unglaube(n),
m. ,
gegenstück zu glaube(n).
g. ungalaubeins;
ags. ungeléafa;
as. ungilôBo (
Heliand 2662;
sächs. beichte 319, 42
Steinmeyer, wozu Wilmanns
Göttinger gel. anz. 1893, 539
neben gilôBo
ein subst. mit kurzem o, '
lust, wille, absicht',
ansetzt; doch s. zur gemeinsamen abstammung Fick-Torp 3, 376, Falk-Torp 657);
afries. unlâve;
ahd. un(ge)louba (
vgl. ungiloubfullî, ungiloubìgî, -lichî),
f., und ungiloubo,
m.; mhd. ung(e)loube,
m.; mnd. un(ge)love;
mnl. ongelove;
nl. ongeloof. (
an. útrú;
schwed. otro;
dän. vantro;
engl. disbelief, unbelief,) Staub-Tobler 2, 587; Schmeller 1, 1407;
lux. 316
a.
zu den formerscheinungen s. glaube (
vereinzelter acc. unglaube
F. H. Jacobi 5, 54);
ohne plural. vgl. die jüngeren begriffe aber-, after-, bei-, irr-, misz-, nicht-, übel-, über-, wahnglaube; ungläubigkeit, glaubenslosigkeit.
für incredulität Voigt, Campe. 11)
im weiteren sinne, ohne religiösen begriffsinhalt. 1@aa)
nichtglaube, das nichtglauben, mangel an zutrauen, misztrauen, zweifel: das ist uns zuomole ein ungloube, daz daz in uns si Tauler
pred. 300, 30
V.; N. v. Wyle
transl. 201, 4
K.; dasz es aber auch für zauberey helffen soll, dafür bin ich nicht bürge, sondern setze selbst einen unglauben drein
rockenphil. (1718) 1, 351; Kant
th. 7, 714
unter nichtglaube (
philosophische definitionen wie die Walchs 2740
betonen, u.
sei ein nichtglauben ohne grund; '
abneigung, einen satz um des zeugnisses eines andern willen für wahr zu halten' Adelung); wozu dieser unglaube an jede edlere form der menschlichen denkart? Herder 16, 26; es giebt gewisz in der physic eine art von unglauben, der ihr so schädlich
[] ist als leichtgläubigkeit Lichtenberg
br. (1901) 2, 148; u.
in einer sache
verm. schr. 2, 2;
selten (
durch synonyme verba beeinfluszt)
auf den erfolg Göthe 35, 35
W.; über die menschen IV 13, 305, 3
W.; gegen W. v. Humboldt
br. an Welcker 120; so bestand er .. auf einem hartnäckigen unglauben unserer erzählung Göthe 23, 268, 14
W.; wo denn? sagte W. mit einigem unglauben 24, 49 9
W.; die mutter hatte mit der ironie des unglaubens 'viel vergnügen' gewünscht
M. Meyr
erz. a. d. Ries 1, 327.
unter einwirkung von bed. 2
und anlehnung an die etymologisch wirksame vorstellung der zuneigung und des vertrauens: aus dem zerstörten und zerstückten wünschte die mehrheit der classisch gebildeten sich wieder herzustellen, aus dem unglauben (
an Homer und sein kunstwerk) zum glauben wieder zu gelangen Göthe 36, 190
W.; u.
in der liebe 9, 120, 17
W, und oft in den briefen an Charl. v. Stein; doch hätte es noch besser werden müssen, hielten lässigkeit, unglaube und zerstreuung nicht menschen, die einander angehören sollten, selbst in der nähe auseinander IV 18, 5
W.; zu dem völligsten unglauben, dem unglauben an mir selbst 23, 267
W.; IV 3, 48
W.; J. Paul
dämmerungen 116;
ähnlich Göthe 36, 376, 21
W. 1@bb)
nichtgeglaubtes, unglaubliches, unglaubwürdiges: Wolfram
Parz. 12, 27;
zs. f. d. phil. 28, 51;
mnl. wb. 5, 597, 1; seinen unglauben sehen (
Karlsbad, etwas nicht zugetrautes, handeln gegen ausgesprochene grundsätze bei jemandem erleben) Wander 4, 1437.
nicht schriftsprachlich. 1@cc)
fehlen der vertrauenswürdigkeit, unglaubwürdigkeit, miszcredit: wie der senat zuo Rom ... die bottschafft von Carthago umb ires unglaubens willen und betrügnusz ohn antwurt faren liessen Carbach
Liv. 186
b; wann ainer den andern oder seine haab und güter verhefft oder verpoten het und derselbig hernach gerichtlich fürprächte, das der ... ine ... unpillich in ruef, schmach und unglauben gepracht hette, so ..
