verleben,
verb. lebend aufbrauchen, lebend sich verbrauchen. mhd. verleben,
mnd. vorleven,
jedoch meist in der nhd. nicht nachgewiesenen bedeutung '
überleben': die vrowe hête wol entsaben von unsers herren volleist, daʒ si vor im iren geist mit tode solde gote ûfgeben und er mûste sie verleben.
pass. 627, 58
Köpke; doch beginnt schon im mittelalter unsere bedeutung: ich hân mînes lebens louf leider jemerlîche verlebet unde zu der helle gestrebet.
pass. 371, 47
Hahn. 11)
selten hat sich die bedeutung '
überleben'
erhalten: aber denke nicht, dasz deine treue Zaida das verlebt. ach schon sagt mein brechend herz mir, dasz es nicht mehr lange bebt. Herder
z. lit. u. kunst 8, 358 (1821). 22)
zu ende leben, beendigen, verbringen: wir hatten bereits einige tage in allerley festlichen lustbarkeiten verlebt, als .. Wieland 33, 154; in der geschichte der menschheit wird Griechenland ewig der platz bleiben, wo sie ihre schönste jugend und brautblüthe verlebt hat. Herder
zur phil. u. gesch. 2, 245 (1820); weh thut es den zu hassen, mit dem wir die blüthe der jahre in liebe und eintracht verlebt haben. Klinger 2, 134; wie hier die nacht eintritt, ist der tag entschieden vorbei ... vier und zwanzig stunden sind verlebt, eine neue rechnung geht
an. Göthe 27, 70; selbst mit vielem vergnügen würde ich sie in ihrem vaterland aufsuchen und an dem Züricher see einige zeit mit ihnen verleben. 43, 9; Humboldt, den ihre einladung sehr erfreut, wird mich begleiten, um einige stunden mit ihnen zu verleben. Schiller
in Schiller-Göthes briefw. 1, 38; sieh da die mutter mit der lieben tochter! wir wollen einmal von geschäften ruhn. komm! mich verlangte, eine heitre stunde im lieben kreis der meinen zu verleben. Schiller
hist.-kr. ausg. 12, 276 (
Wallenst. tod 3, 4); in Indiens mythischem gebiete, wo frühling ewig sich erneut, o thee, du selber eine mythe, verlebst du deine blüthezeit. Uhland 65 (1834).
partic.: wer mich davon (
von den mir zum unterhalte dienenden kräutern) vertreibet, der nimmt mir nicht blosz mein leben .. sondern wirklich auch den werth meiner verlebten jahre, meinen schweisz, meine mühe, meine gedanken, meine sprache. Herder
zur phil. u. gesch. 2, 133 (1820); jede verlebte zeit, jede nation, alle gelten ihr gleich; Athen und Rom, Paris, Twikenham und Tibur.
zur lit. u. k. 12, 5 (1821); liebend und hassend lesen wir sie (
die denkwürdigkeiten), indem wir immer doch ferne zeiten, verlebte personen mit den unsern vergleichen. 12, 26; ja wenn ein mensch ... von gewohnten hinlässigkeiten ... noch zu retten, zu heilen ist, wodurch wären sie es, als durch ... einen ernsten zurück- und durchgang seines eignen, wie verlebten lebens. 12, 27; diese wiederkehrende unschuld ist der seligste lohn eines gut verlebten lebens. Klinger 4, 6; durch einen frohen rückblick in ein nicht umsonst verlebtes leben. Hufeland
makrob. 689 (1797); in langer reihe süsz verlebter jahre genossen habe ich der freuden fülle. W. v. Humboldt 2, 361. 33)
intrans. '
alt werden': wenn ein junger gesell eine alte frauw freiet, die on kinder verlebet ist, obs auch eine rechte ehe sey? Luther
tischr. 314
a; aleine da bäte er für, dasz seine kaiserliche majestät ihn als einen verlebten herrn, der nunmehr auf der gruben gienge, wider gottes wort und sein gewissen etwas zu gläuben nicht dringen wolle. Spangenberg
Henneb. chron. 479 (1755); ich scheine mir verlebt und doch so neu in dich verwebt, dem unbekannten treu. Göthe 41, 220.
