unsitte,
f. ,
gth. von sitte.
an. úsiðr,
m., aschwed. osiþer,
m., schwed. osed;
ags. unsidu,
m.; mhd. unsite,
m. und md. f.; mnl. onsede,
m. u. f., nl. onzede,
f. (
veraltet).
zur flexion s. das grundwort; der hart unsit Wickram 8, 224, 943
B.; ob in älteren verbindungen wie sitt oder unsitt, mit unsitten
noch m. vorliegt, ist nicht zu ersehen; in n. spr. ist das f. ausnahmslos die regel. im 16.
und 17.
jh. mit dem wandel der sittlichen maszstäbe selten geworden, wird u.
von Frisch, Kramer-Moerbeek, Adelung, Schwan
nicht mehr verzeichnet und erst gegen ende des 18.
jhs. neu belebt. vgl. unsittig-, unsittlichkeit, sittenlosigkeit. 11)
reste älteren gebrauchs. a)
nichtbrauch, nichtregel (
vgl. sitte II 1
u. 8): es sey sitt odder unsitt, szo ist es nit christlich Luther 6, 5
W.; in verbindung mit bed. 3: die geiszelei mit bleiknöpfen: sitte! götter, was mag in Rom u. sein? Grabbe 3, 411
B. als synonym mit unweise (
mnd. unwise
miszbrauch): ergernussen sind nicht ... unsitten und unweisen, die man viel mehr vertragen musz als ändern kan Dannhawer
catechismusmilch 2, 148. b)
die im mhd. reich entwickelten bedd. aufgebrachtsein, zorn, ungestüm, wut u. dgl. reichen noch ins ä. nhd. hinein (
vgl. sitte II 9 c): zu disem jungen sprach er mit unsiten: 'du junger welff, wie tarstu streits erdencken?' U. Füetrer
Seifrid 98. c)
im 19.
jh. erneuert man den gebrauch der ritterlichhöfischen sprache: als die liebe und der liebesgesang seine alte würde verlor und u. eindrang, da zog er sich ... aus dem minnegesang zurück Gervinus
gesch. d. d. dicht. 1, 314;
ungütiges versagen, hartherzigkeit gegen den liebhaber Wickram 8, 224, 943
B.; rieth dir sein dienst unsitte gegen sein eigen gemahl? R. Wagner 7, 20 (
Tristan 1, 5);
vgl. sitte II 9 b; er (
Konrad v. Haslau) zählt dann die verschiedenen unzuchten und unsitten auf Gervinus
a. a. o. 2, 152; sitte II 9 d
entsprechend, als gs. v. zu masze: so man den (
wein) recht und zimlich trinckt und nit also trinckt mit unsitten Wickram 4, 105, 237
B. Stieler 2044
kennt noch die bedd. barbaries, rusticitas, insulsitas. ganz ohne zusammenhang mit höfischer anschauung: wo jeder wähnt, thun zu dürfen, was ihm gerade beliebt, ohne auf seinesgleichen rücksicht zu nehmen, da sind alle sklaven der u., die in pöbelhaftigkeit ausartet Holtei
erz. schr. 7, 99;
vgl. unten 3 a. d) sitte II 4
entsprechend; vgl. aschwed. osiþer
laster, sünde: alszlang bis er (
d. mensch) .. mit guoten syten und werchen auch mit strengem leben widerwone der unsyten und pOesen werch B. v. Chiemsee 528;
theilweise nachklingend: als ringsum noch heidnischer gräuel und u. blühte Alexis
Roland v. Berlin (1840) 3, 88;
vgl. 3 a. 22)
die erneuerung des wortes geht vom gs. sitte
aus (
rückbildung aus unsittig, -lich
kommt kaum in frage); Göthe
scheint u.