Nürnberger reform. (1564) 16
a;
Rostocker gerichtsordnung (1586) 114;
Frankf. ref. 1, 12, § 16; den amasatten ... unglauben machen
Wilwolt v. Schaumburg 144;
städtechron. 6, 138, 4; Haltaus 1939;
mnd. wb. 5, 48
a.
veraltet. 1@dd)
treulosigkeit, untreue, treubruch, verrath, betrug: sie würden den unglauben rächen Carbach
Liv. 68; das inen kein unglaub oder unehr möcht nachgeredt oder auferlegt werden 83
b; 84
a; Boner
Plut. 98;
lebensbeschr. Götzens v. Berlichingen (1731) 148; bey vertraweten freunden unglauben befinden, ist ein schmertzlich schweer ding Fr. Wilhelm
sprichw. reg. b y
α 95;
städtechron. 14, 755;
mnd. wb. 5, 47
b;
mnl. wb. 5, 598, 3.
veraltet. vgl. Sirach 27, 18
und ungläubig. 1@ee)
mnl. auch zwist, aufruhr wb. 5, 599;
vgl. mnd. wb. 5, 47
b. 22)
im engern sinne, dem glauben als religiösem begriff entgegengestellt; fehlen des von religiöser gemeinschaft oder autorität geforderten glaubens, mangel des rechten glaubens, sein gegentheil (
s. die definitionen Adelungs). 2@aa)
wie in der ä. spr. für das biblische ἀπιστία,
ἀπείθεια, infidia, diffidentia, incredulitas;
ungehorsam, abfall, versündigung, gottlosigkeit, irreligiosität, atheismus: α) hilff meim ungelauben
erste d. bib. 1, 155, 54; u.
des Thomas passionssp. aus Tirol 233
Wackernell; Schmolcke 2, 208; Miller
predigten fürs landvolk 2, 325; Büchmann 67; unglawbe und ungewisser glawbe ist gleich viel Luther 26, 154
W.; der leydige u. 10, 2, 303
W.; der verretterisch u. 32, 69, 28
W.; im unglawben ligen 9, 608, 7
W.; das er (
der teufel) uns nicht ynn einen unglauben bringe 32, 114, 29
W.; ... unsers elends ... von Adam seines unglaubens halb in unsz erborn
Judas Nazarei 3, 19
ndr.; Sachs 18, 342, 24
G.; einer todtsünden des unglaubens Spee
tugendb. 7
a;
mangel an gottesfürchtiger gesinnung Möser 1, 445;
impietas Alberus 22
b; meinen gänzlichen unglauben an bibel und christenthum Bismarck
briefe an s. braut 49. unglaub füret in alles unglücke Luther 28, 541, 8
W.; Kirchhoff
[] wend. 2, 216; unglück macht unglaub Lehman
flor. 3, 443. ich glaube, herr D. P. hätte diesen unglauben gerne zur atheisterey gemacht Thomasius
ernsthaffte gedanken 3, 94; diese drey groszen lehrer des unglaubens (
Voltaire, Bolingbroke, Hume) J. A. Cramer
aufseher 1, 146; proselyten des unglaubens Laukhard
leben 1, 269; pfaffen des unglaubens Heine 1, 485; gänzlicher unglaube, unbekümmertheit um alles, was religion hiesz
jahrb. d. Grillparzerges. 3, 119.
auf nichtchristliches angewandt: u.
