versparen,
verb ,
mhd. versparn
mhd. wb. 2, 2, 486
a; Lexer
mhd. handwb. 3, 243; auf-, drauf-
et woraufsparen,
differre, prorogare, porrigere tempus, et protollere, quod etiam dicitur versparen,
recrastinare Stieler 2074; wir wollen es versparen bis auf eine bequämere zeit, bis wir wieder zusammenkommen Kramer
deutsch-ital. dict. 2, 850
c (1702);
ebenso bei Steinbach: auf
den dritten tag versparen, auf eine gelegene zeit versparen Steinbach 2, 618; versparen, auf andre zeit,
differre, procrastinare, reservare Frisch 2, 292
a;
auch Adelung
und Campe
schränken das wort auf diese zeitliche bedeutung ein (etwas auf eine andere zeit versparen);
mnd. vorsparen Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 454
a; versparen,
aufschieben Dähnert
plattd. wb. 527
a; verspâren (
im sinne von ersparen, aufsparen) Woeste
wb. d. westfäl. mundart 295
b;
ebenso bei ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 465
b;
nld. verspaeren,
comparcere, parcere, parsimoniam adhibere Kilian 2, 727
b (1777);
jetzt wird das wort in dieser allgemeinen anwendung im nld. selten gebraucht. schwed. förspara,
auf eine andere zeit verschieben. schon aus dem angeführten ergiebt sich, dasz das wort im schriftdeutschen eine einschränkung der bedeutung erfahren hat, es bezeichnet ein zurückhalten für einen späteren zeitpunkt, gewöhnlich auf ein zurückhalten von willensäuszerungen bezogen, also mit unsinnlichem object; oft tritt ein reflexiver dativ zu dem verbum. 11)
ganz allgemein im sinne von schonen, in hut behalten, nicht verderben lassen (
vgl. sparen th. 10, 1
sp. 1922); god ferspârd uns in sîn genade (
läszt uns nicht verderben, Ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 465
b; die proviant nicht wol verwahrt, butter und schmaltz nicht recht verspart Aeg. Albertinus
hirnschleiffer (1664) 529. 22)
etwas zurückhalten, schonen, aufheben, das für einen aus dem zusammenhang sich ergebenden zweck aufgebraucht werden sollte oder könnte: herre, swaʒ daʒ ist, daʒ in vrumt ûf die vart desn wirt niht von uns verspart (
das geben wir gern her).
Mai u. Beaflor; dar kom von Görze grâf Meinhart, der guot vor êren nîe verspart U. von Lightenstein 65, 16;
vgl. unverspart: unt seht an Alexander, der gab unverspart: des vert sîn lop in allen rîchen wîten
minnes. 2, 362
b Hagen; mit persönlichem object: der wüetunde Wolfhart, der sich an strîte nie verspart
Laurin 422;
freier: mîn arbeit sal icb dran versparn (
ich will mir nicht weiter mühe geben)
Marienlegenden 43, 63.
aufheben, für späteren gebrauch: bist du gar nicht zu gewinnen ... wem versparst du deinen garten Günther
ged. (1735) 262 (
zum dativ vgl. unter 4
am ende); wie dumm! hab ich das bischen wein verspart, dem vagabunden hier den hals zu schmieren Bauernfeld
ges. schr. 5, 33;
in freierem gebrauch: nach furcht, gefahr und pein von tausendfacher art, hast du zur letzten qual mir deinen tod verspart J. E. Schlegel
werke 1, 276 (1761);
in geistlichem sinne: wer seine wahrheit so verwahrt, dem wird die lust bey gott verspahrt Schmolcke
sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740. 44) 2, 73.
