vesperzeit,
f.,
mhd. vesperzît
mhd. wb. 3, 915
a; Lexer
mhd. hdwb. 3, 326;
nachtrag 395;
vesper, spat zu
vesper zyt so die sunn nyder gat o. wann es anfahet nacht werden;
vesperare, vespertijt of aevend werden;
vespertinum, spade vespertijd Diefenbach
gloss. 615
c;
vesper, der abend, abendzeit, vesperzeit Corvinus
fons lat. (1646) 965; vesperzeit,
tempus vespertinum Frisch 2, 399
c; vesper-zeit,
nachmittagszeit Adelung; vesperzeit, '
zeit, da gevespert wird' (
nach vesper 3
und vespern 1);
zunächst nach vesper 1,
zeit, in der die kirchliche vesper gehalten wird; in diesem engeren sinne kann demnach (
s. vesper 1)
auch eine frühe nachmittagstunde gemeint sein: (vesperzeit) das ist im sommer umb drey und im winter umb zwo uhr nach mittag
quelle von 1554
bei Schmeller
bayer. 1, 849; umb vesperzeyt, anfang desz abendts,
prima vespera Maaler 440
c;
mit der vesperzeit
geht der tag zu ende, beginnt der abend, daher wird auf den vorgeladenen bis zur vesperzeit
gewartet: der rihter und der klager suln ûf dem lanttegedinge warten der, den dâ für geboten ist, unz ze vesperzît; swer danne nüt enkomet, der ist der buoʒe schuldig
schwabensp. landrecht 358; vor einer vesperzîte huop sich grôʒ ungemach
Nib. 757, 1 (
Kriemhilt und Prünhilt gehen dann zur vesper); und nach der vesperzeit ruoft man laudes Richental
chron. d. Constanzer konzils 96; hüpsche gebetlin zuo sprechen zuo vesperzyt
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) C 3
a; die vordere thüre stand nur auf, weil zur vesperzeit alle kirchen geöffnet sein sollen Göthe 30, 37
Weim.; ungewöhnlich, den kirchlichen dienst selbst bezeichnend: ist ... nicht vesperzeit, nicht prim und nona dir geweiht?
allg. deutsche bibl. 68, 608;
vom morgen bis zum anbruch des abends: und das plutvergyeszen weret von morgen an pisz zu vesperzeitt Schiltberger
reiseb. 6, 27
lit. verein; da stuond er vor dem bapst der antwort gewartende, von morgens nüchtern bisz zuor vesperzeit S. Franck
chron. Germ. (1538) 124
a; als wurt die mettin gefangen an und wert dick zuo der vesperzyt Brant
narrensch. 87, 9;
von mittag bis abend: das währet von der none bis zur vesperzeit Arnim 13, 142; dat häldt van vespertîd bit de hauner opflaiget
d. h. garnicht (
die hühner fliegen auf, um zur ruhe zu gehen) Woeste
westfäl. 297
b.
in protestantischen ländern muszte die beziehung zur kirchlichen vesper allmählich verloren gehen, dafür wirkt aber die bedeutung von vesper =
zwischenmahlzeit ein (vesper 3); vesperzeit
als zeitbestimmung in der alten bedeutung verschwindet infolge dieser doppelsinnigkeit allmählich aus der schriftsprache, während es zu beginn des nhd., wie die belege zeigen, noch viel gebraucht wird (
ende des nachmittags, anfang des abends): ze vesper zyt kamen sy an ain groszes flieszendes waszer Stainhöwel
Äsop 241: (
die taube) kam zu jm umb vesperzeit, und sihe, ein oleblat hatte sie abgebrochen 1
Mos. 8, 11 (am abend
erste deutsche bibel h. von Kurrelmeyer); zuo vesperzeyt stuond er auff zuo tanzen Franck
chron. Germ. (1538) 29
b; als aber der artzet zuo vesper zeit zuo dem krancken gehn ... wolt Montanus
schwankb. 375; und als ich auch umb vesperzeyt zum bier kame
nachtbüchlein 233; wölle sie selbigen tags, gegen vesperzeit, in ihrem garten ... seiner acht nehmen Kirchhof
wendunmuth 2, 443;
d. Faustus ... beschwure jn, dasz er jhm auff vesper zeit widerumb allda solte erscheinen
volksb. v. dr. Faust 17
neudruck; die schlacht verzoch sich in zweyffelhaftem glück bisz zu vesper zeyt Stumpf
Schw.-chron. 264
b (1606); zur vesperzeit selbigen tags Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 377; hiermit freundlich zu erbitten, dass sie morgen zu vesperzeit ... erscheinen Harsdörffer
teutscher secretarius (1656—59) 1, VIII
a; zur morgens, mittags und vesperzeit Bode
Tristram Shandy (1774) 3, 208; um vesperzeit kam ein rüstiger frischer mann angeschritten Musaeus
volksmärchen 1, 50
Hempel; um die vesperzeit wurde das theezimmer geöffnet
phys. reisen (1778/79) 4, 245; um vesperzeit eilten die von Bern den Schweitzern und Solothurnern wider die reiterey zu hülfe J. v. Müller 20, 255; zur vesperzeit lagerten wir Ritter
erdkunde 14, 889; unsereiner wird nicht mehr ums dorf gehen dürfen zur vesperzeit Holtei
erz. schriften 16, 28; zu vesperzit, als David quît: convertentur ad vesperam Brun v. Schonebeck 10679; und sollet (
das passahlamm) oppern uff den tisch zu vesperzit also frisch
Alsf. pass. 102, 3253; alle ding war schon zu bereyt zu nechten umb die vesperzeit H. Sachs 1, 64, 24
Keller; und als ich gleich umb vesper-zeit kam zu der stat eins stain-wurffs weit 2, 395, 5; wie das eins mals zu vesper-zeyt ein ochss mit gar schwerer arbeit an hertem joch in einem pflug das erdtrich im acker umbzug 9, 188, 5; nun bist du ye gestanden sider vesperzeyt an dem schwatzen mark
fastn. sp. 4, 40, 122
neudr.; bald aber sich die sonn thet neigen, und gleich die vesperzeit erzeigen Spreng
Ilias (1610) 235
a; ich wancke, wie das gras, so von den kühlen winden umb vesperzeit bald hin geneiget wirdt, hald her Opitz
poemata (1624) 48
neudr.; die schlacht begann in Chiviat eine stund' vor vesperzeit Herder 25, 487.
schon in älterer zeit kann natürlich eine beziehung zur zwischenmahlzeit vorliegen und doch vesper
im kirchlichen sinne genommen werden: nû nâhet eʒ der vesperzît: holâ vuoter! wart geschrît ... darnâch ein knappe vruoter rief lûte und niht lîse: holâ, holâ küchenspîse! sô rief ab einer: holâ tranc Heinrich v. Freiberg
Tristan 579; es ist noch nit vesper zeitt so man uns ze essen geit Hätzlerin 164 (
nr. 18).
mit bezug auf die letzten dinge: daʒ uns der lôn zu nône werde und auch zu vesperzît H. v. Neustadt
gottes zukunft 8074;
vgl. vesper, der welt alter Diefenbach
gloss. 615
c.