an einen h. baum der Druiden Lohenstein
Arm. 1, 135
a;
an das walten des göttlichen im epos Herder 24, 238;
an den nebel der homerischen götter 3, 108;
vgl. Göthe 36, 190
unter 1 a; an alle wunder der malerei Justi
Winckelmann 1, 283
u. dgl. β)
verbindungen; synonyme: u. und miszglauben Luther
th. 6, 2290; Fronsperger
kriegsb. 1, l 2
b; unglauben und die verhärtung ires hertzens Tschudi
chron. 2, 58; in unglauben, ungedult und verzweiffelung geraten Dedekind
christl. ritter A 2
b; angst, zweiffel und unglaub J. Böhme 4, 142; u. und abfall Dannhawer
cat. 1, 36; Varnhagen v. Ense 6, 306; sünde und u. Prätorius
Blocksberges verr. 109; irreligion ... u. Kinderling
rein. 288; u. oder theismus Novalis
Athenäum 1, 91; irrlehre und u. Freytag 11, 256; Fichte 2, 257
u. a.; gegensätzliche: glauben odder unglauben Luther 34, 1, 426, 20
W.; Auerbach 3, 153; exempel des glaubens und unglaubens Hedio
chron. Germ. 3
a; Petri F 2
b; A 8
a; das eigentliche .. thema der welt- und menschengeschichte .. bleibt der conflict des unglaubens und glaubens Göthe 7, 157
W.; Ranke 43/44, 25; Lange
gesch. d. materialismus 534; Döllinger
vortr. 1, 85; Bismarck
gedanken 2, 182
volksausg.; stütze der religion gegen unglauben Nicolai
reise 5, 154; orthodoxie und u. Heine 3, 447; u. und schwärmerei Stilling 6, 6; unglaub' und überglauben Rückert 8, 9; der religiöse u. ... der religiöse fanatismus Pückler
briefw. 2, 385.
γ)
im bild, vergleich, in der personification: des ungelaubens ketten Folz
meisterl. 72, 212;
mnl. wb. 5, 598. die anfechtung des unglawbens Luther 34, 2, 376, 25
W.; glaube oder u. als die wurtzel, safft und heubtkrafft aller sünde, schlangenkopff
vorr. zum Römerbrief 7, 435
B.; Schubart
ged. 2, 60; Petri F 2
b; einen schildt des unglaubens Albertinus
Lucifers königr. 15, 16
ndr.; ausrottung des unglaubens Lohenstein
lobschr. I 2
b; unglauben flüchtig machen
disc. d. mahlern 4, 88; u. behauptet einen kümmerlichen sieg Göthe 7, 157
W.; herrscht Voss
ged. 6, 246
u. dgl.; ist die auszehrung der seele J. J. Engel 2, 96; strom des unglaubens Fr. Schlegel 11, 342; wüstenei des unglaubens Holtei
erz. schr. 5, 19
u. s. w. u.
der junker des teufels Berthold v. Regensburg 1, 530, 4; der peiniger u.
allg. d. bibl. 108, 318;
bundesgenosse Holtei
erz. schr. 13, 181
u. s. w.; o du leydiger unglaub, wie stockhart, wie steyndurre bistu Luther 7, 595
W.; kinder des unglaubens,
filii diffidentiae Ephes. 2, 2; 5, 6;
theatr. diab. 29
b; Nigrinus
v. zäub. 41; Rätel
Schles. chr. 353; Prätorius
phil. colus 111;
anthrop. plut. 1, 39;
glückstopf 40;
viehb. 41; vater des unglaubens Hippel
kreuz- u. querz. 1, 140.
δ)
concret: ein unglaube, eine vorsetzliche widerspenstigkeit gegen gott sey die ursache dieses verlustes Liscow 658;
äuszerungen des unglaubens Herder 19, 75; da spricht denn der u. (
die ungläubigen) Stilling 3, 222; die geschäftigkeit des modernen unglaubens Immermann 2, 161; was der welt unglaube belacht hat Voss
ged. 2, 174. 2@bb)
in ä. spr. bezeichnet u.
ebensogut aberglaube und zauberei (Lexer 2, 1884;
mnd. wb. 5, 47
b;
mnl. wb. 5, 598; aberglaube
scheint erst im 15.
jh. bezeugt). u.