mit persönlichem object, sich versparen,
sich aufbewahren für: der braut vortreflichkeit rechtfertigt dein entschlieszen, für sie nur hast du dich bisher versparen müssen König
gedichte (1745) 246; ja wenn sie noch am leben sind! sorgt nicht, mein liebes, schönes kind! die sind verspart zu gröszern dingen Bauernfeld
ges. schriften 5, 50,
das wort nimmt dann auch die bedeutung des haushälterischen, ja geizigen aufhebens an. es wird nicht mehr gewicht auf das nicht ausgeben, sondern auf das durch gewohnheitsmäszige zurückhaltung bewirkte ansammeln gelegt, vgl. sparen 7,
a und b th. 10, 1,
sp. 1931, 1932; hê hed sük al'n gôd stük geld ferspârd ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 465
b ; vgl. Woeste
wb. d. westfäl. mundart 295
b. 33) etwas versparen,
es für den augenblick unterlassen; gewöhnlich mit dem nebensinn, dasz es bei anderer gelegenheit wieder aufgenommen werden soll, indessen kann das wort auch einfach das unterlassen bezeichnen, ebenso wie sich etwas ersparen: daʒ man di vart versparte und zu hûse kârte Nicolaus v. Jeroschin 24 800; versparen sie nur jetzt, herr vater, diese überflüssige erzählung, und sagen sie mir kurz, ob ich hoffen darf Lessing
3 2, 6; verspare es nur; ich habe ohnedem jetzo nicht zeit 2, 151; ich musz den beweisz versparen 8, 8; über den inhalt mit ihnen zu sprechen, musz ich versparen, denn ich musz ... erst lesen Gleim
briefw. 1, 14
Körte; da ich sie (
die briefe) bey zeiten geschrieben, aber nur die versiegelung verspart hatte Lichtenberg
briefe (1901
ff.) 2, 76; was du mir noch mehr zu sagen hast, verspare Klinger
werke (1809
ff.) 2, 75; in Heidelberg verspart der reisende von der lage der stadt ... zu sprechen Göthe I, 49, 14
weim. ausgabe; auch deines alters aufgang zeigt, wie sehr der himmel uns geneigt und was sein mittag noch verspare Hagedorn
vers. einiger gedichte 15, 27
neudruck; indess, herr vetter, wollen wir, die küsse noch versparen Pfeffel
poet. versuche 9, 125.
zurückhalten und aufsammeln: wenn nun herr Spanier verschiedene schneiderarbeit für sich und seine leute zusammen verspart hatte, so liesz er meister Isaac (
den schneider) kommen Stilling
leben 3, 65 (1806);
die vorstellung, dasz eine handlung in erwartung des richtigen augenblicks zunächst unterlassen wird, tritt sehr scharf in folgendem beispiel hervor: kein' schritt hat sie noch getanzt. sie hats verspart (
bis auf dein kommen) Anzengruber 8, 242. 44)
gewöhnlich wird im neuhochd. das verb. versparen
nicht wie unter 3
ohne bezeichnung des zeitpunkts, der gelegenheit, die abgewartet, des zweckes, für den etwas jetzt unterlassenes, übergangenes wieder aufgenommen werden soll, gebraucht; die näheren bestimmungen werden durch präpositionen angeknüpft. an: ich habe an diesen ort die beantwortung eines seltsamen einwurfs wider das erhabene gedicht Miltons versparet Bodmer
abh. v. d. wunderbaren (1740) 2; eine anmerkung zu dieser stelle verspare ich ihrer weitläufigkeit wegen ans ende der abhandlung Kästner
verm. schriften 2, 8 (1772).
jetzt würde man bis ans ende
schreiben. auf: weil wir aber diese (
kurpfuscher) zu erkundigen auf eine andere zeit versparen wollen, so mag es auch bis dahin aufgehoben verbleiben
mediz. maulaffe (1719) 275; ernsthafte widerlegungen müssen auf wichtigere fälle versparet werden Liscow
samml.-sat. u. ernsth. schriften (1739) 260; es schien mir bequemer diese zusätze hier anzuhängen, als sie auf die zweyte auflage zu versparen Zimmermann
von dem nationalstolze (1758) 253; ich rede also von dem zeitalter der deutschen sprache, und verspare das übrige auf eine andere gelegenheit Herder 1, 168
Suphan; deren erörterung ich also auf eine analytik des schönen verspare Schiller 10, 76; was sonst noch bei jener ansammlung zu bemerken wäre, verspare ich auf ein andermal Göthe II 9, 49
Weim. ausgabe; der brief ist schon so lang geworden und ich verspare das übrige auf einen neuen J.
und W. Grimm
bricfw. (1881) 128; alle heyrathspläne auf bessere zeiten zu versparen Pfeffel
pros. versuche 5, 44; versparen sie ihre erzählung auf morgen 5, 81; der mond, — und das mag ihm Herodes danken! verspart sein bestes auf die liebe nacht Schiller 1, 244; lasz uns das auf ein gespräch der mitternacht versparen Göthe I 10, 306
Weim. ausgabe; verspart den freudenrausch auf ruh'ge tage Körner
Zriny 2, 4.
bis, in verbindung mit an, auf, zu: doch darf man nicht denken, dasz deszwegen alle einwürfe, bis ans ende des groszen beweises, versparet werden müssen Gottsched
ausführl. redekunst 242 (
allg. th. X.
