verurtheilen,
v. ,
mhd. wb. 3, 24, Lexer 3, 282,
in den frühnhd. wörterbb. allgemein. mundartlich selten gebucht. bis in die neuzeit hält sich eine form mit abschwächung des zweiten bestandtheiles: virurtelen, virortelen Diefenbach 454
b; verurtelt
Teuerdank 275
Gödeke; Logau 208
lit. v.; verördelt Rotmann
restitution 64
ndr.; veroirdelt
pilgerfahrt des ritters v. Harff 16; verurthlet Abraham a
s. Clara
Judas der ertzschelm 1, 120; verurtheln Raupach
dram. w. ernster gattung 7, 278; verurtelt Anzengruber 9, 81; verûrtelen
luxemb. mundart 468. 11)
mhd. vereinzelt durch gerichtsbeschlusz bestimmen: dô daz verurteilet wart Rudolf v. Ems
d. gute Gerhart 5815. 22)
allgemein, über einen ein urtheil fällen, adiudicare, prejudicare Diefenbach
glossar.; proscribere nov. gl.; adiudicare, sententiare, condemnare voc. inc. teut.; adiudicare, verrechten oder mit recht verurtheylen
gemma gemmarum a 4
b;
addico, aestimo, anteverto, carpo, circumvenio, damno, condemno Frisius,
damnare, condemnare Stieler 2273.
der sinn ist stets, dasz das urtheil ungünstig ausfällt. 2@aa)
gerichtlich; mhd.: den armen, di vororteilt waren an gerichte Köditz
leben d. heil. Ludwig 17
R.; fröwly, war sind komen dise man, die dich wolten verurteilt han, und die dich har hand presentiert, oder hand sy dich hie condempniert?
schausp. d. mittelalters 2, 220
Monc; zu orkunde wesche ich die hende min, dasz ich nicht vororteil sin blut
Alsfelder passionsspiel 4478; das der Husz und Jeronimus mit recht urtail verurtailt wären Richental
chronik d. Constanzer concils 94
lit. v. nhd.: da er hochverrahts wegen verurtheilet war Heilmann
peloponn. krieg 159; sie wurden vor die commission gewiesen, die den könig verurtheilt hatte Ranke
s. w. 17, 12.
von gott als dem höchsten richter: so der gestreng richter wirt kommen ..., der wirt nit verurtailen die menschen A. v. Eyb
spiegel der sitten 4
b; da er das streng gerichte scheucht, vor dem kein mensch rechtfertig wirdt, sonder verurteilt und damnirt H. Sachs 18, 516
G. häufig ist das substantivierte participium präteriti: daz zaichen des gecreützigten Christi dem armen verurthailten fürtragen Nas
antipapistisch eins u. hundert 1, 220
b; der achtzettel, durch welchen man den verurtheilten 'aus dem frieden in den unfrieden setzte' Ranke
s. w. 1, 80.
an näheren bestimmungen begegnen: 2@a@aα)
bezeichnung der strafe durch präpositionale wendungen. am häufigsten ist zu: dô er verurteilet wart zuo dem tôde
Germania 3, 416
Pfeiffer (
predigtmärlein); den marschall zum tode zu verurtheilen Ranke
s. w. 9, 66; von deszwegen ... zuletzt etlich zum für verurteilt und verbrennt sind worden Zwingli
deutsche schr. 1, 131; zum strang Moscherosch
Philander 2, 294; zu sechswöchentlicher gefängniszstrafe Göthe IV 34, 122
W.; zu den galeeren L. v. Haller
restaur. d. staatswiss. 1, 209;
auch zu den unkosten v. Kramer 2, 1222
c; die kosten zu bezahlen, zu denen sie da verurtheilt worden Ranke
s. w. 1, 293.
ungewöhnlich: die dem tod zuo verurteylet warend
Züricher bibel (1531) 2, 42.
