verjehen,
verb. sagen, bekennen. mhd. verjehen,
ahd. farjehan,
mnd. vorgên,
holl. vergen.
dieses zeitwort, wie einfaches jehen
in dem älteren deutsch sehr häufig vorkommend, erstirbt gänzlich im 17.
jh. die nhd. wörterbücher führen es nicht auf, jedoch in einigen mundarten noch vorkömmlich, so bairisch Schm. 1, 1205
Fromm., österr. Höfer
etym. wb. 3, 252,
schweiz. Stalder 2, 72 (
Zürich).
das zeitwort ist nur in starker form nachgewiesen (
doch Lohenstein
schwaches prät., s. unten).
jedoch scheint nhd. nur noch das präs. und die davon hergeleiteten formen, sowie das partic. prät. verjehen
geläufig gewesen zu sein. einmal findet sich bei Luther 1, 459
das partic. prät. verjehet.
es ist dies im Wormser edict von 1521
und da sich dieselbe lesart auch in der ausg. von 1555
findet, so ist es wol kein druckfehler. auffallend ist, dasz in einem anderen citate dieser stelle des edicts (Luther 2, 428
b) verjehen
steht: als bald er dieselben bücher gehört, hat er die für seine bücher bekand und verjehen.
im präs. verdichtet sich vor den formen mit stammlaut wol aus gründen der dissimulation das anlautende j
zu g: ich vergihe
u. s. w. 11)
sagen, erzählen: mhd. Klingsôr ûʒ Ungerlant verjach: der vater wider zuo dem lieben kinde sach, mit jâmer er diu ougen gegen im wante.
Wartburgkrieg 31, 3
Simrock; des wil ich ein teil verjên mit arbeitlîcheme sûche an deme dritten bûche.
passional 5, 74
Köpke. nhd. ohne object: und lachen in ires herzen grund, beweisen mit dem angesicht vil anders, dan ir munt vergicht.
fastn. sp. 2, 533; darumb wan ich bedenck .. wie wunderbar dein werck .. so kan ich billich nicht abstehen mit danck und wunder zu verjehen. Weckherlin 27 (
ps. 8, 8).
mit accus. des objects: grüszet Hans
N. er sei mir feind oder hold dennoch wird er müssen verjehen die sach, das ergernis der bösen ficht jnen zu hoch
an. Th. Müntzer
bei Luther 3, 110
b; so ich mich des verstandes halt, den du selbs vergichst, so sprichst .. Zwingli 1, 194 (
so ich mich an die bedeutung halte, die du angibst); bschäm dich nit dein irrsal zu verjähen und zu bekennen.
Züricher bibel (1530) 632
b; nach dem allen nu der sun erwuochse, hat sie (
Semiramis) nit geforcht jr weiblich verhelung frey zu verjehen. Frank
chron. 12
b (1531); dise ding alle wellest ... erkennen und bekennen dier selbs nüt zu schriben, sunder gott alein lob und eer verjächen din leben lang. Th. Platter 113 (
Fechter); dem doch alle doctores das lob veriehent den schmerzen zuo legen. H. Braunschweig
chirurgia 35;
de meliore nota commendare guots verjehen Dasyp. 154
a; davon auch die teuffel newlich ime grosz lob verjehen. Agricola
sprichw. 2, 12; welche (
unholden) alle, nachdem sie beschoren und verkleidet gewest ungestreckt (
ungefoltert) die warheit verjehen. Fischart
Bodin (1591) 206; darumb sie diesem Jesu lob, danck, macht, majestät und alle herrligkeit verjehen und sagen sollen. Ayrer
process. 1, 13; der eine Druys .. verjähete, dasz sich alle erlauchtete Druyden des fleisches enthielten. Lohenstein
Armin. 1, 461; so werdend jr hören und sehen wie man dem lamb sol lob verjähen. Hans v. Rüste
ostersp. A
fol. 3; allein ich eins verjähen will, dasz mich kein lohn noch nutz bewegt, da ich mich erst zum handel legt. Hutten 5, 364
Münch, huic vino mus ich viel lob vergehen, er schmecket mir wol, darumb ich wert vol.
Ambras. lb. 96, 41; ich wil jhr guts vergehen, mit hertz und mund, aus rechtem grund, dieweil ich hab das leben. 191, 12; auff dieser erdt, kein mensch mir lieber werd, ich thu dirs für die warheit verjehen. 211, 29; grosz wunderzeichen wil ich euch veryehen. Wackernagel
kirchenl. 2, 860; wohl denen, denn sie habens gutt, die wohnen in deim haus und hutt, dein lob sie stets verjehen. Joach. Sartorius
in Hoffm. spenden 2, 228; dein lob ich ewig wil verjehen. Schmelzl
blindg. sohn 6
a; disz volck mit mund vergicht mir ehr, jr hertz ist aber von mir fer.
trag. Joh. h 5; vor aller welt darffs ich veryehen. h 3; Thobia, weyl du hast erkendt etlich guthat von mir geschehen, des solt du deim gott lob verjehen. H. Sachs 1, 31 (1, 136, 6
Keller), erst verjach er der warheit sinn wie in die fraw hett hingesendet nach giffttranck. 2, 3, 189 (8, 743
Keller); ich wil die warheit dir verjehen. 3, 1, 142 (11, 24, 30
Keller); nun solchen mörderischen wandel wert ir nach ordenung hie sehen wie es warhaftig ist geschehen, beide mit wort und that verjehen. 3, 1, 171 (11, 133, 7
Keller); so habt ir gehört und gesehen, die gschicht mit hant und mund verjehen. 3, 1, 171 (11, 130, 9
Keller) (
in den beiden letzten belegen ist verjehen
nebst zusatz ausdruck für die schauspielerische thätigkeit); das thu ich auff mein treu verjehen. 5, 214
a; gott verjehen preisz und lob. Jac. Ayrer (
Val. u. Ursus) 2, 288
a; denn wo hat Paulus je verjehen was er im himmel hat gesehen dieweil es ist gar unaussprechlich. Fischart
dicht. 1, 208, 3010
Kurz; disz pflag man weit und breit von Momus und von ihr (
Venus) vorweilen zuverjähen. Opitz 2, 228; (
der hohepriester spricht) er lästert gott, ihr habt gehört was jetzt sein mund verjähet, der den, den erd und himmel ehrt, so grausam hat geschmähet. A. Gryphius 2, 215. verjehen (
erzählen)
mit folgendem selbständigem satze: Videla, thu mir bald verjehen, hastu den christen ritter gesehen? Jac. Ayrer
Val. u. Ursus 3, 299
b.
