ungebührlich,
adj. adv. spätmhd. ungebürlich.
wie in der mundart bürlich
neben gebürlich (Staub-Tobler 4, 1532),
stehen in älterer zeit formen mit und ohne ge
nebeneinander (ungebrlich Alberus 1540; unbirlich Schöpper e 1 a, Wickram 4, 38, 1061, unbürlich Nas
antip. 3, 226
b, Carbach
Liv. 195
r, Paracelsus 1, 506
A).
mnd. unbuorlik 1346 Schiller-Lübben 5, 23
b;
mnl. onboorlijc, ongeboorlijc (
vgl. ongeboordich;
nl. ongebeurlijk
unmöglich; dän. utilbørlig, -hed;
schwed. otillbörlig, -het).
nd. unbörlig, unbörliken Dähnert 504
b.
zu den sonstigen formerscheinungen (ungepürlich
städtechron. 2, 143, ungepurlich Reutter von Speir
kriegsordn. 12, ungeburlich Oheim
Reichen. chr. 53, 1, ungebierlich
öst. weist. 6, 381, 31, ungebeurlich Frisius 1385
b, 680
b)
s. gebührlich, gebühr;
zu ongeberlich (ongeberliche kriegshändel Sleidan
red. 39)
s. gebühren 1 b
u. vgl. ungebärlich.
in den mnd. und mnl. belegen überwiegt die beziehung auf das rechtsleben; hier folgt die bedeutungsentwicklung der des grundwortes; am jüngsten ist bed. 1
d. für impertinent, insolent Campe (Spanutius 295).
vgl. übergebührlich, widergebührlich; unziemlich, unzukommend, unzuständig, unzustehend.
die verbindung mit dat. ist veraltet: nit minder ist dir ungebürlich sölich geschrift zebitten
N. v. Wyle
transl. 20, 2
K.; wölche die juden von jren weybern absünderten, weil sie jhn ungebürlich Nas
antip. 2, 234
a; was einem menschen wohl ansteht, dem andern ungebührlich ist Bodmer
v. wunderb. 103. 11)
gegentheil von gebührlich 1: 1@aa)
unpassend, ungehörig, ungeeignet nach ort, zeit, gelegenheit; unrichtig. incommodus, importunus, intempestivus Alberus: übermütig und ungebürlich dienst sint unenpfenglich Steinhöwel
Äsop 360; hab ich mir gedacht, nit verwissenlich sin und ungeburlich geschätzt, so ich sy von dem latin zuo tütsch ... überbringe Oheim 53, 1; zeit B. von Chiemsee 412; Paracelsus 2, 199
A; Hohberg 3, 379
b; stet, ort
Vitruv 1575, 209; v. Fleming
sold. 135; mittel Stumpf
chron. 48
a; sorge J. Pomarius
postilla 2, 242
a; frewd Lehman
flor. 1, 234; er .. verurtheilte die .. bewunderung der romantiker als den ungebührlichsten götzendienst
jb. d. Götheges. 18, xx; lächeln musz ich unwillkürlich ... seiner eilfahrt ungebürlich Rückert 2, 528; nach dem immerwährenden miszlingen meines zusammentreffens mit der übrigen welt hatte eine ungebührliche selbstbeherrschung und eigenliebe angefangen, mich zu beschleichen Keller 1, 174.
