voreilen,
verb. ,
s. füreilen
th. 4, 1, 1,
sp. 723; Graff 1, 237; Lexer 3, 586; voreylen, eylen und voranhin gon,
praecelerare Maaler 475
a; voreilen,
antevertere, praevertere, anticipare, praevenire Stieler 366; für
et vor geeilet,
präs. ich eile für,
praefestino Steinbach 1, 325. Adelung; Campe;
wie ein untrennbares compositum behandelt: o zeit! voreilst du meinem grausen thun (
time, thou anticipat'st my dread exploits)
Shakespeare Macbeth 4, 1. 11)
alleinstehend im eigentlichen räumlichen sinne, nach vorn, vorwärts eilen, besonders mit beziehung auf andere, zurückbleibende: voreilen, vorauseilen,
affretarsi per essere il primo ò il primo arrivato Kramer 1 (1700), 280
c; Adelung
bemerkt, dasz es in dieser bedeutung nur selten vorkomme, was für die sprache der gegenwart nicht gilt: zwei mann aus dem ersten glied eilten vor; der grêve mit den sînen begonde vür îlen
graf Rudolf 11, 5.
freier: wenn unsere papiere die voreilenden nur erst ereilt haben Göthe IV 24, 113
W.; ein unvermuhtet voreylend interlocutum erfolgt, dieses inhalts Harsdörffer
t. secret. (1656
ff.) 2, 391. —
von himmelskörpern: so dasz er (
Jupiter) um sechstehalb grad bald voreilt, bald zurück bleibt Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. 4, 4;
von lichtstrahlen: es bleiben also einige theile des sogenannten strahls zurück, andere eilen vor Göthe II 2, 50
W. —
eine besondere anwendung in technischer sprache: dann hat der schieber (
bei der dampfmaschine) beide dampfwege ... schon um ein geringes geöffnet, wenn der kolben sich am anfange seines hubes befindet. die grösze dieser öffnung nennt man das v. (
avance, lead) und den winkel, um welchen das excentrik aus der früheren rechtwinkligen stellung gegen den krummzapfen verstellt wird, den voreilungswinkel Prechtl
technol. encycl. (1830
ff.) 22, 384. 22)
in übertragener anwendung; in dem musikalischen vortrage das tempo schneller nehmen: wenn es von Charlottens geschicklichkeit und freiem willen abhing, ihrem bald zögernden bald voreilenden gatten zu liebe hier anzuhalten, dort mitzugehen Göthe 20, 92
W.; so in mannigfaltiger übertragener anwendung; es kann dabei eine verschlechterung der bedeutung eintreten (
in der richtung auf den durch voreilig
bezeichneten sinn hin): gefährlich ists, wann man mit der artzney füreilet Äg. Albertinus
zeitkürtzer (1603) 39
b; sich noch etwas gedulden und mit dem frieden nicht v. wollen Leibniz
dt. schr. (1838
ff.) 1, 345; verzeihung dem v. Göthe IV 36, 74; dieses v. und nachherige gewaltanthun der natur in ihm O. Ludwig (1891
ff.) 5, 273; das voreilen der jugend, das jungthun im alter Meisl
theatr. quodlibet (1820
ff.) 3, 41.
aber ganz neutral: lassen sie mich v., sagte Charlotte, ob ich treffe, wo sie hin wollen Göthe 20, 49
W.; ja eile nur vor und verlier in die zukunft dich, mein blick Klopstock
Messias 19, 553. 33)
so besonders das part. präs.: es ist also nicht hypochondrie oder kerkerzwang die ursache meiner sinnesänderung, sondern freie, voreilende gnade gottes ists allein Schubart
leben u. gesinnungen (1791
ff.) 2, 186; weil in diesen augenblicken das mechanische der darstellung der voreilenden schöpferischen dichterkraft nicht nach zu eilen vermag Klinger (1809
ff.) 11, 49; haltet den athem an euch, theilnehmende und voreilende leser Jean Paul 27/29, 224
H.; doch half hier ... die feierlichkeit des tempels dem voreilenden glauben Tieck
ges. nov. (1835
ff.) 10, 259. —
ungünstig gefärbt: mein urtheil über ihn (
Homer) sey nicht voreilend Herder 3, 203
S.; lassen sie mich allso allen voreilenden hoffnungen zaum und gebisz anlegen Lavater
verm. schr. 2, 192. 44)
in alter sprache wird dasjenige, dem man zuvorkommt, in den acc. gestellt: dû der fure îlest die snelli dero windo Notker
ps. 103, 3.