mit abhängigem satze: si schribend ein falschen brief, darinnen der graf verjach, wie er sin statt ze Nüwenburg so fast gefryet hette. Tschudi 1, 634; und wie sollichs als sey geschehen, hört nur und schweigt! so werdt ir sehen mit worten und der that verjehen. H. Sachs 2, 3, 91 (8, 341
Keller); als ich aber dar hort verjehen, was newe wunder in Franckreich sich domals han begeben gleich.
der postreutter (1591) A ii.
mit folgendem infin.: und sagt, das alles das, so in demselben concilio umb des Hussen irrsal wegen verdampt, christlich und evangelisch sey, und vergicht das anzunemen und zu beweren. Luther 11, 458
b. 22)
aussagen mit bestimmter nebenbedeutung. 2@aa)
anerkennen; einen anerkennen mit näherer bezeichnung, als was man ihn erkennt. object im genitiv: und alle blind die schollen sehen, die mein zu einem got verjehen.
fastn. sp. 603, 23.
object im accusativ: inn dem das er das pater noster beetet, so vergicht er jn als seinen vatter, den er über alle ding lieb hat. Keisersberg
spinnerin p 5
b; drumb Cicero den frumm veryicht, der redlich spilt bey nacht und liecht (
nennt ihn fromm). Schwarzenberg 155, 2
b; der cedern stam, äst, zweig ... durch jhre höh in got jhren pflantzern verjähen. Weckherlin 225; und als hald er dieselben bücher gehört, hat er die für seine bücher bekand und verjehet. Luther 1, 459
b.
ohne solchen zusatz: (
der pfau spricht) dweil es nun die meinung hat, und wir drumb gangen sein zu rath, das wir müssen ein könig han, dünckt mich fürwar, ich sey der man, vielleicht von got darzu versehen, wie meine kleider solches verjehen. Waldis
Esop. 1, 111, 13
Kurz. 2@bb)
zugestehen: denn der aller treffenlichest beschreiber .. ausztruckenlichen vergicht und bekennet. Fronsperger
kriegsb. 2
vorr.; ich musz das verjehen, dasz viel der recepten .. geschrieben sind. Paracelsus 1, 592 A;
mit folgendem infinitiv: als denn thut iederman verjehen, es sey im nit unrecht geschehen. H. Sachs 2, 3, 28 (8, 105
Keller). 2@cc)
bekennen. mit zu ergänzendem objecte: mir werdend sich bucken alle knüw und alle zungen werdend mir, der gott bin, verjähen. Zwingli 1, 17.
mit objectsaccusativ: und kamen zu Johanni und wolten von im getauft werden und verjahen jr sü
nd. heil leben (1474) 61
a; dem thalmud, dem sie anhangen mit hertzen und den sie mit mund veriehen. Reuchlin
augensp. 8
a; ketzery ist ain gestalt des unglaubes, die do denselben menschen zugehort, so cristenlichen glauben veriehen aber syne lere und underweiszung zerstoren.
verst. 5
a (
qui christianam fidem profitentur, in der angezogenen stelle d. Thom. Aqu. summa 2, 2, 9, 11); ein jeder geist, der Jesum Christum .. nit vergicht, lobt, erkennt, einigheit schätzt, der ist nit us gott. Zwingli 1, 178; die fier münch verjahen ungehörte sachen an der marter. Manuel 321; so solt du den krancken heisszen vor allen dingen sich gott ergeben, seine sünd veryehen. Gersdorf
feldb. d. wundarzn. (1528) 80; gefangen wolt er auch hart gemartert nicht .. verjehen. da verjach er entferbt den mordt. Frank
Germ. chron. 235
b; nach langen dingen verjechend si offenlich alle sachen. Tschudi 1, 634; verjehe willig
fateor Dasyp. 71
a; deutet der provincial .. mit auffgelegten fingern auff sein mund: er solte nicht verjähen. Kirchhof
wendunm. 410
a; der (
bruder) verjahe alle sachen. 410
b; ich muosz das auf min eid verjehen, wer nit so grosze bitt geschehen, ich hett sie gsetzt ind schelmenzunft, denn sie verlieren all vernunft. Murner
narrenbeschw. 68, 81
Gödeke. mit abhängigem satze: da verjach er offenlich, das er schuldig was.
heiligen leben 144
b; ouch vergich ich, recht mir geschehen sin.
Terentius deutsch (
Andria) 25
b (1499). 2@dd)
auslegen, erklären: nichts kündt wir dir darvon verjehen. H. Sachs 3, 1, 149 (11, 51, 27
Keller).
partic. prät.: will ich erstlich angezeigt haben, dasz ich in allen stucken, die in dem gemeinlich verjächnen glouben vergriffen sind, einhellig bin. Zwingli 2, 203. 33)
reflexiv, im anschlusz an 2
a: und beredt yhn, das er sich ein nestorianischen christen verjach. Frank
weltb. 118
b.