vertrackt,
adj. und adv. ,
von hause aus umlautloses part. prät. zu dem verb. vertrecken '
verziehen, verzerren, verwirren' (
s. d.).
es erscheint als selbständiges wort zuerst auf mitteldeutschem boden. die ältesten belege finden sich bei schlesischen schriftstellern; in der vorrede zu Rädleins
sprachmeister (1716)
wird es als meisznisch erwähnt (
vgl. Kluge etym. wb.),
in Estors
teutscher rechtsgelahrtheit (1767) 1422
als oberhessisch ('
boshaftig'); Adelung
bezeichnet es als im gemeinen leben und der vertraulichen sprechart sehr häufig und so wie verzweifelt
gebraucht; entsprechend Campe '
äuszerst verworren, seltsam, arg und unangenehm'.
in den lebenden mittel- wie niederdeutschen mundarten sehr häufig: thüring. Hertel 246;
mansfeld. Jecht 119
a;
in Leipzig und Berlin Albrecht 231
a, Brendicke 189
a;
lausitz. Anton 5, 13 (
oft '
listig')
; in Posen Bernd 338;
preusz. Frischbier 2, 443
a (
auch '
verstockt')
; pomm. Dähnert 528
b (
noch '
verunstaltet')
; waldeck. Bauer-Collitz 32
a ('
verkehrt, unförmlich')
; köln. Hönig 195
a ('
übelgelaunt, bösartig')
; osnabrück. Strodtmann 262 (
als adverb. '
sehr').
in die obd. mundarten ist es erst aus der schriftsprache eingedrungen: schwäb. Fischer 2, 1381;
schweiz. Seiler
Basel 106;
elsäss. Martin-Lienhart 2, 753
a.
im 18.
jh. wird es von obd. schriftstellern aufgenommen und macht sich besonders in Österreich heimisch. in der heutigen schriftsprache ist vertrackt
nach Eberhard - Lyon
ein derber kraftausdruck für verzerrt
in seiner uneigentlichen bedeutung; ob es im bewusztsein der gebildeten zu lat. contract '
verkrümmt, zusammengezogen'
in beziehung gesetzt und daher als fremdwort empfunden wird (
ebd.),
ist wohl recht fraglich. es wird thatsächlich ganz wie verdammt, verflucht, verteufelt (
s. d.)
gebraucht. 11)
die grundbedeutung '
verzerrt'
scheint Göthe
noch deutlich vor augen zu haben: meist schöne männer, keine einzige vertrackte gestalt, mehrere grosz 30, 128
Weim.; sagte der leidige pfaffe, mit so einer gewissen vertracten miene 44, 283.
in doppeltem sinne von körperlicher entstellung wie geistiger verwirrung: absurd ist's hier, absurd im norden, gespenster hier wie dort vertrackt, volk und poeten abgeschmackt 15, 144 (
Faust 7793). 22)
in verblaszter bedeutung attributiv gebraucht: ausz einem halsstarrigen und vertrackten bösen sinne Prätorius
blocksberg 295; so züchtigt mir den geilen Midas-sohn, bis sein vertracktes fell die spate reu empfindet Günther
ged. 492; winterbeulen machst du mir, du vertrakte liebe! Schiller 1, 350; eine vertrackte art die leute zu bedienen! Wieland
werke (1794) 12, 41 (
Sylvio 2, 5, 4); das vertrackte französische wort Kretschmann 4, 15; die dreifach verhöllte, vertrackte geschicht' Anzengruber 3, 309; das vertrackte baumwollenspinnen Bräker 2, 95; die vertrackten phrasen hingen sich aneinander wie harzige kletten Keller 6, 310.
mit persönlichem subst.: der vertrackte bösewicht Lohenstein
Arminius 2, 1554; ein vertrackter kerl der Schnaps! Göthe 17, 262
Weim.; so ein vertrackter tausend sa sa Schiller 3, 360 (
kabale 1, 1); 'lottervolk, vertracktes!' zeterte die Traudel Rosegger
schriften 3, 103. 33)
seltener in anderer form. prädicativ: ey, vertrakt, wenn ich nur erstlich wieder heraus wäre! Lessing 2, 28 (
misogyn 2, 5).
adverbial: die guten leute .., die mich so vertrackt ansehen Friedrich Arndt
in Arndts schriften an s. l. Deutschen 1, 85.
gesteigert: wo ist dann deutsche art? — auf, zeigt mir sie, statt launen, immer bunter und vertrackter Grillparzer 2, 183; als ich hier ankam, hatte ich an einem tage den vertracktesten contrast zu schauen Immermann 20, 176.
als subst. gebraucht: aber etwas geschmackloses, etwas vertraktes musz hinein Vischer
auch einer 2, 240. — Campe
bucht dazu die vertracktheit; kaum üblich.