in älterer zeit begegnen auch andre präpositionen: wer das verdächt, der möcht wol an im selber sein verurteilt in des kaisers ächt Oswald v. Wolkenstein 62, 25
Schatz; er wart verurteilt in den tot Hätzlerin 305; die frau klägerin ... in die straf ... groszgünstig verurtheilen Harsdörfer
frauenzimmergesprechspiele 1, m 8
a; Auctrat ... verurtheilt herrn Tristranten auf ein rad
buch der liebe 90
b; einen auf die galeen v. Hulsius (1618) 2, 238. 2@a@bβ)
vereinzelt durch den genitiv: seinen stiefbruder verurtheilte er des todes br. Grimm
deutsche sagen 2, 62. 2@a@gγ)
durch den infinitiv: der verklagt und verurteylt was ze sterben Arigo
decamerone 204
K.; und ward verurteilt zu verbrennen Tschudi
chron. helvet. 1, 483; der gute P. ... verurtheilte mich, vier masz mehl als almosen in ein kloster zu geben Göthe 43, 47
W.; der student wurde vom senat der universität verurtheilt, hier nicht weiter studiren zu dürfen Varnhagen v. Ense
tagebücher 1, 21. 2@a@dδ)
durch abhängigen satz: sie sagten, er wäre ein dieb und führten ihn vor gericht, da ward er verurtheilt, dasz er in einem kasten sollte aufs wasser gesetzt werden
kinder u. hausmärchen 2, 109. 2@a@eε)
bezeichnung der eigenschaft, in der jemand verurtheilt wird: der ward nun durch den official von L. ... offentlich verurteilt für ein ketzer Tschudi
chron. helv. 1, 483; wirstu ... als eyn falscher verräter und eyn treuloser man verurtheylt
hertzog Aymont C 1
b; die angeklagten wurden unschuldig verurteilt als verwilderte, bösartige junge leute G. Keller 1, 86. 2@bb)
in der anwendung auf gott als den höchsten richter ist v.
gleichbedeutend mit verdammen, verwerfen und wird so auch ohne directe beziehung auf das gericht gebraucht: welicher aber zwyflet und darüber die spysz isset, von deren er zwyfel hat, der ist verurteilt Zwingli
von freiheit d. speisen 25
ndr.; (
gott) hat von der sünd wegen die sünd verurteilet oder getödet im fleisch
deutsche schr. 1, 212. 2@cc)
über einen eine abfällige, miszbilligende, geringschätzige meinung haben oder aussprechen. mhd.: er mste sich selber wol v. und in als gros bekenntnisse siner kleinheit komen Tauler
predigten 387
Vetter; dazu das part. prät. verurtheilt,
verurtheilenswürdig, verwerflich, schlecht: owê dir, verurteilter zage, swâ man der milten gedenket, man êret sie, man vliuhet dich, dîn laster sælde krenket, man spît dich an, dîn schande wirt gemêret
minnesinger 3, 102
v. d. Hagen. nhd.: die kunstrichter bedenken nicht, wie unrecht sie verfahren, wenn sie ihm (
Cramer) ihre ideale unterschieben, und ihn nach diesen v.
briefe über merkwürdigkeiten der litt. 104
lit.-denkm.; sie müssen den fürsten nicht v. Laroche
gesch. d. fräul. v. Sternheim 1, 122; so strenge richtet und schlieszet nur der, den sein eigenes herz verurtheilt Klinger 3, 97; soll man nun Mirabeaus ganzes treiben ... v. als das zeugnisz einer gesinnung voll inneren unlauteren widerspruches? Dahlmann
französ. revol. 349; jetzt verurtheilten alle höfe mitleidslos sein schwankendes, zweideutiges verhalten Treitschke
deutsche geschichte 3, 184. —
dazu verurtheilenswürdig Thomas Mann
Buddenbrooks (1904) 12. 2@dd)
bildlich zu einem lose, einem schicksal, einer bestimmung v.: diese schönen augen, die geschienen haben verurtheilt zu seyn, sich die beste zeit des tages auf einen spitzenpult zu kehren
discourse der mahlern 2, 136; ein seltsamer miszverstand der natur hat mich in meinem geburtsort zum dichter verurtheilt Schiller 3, 528
G.; des besten willens ... sich bewuszt, war er dazu verurtheilt, den ruin seines vaterlandes vor seinen augen sich vollziehen zu sehen Mommsen
römische geschichte 2, 191; einige allenfalls zum cölibat verurtheilte schwägerinnen Ebner-Eschenbach 4, 16.
auch reflexiv: das hiesz sich selbst zur ohnmacht verurtheilen Dahlmann
französ. revol. 390; denn wer sich willig knechten läszt, verurtheilt selber sich zum knecht Geibel 1, 209.
verurtheiler, m., damnans, damnator Stieler; seine eigene verurtheiler Lohenstein
Arminius 1, 708
b; dasz er seinen blinden verurtheilern gern verzeihe Becker
weltgeschichte 2, 243. —