superstitio Diefenbach
ml. hd. b. wb. 265;
superstitio, i. vana et superflua religio et observatio vel cultura idolorum ein aberglaub, unglaub
gemma g. (1508) B 2
c (
also nicht deutlich von bed. c
geschieden): puch aller verpotten kunst ungelaubens und der zauberey
von Joh. Hartlieb 2, 3
ff. Ulm; auch im plur. 2, 11
u. o.; diesem bösen ungelauben 19, 29; kätzrey und ungelaub 23, 29; der ungelaub wurtzelt in 62, 8; du solt nit frembde gött anbetten weder mit unglauben noch mit segen
[] manuale curatorum (1516) 69
a; wiewol solches unwissenden leuthen unglaubig ist, dasz einem menschen uber die natur etwas soll zustehen, das ist, durch die geist oder unglauben Parac.
chir. 94 B;
ding, mit dem zauberei getrieben wird: der unverzagt man ... zoch us seiner wennd den ketzrischen ungelauben, das gennszpain Hartlieb 75, 5.
heute veraltet (
in wissenschaftlicher darstellung: der unglaube des losens, tierunglauben D. Ulm
einl. zu Hartlieb lx)
und von aberglaube (Walch 1
ff.)
getrennt, das Weigand
syn. 3, 874
als '
durch übertriebene dunkle einbildungen verkehrte religiöse ansicht, verkehrte anschauung des ursächlichen zusammenhanges der dinge und begebnisse ...'
erklärt. zum unterschiede: einen von allem aberglauben entfernten bestreiter des unglaubens J. A. Cramer
aufseher 1, 9; unglaube und aberglaube Zinzendorf
ged. (1766) 269; Hamann 1, 55; Herder 5, 578; 6, 275; aus aberglauben wird unglaube J.
M. Miller
briefw. 1, 85; Niebuhr
r. gesch. 1, 94;
als weitergreifender, nicht aufs religiöse beschränkter begriff: man hat oft gesagt und mit recht, der unglaube sei ein umgekehrter aberglaube ... der aberglaube ist ein erbtheil energischer, groszthätiger, fortschreitender naturen; der unglaube das eigenthum schwacher, kleingesinnter, zurückschreitender, auf sich selbst beschränkter menschen Göthe II 3, 164, 5
W. (
farbenlehre); IV 10, 232, 4
W.; Bettine
dies buch 2, 413. 2@cc)
irrglaube und ketzerei; haeresis mnl. wb. 5, 598;
mhd. wb. 1, 1019
b; Lübben-Walther 435
b;
paganismus das heydenthumb, der heyden religion und unglaub Alberus (1540) 31
a: der pfaff sprach: so hör icb wol, das du pist ungelaubens vol und pist gar ain böser crist H. Kaufringer 3, 281; den ungelauben laun 2, 8; die haidischen sitten, irrsal und ungloben Oheim
Reichen. chr. 6, 2
Barack; du und ander juden ... im unglouben wandlend Riederer t 4
b; disen ketzerischen unglauben und yrrung Gebweiler
beschirmung (1523) B 2
b; dasz in kutten und glübde verhoffen ein unglouben wär Zwingli
d. schr. 1, 332; ich thuo es nit von unglauben
sagt der bauer, der dem teufel eine kerze anzündet Pauli
sch. u. ernst 72; den heidnischen persischen unglauben Buchholtz
Herkuliskus 67; ich ... bleibe bei meinem jüdischen unglauben
M. Mendelssohn 3, 35; Ritter
erdk. 1, 608; Laube 5, 175; G. Keller 5, 148.
concret und collectiv: ihnen gilt alles, was ihren propheten nicht bekennt, als derselbe unglaube Ranke 3, 137.
allgemeiner erhalten in der bezeichnung die ungläubigen (
s. d.). —
zusammensetzungen: unglaubenriechend J. v. Müller 10, 207; unglaubensarmee Heine 6, 45, -genosse 3, 524, -kinder Zedler 49, 1531, -nacht Francisci
weh der ewigkeit 1089, -saame J. Böhme 6, 135, -stifter
allg. d. bibl. 115, 286, -sünde G. Arnold
geist. gestalt 1, 349, -traum l rätorius
anthrop. plut. 1, 179, -wesen J. Böhme 6, 151; unglaubsteufel
klagelieder u. briefe (1817) 77
u. dgl. —