überschreiten,
v. ,
mhd. überschrîten
mhd. wb. 2, 2, 218
b. AA.
untrennb. verb. A@11)
über etwas hinschreiten. A@1@aa) die künigin (
und ihre gesellschaft) ... (
das) grün gras mit senften tritten ... überschriten Arigo
dec. 466, 8
K.; immer wankt und zittert der moorboden, wenn man ihn überschreitet oder überfährt Allmers
marschenbuch 1, 81; Laistner
nebelsagen (1879) 274; thauig moos und wasserflächen überschreitend, schwebt sie hin Göthe I 3, 126
Weim. A@1@bb) jemand, der da ligt, überschreiten,
id est über ihn herschreiten Kramer
teutsch-ital. dict. (1702) 2, 665
a; ding, so die weiber zu den früen ... geburten verursachen ..., nemlich so ein weib ein nater oder schlang überschreitet Ruoff
hebammenbuch (1580) 134; so lange ihr eure kinder überschreiten könnt, so lange werden sie auch wachsen, wenn ihr sie aber nicht überschreiten könnet, so sind sie gewisz schon so grosz, dasz sie ausgewachsen haben Schmidt
rockenphilosophie (1706) 1, 73. A@1@cc) ein pferd
u. s. w. ü.,
besteigen (
seit dem 12.
jahrh. belegt),
s. mhd. wb. a. a. o.; ein eszlein, die wirt sein bereit, die noch kein man nie überschreit
Egerer fronleichnamspiel 119; do sprach graf Rudolf: das wöll gott niemmer, dasz ich ... mit wüssen das pferdt überschrite, dasz min ... schöpffer getragen hat Tschudi
chron. Helvet. 1, 166 (Schiller
graf v. Habsburg: beschritte); Hans Sachs 13, 488
K.-G.; Aymon (1535) C 2
b.
ferner ein bett ü.,
z. b. ob sie wider geheurat und ain ander man Ulyssis beth überschritten hat Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 67
a; den thron ü.,
besteigen Opitz
Arg. 2, 26. A@1@dd)
mhd. u. nhd. in breiter verwendung: einen berg, flusz, eine brücke ü.,
z. b. die Pyrenäen und Alpen Creuzer
symbolik (1810
f.) 2, 257; dann und wann wurde ein niedriger bergkamm überschritten Sven-Hedin
abenteuer in Tibet16 213; wo es ein geringes wässerlein zu überschreiten gab, da streckte sich sein arm ihr stützend entgegen Immermann 3, 29; die brücke des stromes ü. Grimm
mythologie4 2, 696.
aber auch die Donau Mommsen
röm. gesch. 5, 12; den Rhein G. Keller 3, 246; die Oder Ranke 25, 10; wir überschritten ihn (
den strom) ... auf einer fähre Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 134.
sprichwörtlich: der Rubikon ist überschritten Hebbel
br. 7, 46. A@1@ee) die schwelle ü.: man überschritt mit einer gewissen feierlichkeit die schwelle Fontane I 6, 428. A@22)
über etwas hinausschreiten. A@2@aa)
örtlich: die grentzen Asie ü. Xylander
Polybius (1574) 1; Xemindo (
hat) mit einer gewaltigen armee die grentzen bereits auf zwantzig meilen überschritten Ziegler
asiat. Banise (1689) 60; den folgenden tag wurde die sächsiche grenze von verschiedenen abtheilungen ... überschritten Ranke 30, 233. A@2@bb)
bildlich, besonders in der neueren sprache ganz allgemein: ziel u. masz ü.,
finem et modum transire Faber
thes. (1587) 281
a; Steinbach 2, 514; Voigtel
wb. 3, 445
b; sein amt ü.,
excedere officii limites Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 2, 297
b.
