
M.; somit aber lebe wohl, damit gegenwärtiges als ein v. manches andern guten noch heute fortkomme Göthe IV 42, 261
W.; ist denn don Juan und Faust auch ordentlich verschickt und überall angekündigt? er ist ein guter v. Grabbe 4, 435
Bl.; (
Bürger) betrachtete seine balladen als die v. des epos Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 49; dieser brief ist der v. meiner ankunft Roon
denkw. (1892) 1, 81. II@5@dd)
und so in allgemeiner anwendung sowohl von gegenständlichem wie von zuständen, vorgängen und sonstigen unsinnlichen vorstellungen: (
mit) rauchgedörrten würsten, kalten eyern und anderen deszgleichen des weins vorleuffern Fischart
geschichtkl. 257
ndr.; (
ein fingerhut) der praecursor, der v., der vorbothe ... des traurings
samml. v. schauspielen (
Wien 1764) 5, 63; v. der galeere waren die liburne v. Alten
hdb. für heer u. flotte (1909) 4, 11. — ist er (
der traum) vieleicht ein v. eurer (
der götter) verborgenen
[] rathschlüsse?
d. neueste aus d. anmuth. gelehrs. 9, 875; dasz grosze und ungewöhnliche ruhe und langer frieden v. von ihrem gegentheile sind Bode
Thomas Jones (1786) 1, 154; und doch war der gedanke nur der v. eines noch schlimmern O. Ludwig (1891) 1, 277; diese übereinkunft sollte nur der v. einer umfassenderen sein Ranke (1867) 30, 183. II@5@ee)
die in -läufer
liegende vorstellung kann völlig verblassen bei räumlicher anwendung: die über den weg verstreuten pferdegerippe ... sie sind die v. eines sicilianischen dorfes Gaudy (1844) 5, 147; (
er) hatte schon das Elsbruch oder die v. davon zu seiner rechten Fontane I 2, 560; mit prachtvollen rückblicken aufs ewige schneegebirge und seine v. H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 106. II@66)
einzelnes, gebrauch in fachsprachen. II@6@aa)
vorzeichen (
vgl. vorlauf 7 g): seind es erkanntniszzeichen oder vorläuffer, so ist es ein sach für die alten weiber Paracelsus
chir. schr. (1618) 335
H. II@6@bb)
in der sprache der bergleute ist v. '
ein förderarbeiter, welcher die gewonnenen massen von den gewinnungspunkten nach dem füllorte schafft' Veith
bergwb. 320;
vgl. vorlaufen 7 c;
vor allem der die arbeit leitende: vorläuffer ..., der hüttensteiger, welcher so wohl auf die öfen als der ertze beschickung wohl achtung geben muszte Minerophilus
bergwerckslex. (1730) 697. —
hierzu: vorläufferknechte sind, welche die ertze im rost auch wieder heraus in die hütte lauffen, kohlen auftragen und schlacken wieder auslauffen
ebda 698. —