gern nimmt das wort eine schlimme nebenbedeutung an, besonders das partic. verlebt
vom alter, von krankheit, schwach, werthlos, gebeugt, niedergedrücht: und wo sich sonst einer nit zu behelfen hat gewist, hat man in einer stat ein wonung gemacht, dieselben alten verlebten leut hinein gesetzt .. gott zu dienen. Schade
pasqu. u. sat. 3, 106, 26; wie ein verlebter mensch, der fur alder kindisch wird. Melanchthon
ausg. von J. Jonas 164 (1546); etliche alte verlebte personen.
werke 3, 713
Bretschneider; meine mhume und whase nue mher ein verlebt weib.
Ernest. ges.-arch. 1550; ich armer alter verlebter und betrubter man gebe e.
f. g. zu erkennen. (
Erfurt) 1555; einem alten verlebten und von den feinden beschädigten kriegsmann. Kirchhof
mil. disc. 115; die storchen .. verschluckten alle gifftigen thier, weren auch gegen ihre verlebten eltern dienstbar.
wendunm. 4, 309
Österley; (
wir) werden nottringlich, dich beides umb ersetzung unserer verlebten person auch hilff, rettung und entschüttung dieser land und leut .. zu beruffen .. beweget.
Garg. 408 (1590); ungewisse gedanken, so sich bei alten und verlebten leuten am meisten zu ereignen pflegen. Schoch
stud. leben A; noch härter aber unser verlebten, liben fr. mutter, weil
N. N. unsere arme fr. mutter übel von sich und aus dem hause verstoszen. Butschky
hd. kanz. 637; nun kömmt es dem verräther gar ein, den guten hagestolz mit einem alten verlebten mütterchen zu verkuppeln. Lessing 7, 443; ich will mir nichts zugestanden wissen, als was jedem dichter und mährchenerzähler aus einem fremden, fernen oder verlebten volk zusteht, nämlich dasz er den reichthum, den ihm dies volk und dessen zeitalter gewährt, brauchen dürfe. Herder
zur lit. u. k. 12, 431; welch ein mensch voll verlebten lebens. J. Paul 83 (
von dem jungen verlebten Roquairol); es gibt in der sogenannten gesellschaft eine schichte verlebter menschen. Auerbach
neues leben 1, 106; ir seydt ein alt verlebter mann und solt euch etwas widerfaren innerhalb diesen zweyen jaren, wurdt ich vielleicht des reichs entsetzt. H. Sachs 2, 3, 81 (8, 303, 34
Keller); auch soltens für in als ein alten verlebten, der nit lang wirdt leben, nit so viel junger ledig geben. 2, 3, 156 (8, 609, 38).
von dingen: wo es darauf ankam noch lastende verlebte berechtigungen abzuschaffen. Niebuhr 1, 370; durfte man diese verlebten gewalten, die von den ersten schlägen der feinde zusammenfielen, wieder aufrichten? Treitschke
d. gesch. 1, 130; ich bin leicht zu unglück geborn ausz der götter grimmigem zorn und noch in mein verlebten tagen. H. Sachs 2, 3, 14 (8, 51, 27
Keller); der geschmack an kreuz- und ritterzügen, an blutigen schlachten, an eroberungen und siegesfest ist verlebt; die prächtigste oder genaueste beschreibung dieser herrlichkeiten lohnen wir dem dichter gähnend. Herder
zur lit. u. k. 12, 342. 44)
mit dem leben fertig werden, ableben: die hohe verlebte (
hat) dem guten willen ihres allzeit getreuen dieners mehr gerechtigkeit widerfahren lassen. Heyse
kinder d. welt 3, 301; ich seufftze nicht, dasz mich der tod wird fällen, dasz mein verlebter geist sein wohnhaus lassen musz. Hallmann
Mariamne 47. 55)
reflexiv, sich in einer sache verleben,
lebend durchdringen, sich einleben: dem die scene miszfällt, in der er auftreten, handeln und sich verleben soll. Herder 17, 20; ich kannte nichts als dich, vergasz, verlebte mich ganz in dir; hing an deinen augen, und strebte zu errathen, was du wünschen möchtest. Klinger 2, 139.