verwühlen,
vb. ,
vereinzelt ahd. bezeugt: expulit far-, fir-, foruuolit (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 134, 19
St.-S. nhd. im sinne von '
umwühlen, aufwühlen, zerwühlen': ver- und zerwühlen
subigere sarculis Stieler
stammb. (1691) 2582.
mundartlich: ferwölen
verwühlen, wegwühlen Doornkaat Koolman
ostfries. 1, 472; verwäule
verwühlen Hönig
Köln (1905) 195; verwullen
in unordnung bringen, verwühlen, lux. ma. 468; verwule
n durcheinander wühlen Fischer
schwäb. 2, 1419; verwüe
hlt
von leuten, die gerne im boden wühlen Martin-Lienhart
elsäss. 2, 818; verwühlen Unger-Khull
steir. 228. — verwielen ein feld
agrum suffodere (
ndrhein.)
bei Aler
dict. (1727) 2, 2034
b stellt sich zu mnl. welen
oder wielen '
wälzen, umwühlen' Verwijs-Verdam 9, 2, 2097; 2448;
hierher vielleicht auch verweelen
oder verwehlen
verwühlen, verwirren (
hauptsächl. v. garn, zwirn, seide u. stroh) Hupel
Lief- u. Esthl. (1795) 250. 11)
vom schaden, den tiere (
besonders schweine)
auf kultiviertem land anrichten; die schweine verwühlen die gärten, die weingärten
li porci guastano, dissipano li giardini, le vigne Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1398
c: es haben in (
den weinstock) an aller stet verwület und verderbet schier die wüsten sew und wilden thier Hans Sachs 18, 317
lit. ver.; ... die gänsz ... sihet man ... die früchte abfrässen, verwülen vnd verterben Sebiz
feldbau (1579) 110; darein (
in den gärten) die schweine und anderes vieh lauffen, alles verwüsten und verwühlen Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 43
a; schweine verwühlen vollend auf wiesen alles, zumal die wilden sauen
allg. haush.-lex. (1749) 3, 724; da unser land, der see-umzäunte garten, voll unkraut ist, ... verwühlt die beet', und die gesunden kräuter von ungeziefer wimmelnd
Shakespeare 5 (1799) 239.
im bildlichen ausdruck (
von menschen): auf, sänger! auf, entfaltet die standarten, mit den philistern laszt uns trotzig rechten, die uns verwühlen unsern blüthengarten Strachwitz
ged. (1850) 118. '
einwühlen, unterwühlen': er gestatte auch den hirten nicht, die mast überflüssig von den bäumen zu werffen, denn auf solche art (
wird) die mast in die erde verwühlet
Noel Chomel öcon.-phys. lex. (1750) 6, 584.
reflexiv: lasst der Bellonen söhn' auf euch mit drängnis spieln, lasst sie an Pindus fusz als pachen (
bachen) sich verwühln W. Scherffer
ged. (1652) 263. 22)
weniger gebräuchlich in anderen verwendungen. vom haar: er preszt den reizenden kopf fester an sich und verwühlt die kostbare frisur Hohlbaum
mann a. d. chaos (1933) 121; auch hat man auf dem weg nach dem lazaret zum öftern verwühlte paroquen (
perücken) gefunden (1679) Abr. a
s. Clara
w. 2, 111
Strigl. vom gesichtsausdruck: er risz ihr das tuch weg und sah in ein vom weinen ganz verwühltes gesicht H. Federer
berge u. menschen (1911) 151.
von der liegestätte: besser ists, man setze keine so grosse ehrensache darin, das brautlager auf den glockenschlag in grosser fieberwallung zu verwühlen Bode
Montaigne (1793) 1, 166; die junge mutter lag schweratmend im verwühlten bett Stehr
d. begrabene gott (1906) 298.
übertragen auf psychische vorgänge: die gedanken gingen ein und aus in den verwühlten öden kammern ihrer seele Stehr
der begrabene gott (1906) 91.
von der wohnstätte: die weite düne, die seine vorfahren verwühlt und heruntergewohnt hatten Frenssen
Jörn Uhl (1902) 123.
ungewöhnlich: durch kahle sträucher weht der wind. den kalten schnee verwühlt der wind. eine mutter sucht ihr verloren kind J. G. Müller
ged. (1851) 299
Förster. '
einwühlen, unterwühlen': all' die schätze, im schutt verwühlt, sich berühren mit schüchternem klang A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 1, 355; alle ahnenbilder lagen glanzlos in den schutt verwühlt Eichendorff
s. w. (1864) 1, 374. '
einwühlen, verstricken': mir wird mein helles haar zur last, als wäre drin verwühlt ein dunkler limonenast Rilke
die frühen ged. (1909) 77
sich in seelischem schmerz verstricken: und jetzt lieg ich hier auf meinem harten pfühl in dieser fremden kalten kammer und verwühl mich mit erstarrten gliedern wieder in den alten jammer R. Dehmel
ges. w. (1906) 4, 98; so musst du dich ins leben doch wieder finden, nicht in einen schmerz dein selbst verwühlen und an dieses grab dich zäher ranken, als die winde tut H. v. Hofmannsthal
ged. u. kl. dramen (1911) 133.