in den neueren beispielen sucht das sprachgefühl immer sich gebühren (
vgl. 2)
einzumischen. 1@bb)
nach ursprünglicher rechtlicher auffassung unrechtmäszig, verboten: vorkorne und unbuorlike wort
schimpfworte, beleidigungen Schiller - Lübben 5, 23
b; ongheborlic vuer
mnl. wb. 5, 315; handlung
urk. zur gesch. Max. I. 50; tzinse Gerstenberg
chron. 100; gewaltsamm Hutten 1, 413, 31; schwr Wickram 3, 90, 2; vermischung Mathesius
leichenreden 4, 167, 5
neudr.; Fischart
ehzuchtb. 3, 174
neudr.; beyschlaffen Faber 219
b; liebe Olearius
reiseb. 317,
in den letzten drei fällen immer nach c
übergreifend; practicken Fischart
binenkorb 45
a. ungebürlich testament
inofficiosum Frischlin, Stieler, Zedler; mit was ungebürlichen und widerrechtlichen auszflüchten Ayrer
proc. 433; zu ungebürlichen sachen sol niemands gehorsam sein Fr. Wilhelms
sprichw. m m β 34;
ein richter sol viel lieber sterben, denn ein unrechtes und ungebührliches urtheil fellen
Rein. Fuchs (1650) 149 (
anders unten 2); wann jemand bey dem richter einen ungebührlichen arrest erhält, ist solches eine ungezweiffelte injurie Hohberg 3, 26
a; eigennutz Göchhausen
not. 315; forderung (
meist sonst im sinne der bed. 2
verstanden) Lessing 17, 231; ansprüche Arndt 1, 243; haft Raumer
Hohenstaufen 4, 131; legatengewalt Ranke 3, 99; richter, auf die er ... einen ungebührlichen einflusz ausgeübt hatte 16, 24.
auch unbillig: die u. verzögerung des conciliums 4, 56.
vgl.d. selten von personen: seinen u. weiben Mathesius
Sar. 9
a (
vgl. Nas
oben); der u. oberherr Ch. Weise
pol. redner 104. 1@cc)
der standesgebühr nicht entsprechend: solches (
verlust der freiheit bei zahlungsunfähigkeit), als der freyheit zuwider, unmenschlich und ungebürlich geacht worden
notariatb. 8
b; ich bin sonst ein gut ehrlich gesell, sehr alten herkommens, allein das lose leute je zu zeiten meines namens zu tausenterley ungebürlichen, unehrlichen händeln und geschichten gebrauchen
Rein. Fuchs (1650) 267; ungebührlich ist es, dasz meine hausfrau vor den augen der königin und eines fremden mannes entblöszt sitze Freytag 8, 178.
unkeuschheit wird kirchlich als verstosz gegen die standespflicht aufgefaszt (
vgl.b): der ungebürlichen buellerey auswarten Ferdinand II
speculum 80, 12
neudr.; in u. willen fallen
Amadis 1, 108
K.; lüsten Guarinonius 78; man nennet keine sprache unkeusch oder unflätig, so etwa ungebürliche sachen mit dero worten aufgeschrieben Schottel 146; u. ort (
schamtheile) Schmidt
rockenphil. 1, 349; drauf hab' er ungebührliches von ihr verlangt Schiller 14, 276 (
Tell 1, 1).
heute irrig nur als euphemismus empfunden. 1@dd)
dem gebührenden, richtigen verhältnis nicht entsprechend, unverhältnismäszig, übertrieben grosz, zweckwidrig u. dgl.: arzneien stillen den unzimlich lachenden geberdt und die zuviel unbürliche frewd (
von krankheitserscheinungen, die an dem gesunden zustand gemessen werden) Paracelsus 1, 505 c;
sonst erst gegen ende des 18.
jhs. voll ausgebildet: auge und mund sollen sich nicht zu der u. weite einer fratze öffnen J. J. Engel 8, 174; u. länge (
des briefes)
Göthejahrb. 5, 164; den geistlichen ... einen u. einflusz auf das ganze leben zu verschaffen Schleiermacher I 12, 174; u. übergewicht Gervinus
gesch. d. d. dicht. 1, 43; vielleicht treibt mich die u. wichtigkeit, welche man dem moment der zeit ... beilegt, in das entgegengesetzte extrem Jhering
geist 1, 68; W. brachte nun in den dienst des bescheidenen kleinstaates eine u. fülle von talent Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 199.