jetzt steht in diesem falle der dativ: einem voreilen,
ihn in der geschwindigkeit übertreffen, figürlich, ihm schnell zuvorkommen Adelung;
im eigentlichen sinne durch schnellere bewegung jemandem zuvorkommen, eher irgendwohin gelangen als ein anderer: Antoni, den übrigen voreilend, führte Julien zu dem wagen Göthe 24, 163
W.; wenn ein bettler aufs pferd kommt, so kann ihm kein teufel mehr v. Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 116
b; ich bin euch vorgeeilt in dieses fremde land Schwabe
belust. (1741
ff.) 2, 413; ein jeder strebt, dem andern vorzueilen Gotter (1787) 1, 110; voreilend ihren tritten lasz beblümt an teppich teppiche sich wälzen Göthe
Faust 9342; die königinn naht sich, herr, ich eilt ihr vor Schiller 15, 1, 39
G. dann freier; an einen gestorbenen: du in dein Canaan mir vorgeeilter freund! schau wie mein auge dich als meine lust beweint Bock
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721
ff.) 5, 219; es eilte meinem lied die braut acht tage vor Brentano (1852
ff.) 2, 571.
von himmelskörpern: die dem aufgang der sonne voreilende Venus Göthe 24, 184
W.; Merkur und Venus, die bald der sonne voreilen, bald von ihr eingeholt werden Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823
ff.) 1, 37;
von zeiten: wenn die monate (
der Römer) den unsrigen entsprachen oder ihnen voreilten Niebuhr
röm. gesch. 2, 92. — es (
ein bild) eilte mir ... wirklich vor (
kam früher an als ich) Göthe IV 12, 363
W. 55)
bei dem freien und übertragenen gebrauch mit dem dativ ist zu beachten, dasz der sinn sehr verschieden gefärbt sein kann; es kann ein zeitliches zuvorkommen bezeichnet sein oder ein bestreben, in einem wettstreit irgend welcher art einen anderen hinter sich zu lassen, wobei auch wiederum ein günstigerer sinn eintreten kann, aber nicht musz: erfindungen kamen hiezu, die ... ein volk vom andern borgte, worinn eins dem andern vorzueilen suchte Herder 17, 301
S.; Cyrus bediente sich seiner gewöhnlichen behendigkeit, die dem gerüchte von seinem vorhaben immer vorzueilen pflegt Wieland 3, 23
ak. ausg.; der mensch glaubte gott nicht; er wollte seiner herrlichkeit v. Schubart
leben u. ges. (1791
ff.) 2, 258; warum wird man doch gerade in solchen fällen erinnert, dasz der gute wille den kräften so weit voreilt Göthe IV 23, 54
W.; schon im ersten band ... muszte ich der strengern untersuchung durch einige erwähnungen v. Niebuhr
röm. gesch. 2, 354; nein hier (
auf dem theater) gilt nicht, dasz einer athemlos dem andern heftig vorzueilen strebt Göthe 13, 1, 156
W.; so haben die menschen auch in der letzten unseligen zeit voreilend gealtert Pyrker (1855) 3, 3; vorgeeilt der zunge schon hätte das mein herz gefleht Droysen
Äschylus (1841) 79; als wär mein mund unsittsam vorgeeilt der mutter wahl O. Ludwig (1891
ff.) 4, 298.
ein zeitbegriff steht im dativ: alles hat seine zeit und stunde. wer diesen voreilt, übereilet sich selbst Herder 16, 299
S.; ists nicht tausendmal adlerflug oder adlerblick, der jahrhunderten voreilt? Lavater
physiogn. fragm. (1775
ff.) 1, 54; das genie mit groszsinn sucht seinem jahrhundert vorzueilen Göthe 42, 2, 243
W.; die entwicklung die bei jener ihren jahren bereits um vieles vorgeeilt ist O. Ludwig (1891
ff.) 2, 548. —
in besonderer wendung: fürst, der du jeglichem das seine zugetheilet und mit dem deinigen der nothdurft vorgeeilet (
sie nicht hast aufkommen lassen) Pietsch
ges. schr. (1740) 65; das letztere (
blatt) aller forderung und erwartung voreilend (
sie übertreffend) Göthe IV 34, 232
W. 66)
hierzu voreiler, m., an einer dampfmaschine Hoyer-Kreuter
technol. wb. 1, 820;
s. unter 1. —