hauptstück § 10); so darf das emsige anschauen mitten in der arbeit aufhören, und bis ans ende verspart werden Abbt
verm. werke 4, 106; ich ... müsste solches versparen bis auff ein andermal Moscherosch
gesichte (1650) 157; sie wollen es versparen bis auf bessere zeiten (
mein schuldner zu sein) Lessing 2, 219 (
Minna v. Barnhelm 3, 7); den rest meiner nachrichten von Augsburg ... muss ich bis auf den folgenden band versparen Nicolai
reise durch Deutschland u. d. Schweiz (1783
ff.) 7, III; oder sie versparen es bis auf den winter in die stadt Lenz
ges. schr. 1, 21
Tieck: so wäre das verzeichnisz ... bis auf den schlusz zu versparen Göthe IV 28, 171; versparten den beschaulichen schmerz bis auf die tage der ruhe G. Keller
ges. werke 2, 73; die neuen und bekandten maulaffen aber habe ich mit fleisz bis zu anderer zeit versparen wollen
der polit. maulaffe (1679) 345; dasz hingegen die wenige sachenkenntnisz, die ein theologe braucht, sehr füglich bis zur universität verspart werden könne Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 2, 222; wir versparen das weitere hierüber bis zur erklärung der tafeln Göthe II 2, 267
Weim. ausg. bis dahin: bey Hanburgs werden wir uns wohl diesen mittag sehen, bis dahin also sey das weitere verspart Göthe IV 30, 141
Weim. ausgabe. bis hieher: einen poetischen schenkungsbrief ..., den wir bis hieher versparten Herder 12, 129
Suphan. bis zuletzt: man will zwar vorgeben, er habe in den gedachten buchern de consolatione den christlichen trost bisz zuletzt versparet Arnold
unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 267
b; den (
brief) verspare ich mir bis zuletzt Fontane
ges. werke I 5, 152.
jetzt ungewöhnlich, vor einem bis,
das einen nebensatz einleitet: was aber seinen könig betraffe, das versparte er, bis er, sich etwas hierüber zu bedenken, zeit gewinnen möchte A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 33; von welchen beyden ich aber verspare weitläufig zu handeln, bis es zeit seyn wird Breitinger
critische dichtkunst (1740) 1, 51; ich will alle meine entzückungen und alle meine freuden versparen, bis ich die ehre habe ihnen zu sehen Göthe IV 1, 4
Weim. ausgabe. für: (
dasz ich) selbst eine besondere sammlung von dergleichen freundschaftlichen briefen veranstalte. für diese absicht verspar ich zugleich diejenigen briefe
u. s. w. Rabener
sämmtl. werke 1, 83; ich sollte sie (
die mondbewohner) bey ihren gewohnheiten ... lassen, und meine weisen projekte für die erde versparen B. Mayr
päckchen satiren (1769) 107; Britomaris ward lebendig ergriffen, und sein tod für den triumph verspart Niebuhr
röm. gesch. 3, 501; schon gut, schenke mir deine rechenexempel jetzt und verspare sie fürs wochenbüchel Holtei
erz. schriften 22, 76; sie schwiegen oder versparten sich für eine andere gelegenheit die antwort Alexis
Roland v. Berlin (1840), 1, 325; dasz sie ... das beste doch ... für den schlusz der vorstellung versparte Ebner-Eschenbach
ges. schriften (1893) 4, 34.
in: davon ein mehreres in meiner zweyten entdeckung über diese sogenannten fabeln aus den zeiten der minnesinger, .. die ich in den zweyten beytrag verspare Lessing
schriften3 11, 351.
zu: so habe ich ... itzo solche gedancken viel lieber zurücksetzen, und zu anderer gelegenheit versparen wollen Buchner
anleitung z. d. poeterey (1665) 4. (
ich) verspare das übrige ... zu ende des werks Herder 5, 383
Suphan; das beste pfleget, man zum ende zu verspahren Pietsch
geb. schriften (1740) 135.
die verbindung mit zu
ohne vorhergehendes bis
ist später ungewöhnlich. dahin: hier sollte ich nun auch die zeit anzeigen ... allein da uns der 18te vers dieses kapitels eine noch bequemere gelegenheit dazu an die hand gibt, so wollen wir es auch dahin versparen Jung-Stilling
werke 3, 261.
mit dem dativ (
vgl. den beleg aus Günther
oben unter 2): des vaters untergeh'nde sonne lohnt das neue tagwerk nicht mehr. das verspart man dem nahen aufgang seines sohns Schiller
don Karlos 5, 9 (5, 2, 434).