aber bed. 1 a
und 2
drängen sich immer mit ein. 1@ee)
nach art und natur nicht zukommend: dann sy verlassen das guot wesen und verkeren gebürlichen menschlichen stand in unchristenliche ordnung. dafür brauchen sy nach ungebürlicher vihischer art ain ungerecht ... wesen B. v. Chiemsee 206; die zäuberer, welche mit ungebürlichem gifft ... das vieh ... beschedigen Nigrinus
zäub. 77; auch wirdt da verschnitzlet der leib und mit ungebürlichen dingen angehenckt Paracelsus 2, 177
A.; nachklingend: als man um der heiligkeit willen den geist in u. fesseln legte Gentz 2, 5. 22)
gegentheil von gebührlich 2: er hat ... ander grob ungepürlich sach geton
städtechr. 2, 143; von mir beger nützit frevels oder ungebürlichs
N. v. Wyle
transl. 35, 27
K.; in älterer sprache stark, wie nefandus des teuthon., deformis Schöppers
lehren. schwächer: ungebürlich ist, das der knecht hersche uber die fürsten B. v. Chiemsee 189; ein urtheil in den zeitungen zu fellen, ist ungebürlich
zeit.-lust 46.
deutlich gegen 1 b
abgegrenzt: diesem sowohl ungebührlichen als ungerechten urtheile Gottsched
d. neueste 3, 92; zu freie und u. urteile Arndt 1, 88;
auch ungebührliche ausdrücke vor gericht (Immermann 6, 139)
ziehen wir heute trotz ungebühr 2
zu sich gebühren.
so allgemein: u. handlung Göthe IV 11, 31
Weim.; gedanken A. W. Schlegel
Shakesp. 3, 166; betragen Hegel 16, 158; zumuthung O. Jahn
Mozart 3, 371; deprensionen Pocci
kom. 4, 256; dinge Böhme
gesch. d. tanzes 85; reden Ebner-Eschenbach 2, 120. scenen, wo S. u. gegen sie wird Grabbe 4, 186. diese ungebührlichen kerls Varnhagen
tageb. 4, 208. 33)
das adv. (unbürlich Carbach
Liv. 195
r; ungebürlichen Maaler, Hulsius; ungebeurlich Frisius)
in den bed. des adj. 1 a: Paulus spricht, das allain got .. eer .. zuogehör, und das nit ungebürlich Keisersberg
schiff d. pen. 61
b; Göthe 6, 165
Weim. th. 4, 1, 1, 1897. 1 b: so sollen die durschleg khains wegs ungebührlich und geverlicher weysz wider berckwerchsbrauch ... verslagen ... werden (1531) Lori
bergr. 211; u. appelliern Schöpper; staigerung u. einführen Hohberg 1, 15; sich des adels u. anmaszen Fr. L. Jahn 2, 788; den abgang des schiffes oder die weiterfahrt nicht u. aufhalten
handelsges. § 516. 1 c: welche aber nach der oberherschung stellen, denen steht es vil ungebürlicher und unehrlicher an Fischart
ehzuchtb. 166, 37
neudr. 1 d: den ungebührlich harten gott Herder 20, 222; ungeb. lange Knigge
umg. 2, 255; dürftig Ranke 1, 298
u. s. w.; überhaupt hat sich
M. durch die herrschaft über das orchester .. nie verleiten lassen dasselbe u. hervorzuheben O. Jahn
Mozart 4, 264; den begriff .. so u. erweitern Lange
mat. xii; die nordostflanke ... dehnte sich u. in die breite Barth
kalkalpen 136; u. bevorzugt Treitschke
d. gesch. 4, 189. 1 e:
der wechselbalg hielt sich so u., dasz die gute frau nahe zu grunde gerichtet wäre Grimm
sag. 1, 74
nach Prätorius
anthrop. 1, 424. 2: so zweifel ich nit ... man werd erfinden, das ich anders nit dann erbarlich ... nit ungebürlich geschriben Hutten 1, 419, 21; das hällische philosophische journal soll sich auch ungebürlich betragen haben Göthe IV 10, 317
Weim. vgl. ungebürlicher ... weysz Frisius 647
a, auf eine .. u. art Schmidt
gesch. d. D. 5, 22,
und ungebühr 4. —