nur in verb. mit sitte
zu gebrauchen (un IV C 3,
sp. 26): ebenfalls ward ich früh genug durch den zeitsinn aufmerksam für das verhältnisz der staatsgewalt auf sitte und u. Göthe IV 40, 157, 13
W.; wenn man dem ungebildeten volke mit erfindung und geist ... seine eigene sitte und u. ... darstellte ... so würde schon manches gewonnen sein 42, 2, 20, 11
W.; während es hier auf gegensätzlichkeit wenig ankommt, sind andere verbindungen schon von bed. 3
nicht zu trennen: in diesem punkte ähneln sich alle zeiten, alle jahrhunderte, mögen trachten, bräuche, sitten und unsitten sich noch so unähnlich sein Holtei
erz. schr. 6, 8; Hamburgs sitten und unsitten Gutzkow 12, 345;
im wortspiel: unsittenrichter Jean Paul 37, 35
H., -spruch Tieck
d. j. tischlermeister 2 (1836), 3. 33)
im wesentlichen sitte 2
entsprechend (un IV B),
versagt sich das neuere wort der alten stärke des begriffs (
vgl. 1 b, d),
entfaltet aber anderseits der ä. spr. unbekannte verinnerlichte bedd. und nimmt bei seinem immerhin milden tadel die begriffe der aufklärung zum maszstabe der beurtheilung; '
eine der vernunft und dem guten geschmacke zuwiderlaufende sitte' Campe. a)
als eigenschaft und deren bethätigung, an unsittig-
u. unsittlichkeit
reichend: beiden schien alles entbehrliche üppigkeit oder häszliche u. (
mangel an sittlichem streben, verderbnis), was nicht dahin (
zum wohle der menschheit) führte Herder 17, 277; leute ... die nur aus bosheit, u. und für kein vaterland mitstreiten Bettine
frühlingskranz (1844) 164; Fr. Schlegel 4, 105; Immermann 19, 124
H.; auch daher ist u. und unzucht gekommen, dasz die menschen nichts herrliches und gewaltiges hatten, womit sie das fliegende und ätherische des gemüthes beschäftigen konnten E.
M. Arndt (1845) 1, 464;
tadelhafter, unsittiger u. unsittlicher lebenswandel Niebuhr
röm. gesch. 2, 439;
unsittsamkeit H. v. Chézy
erz. (1822) 1, 33; eine welt der u. (
zügellosigkeit) Fontane I 6, 135;
syn. rohheit G. Freytag 11, 205; natürlichkeiten, die wir in unserer gesellschaft unsitte nennen Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 17;
fast '
unsittlichkeit' (
die schon in ä. spr. mitbezeichnet sein kann, aber u.
bleibt da stets ein weiterer begriff; mnl. wb. 5, 919): die öffentlichen badestuben ... hauptstätten des stadtklatsches und zuweilen auch der u. G. Freytag 16, 464; wo so viel liebe ... waltete, von einem jungen leben den drohenden makel der geburt ... fern zu halten, das kann kein haus der u. gewesen sein Fontane (1890) 7, 63. b)
von bestimmten einzelnen üblen gepflogenheiten; vgl. böser sitt, unart, unform
u. dgl.: denn nach einer schon alten u., welche fast zur sitte geworden, bezahlen sie (
vögte) oft den bürgern der versammelten landsgemeine ihre wahl Stolberg 6, 156; eine u. als tugend anrechnen Gutzkow 7, 138; keine antwort ist auch eine antwort, das ist eine nationale deutsche u. Laube 16, 64; die u., den ... leib ... von allen haaren zu befrein K. O. Müller
Etrusker 1, 274; die u. der duelle, der münzverrufung
u. s. w. Holtei
erz. schr. 21, 54; Luschin v. Ebengreuth
münzkunde 60; erzunsitte Sanders 2, 1108
b;
plur.: volkswidrige unsitten Fr. L. Jahn (1884) 2, 406; ländlich, schändlich oder gebräuche und unsitten der reichen in B. Holtei
erz. schr. 15, 131; alten, unseligen unsitten der jugend Treitschke
aufsätze (1886) 1, 132;
von thieren: Oken
allg. naturgesch. 7, 1705; Fr. Th. Vischer
ästhetik 3, 3, 659. —