sodann synonym mit übertreten,
vgl. Schöpper
syn. C 4
b s. v. praevaricari; das gesetz ü.,
violare Steinbach
a. a. o.; und hetten ihn dahin gebracht, dasz er gantz überschrit das ziel, und war kein laster ihm zu viel W. Spangenberg
anbindbr. (1623) R 1
b; die schranken der höflichkeit ü. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 38; des anstandes Pocci
lust. komödienbüchlein (1859) 240; die regeln der kunst Morhof
unterricht (1682) 1, 172; die grenzen der ehrbarkeit Herder 16, 17; keuscher scham Schiller 15
1, 48; gottes wort Mathesius
Sarepta (1571) 134
a; sein gelübde Kirchhof
wendunmuth 2, 133; alle gebürlichkeyt Fischart
ehzuchtbüchlein 291
H.; recht und redlichkeit Zincgref
apophthegmata (1628) 41; die gehörige mäszigung Solger
nachgel. schr. u. s. w. 1, 159; verordnungen Göthe I 17, 130
Weim.; befugnisse Bismarck
polit. reden 1, 303; vollmachten Moltke
ges. schr. u. s. w. 2, 108; meinen urlaub Göthe I 11, 213
Weim. A@2@cc)
in der ä. spr. auch ohne ergänzung für excedere, eine übertretung begehen: welche stücke er (
Esau) one sünde nicht hat üben können; er hat müssen überschreitten, sonderlich im jagen C. Spangenberg
jagteufel K 1
a; von den turteltauben schreibt Aelianus ... dasz sie hart über ehelicher keuschheit halten und da eins überschreitet ..., so sind die anderen seiner gattung über es her
theatr. diabol. 1, 217
a. A@2@dd)
temporal gewendet: der ... stiffter des lebens hat allen menschen ein ziel der jahre vorgesteckt, welches er nicht kan überschreiten Harsdörfer
secretarius 1, 104; gott ... ihr herrn vater ... das achtzigste jahr ... hat überschreiten lassen Schupp
schr. (1663) 465; Fontane
ges. rom. (1890) 7, 109; ich habe bereits die zeit überschritten, die ich zu reden habe Herder 16, 43; den termin ü. Schiller 4, 232. A@2@ee)
der bildliche gebrauch führt auch zur verwendung bei unpersönl. und abstractem subject: A@2@e@aα) der weg überschreitet den bach Barth
Kalkalpen 263; der islam hat längst den Niger als südgrenze überschritten Ritter
erdkunde 1, 331; der ölbaum überschreitet die politische grenze Italiens nicht Moltke
ges. schr. u. s. w. 1, 163; das geheimnis, das meine lippe nicht überschreiten durfte Göthe I 12, 25
Weim. A@2@e@bβ) deine vermessenheit überschreitet alle gränzen
samml. von schauspielen (1764—9) 1, 41; Schiller 4, 128; ausgaben, welche die einnahmen überschreiten Bismarck
polit. reden 4, 240; S.
Brunner erzähl. u. schr. 1, 358; sein wuchs überschritt das gewöhnliche masz Grimm
Michelangelo 1, 107; überschreitet der kupferzusatz mehr als drei vierteile der mischung, so ... Luschin v. Ebengreuth
münzkunde 33.
absolut für excedere (
s. o. 2
c.): dardurch man belder in geferliche kranckheit einfelt, als iergend durch ein traurigkeit, wann nemlich die freud überschreytet Paracelsus
chirurg. schr. (1618) 743
a. A@33)
aus 2
entwickelt für auslassen, überspringen (
ältere sprache): ding, ... die der kürtz halben hie überschritten (
sind) Eppendorff
kriegsübung (1551)
vorrede; Stumpf
chron. (1606) 3
b; was nun das Pannonium anlangt, soll an seinem ort auch nicht überschritten werden Thurneisser
erdgewächse (1578) 78; was am nothwendigsten ist zu erklären, pflegen sie zu überschreiten Happel
akad. roman (1690) 460; der todt, so keinen wirdt überschreiten Grasser
schatzkammer 443. A@44)
schneller schreiten als ein anderer, ihn schreitend überholen, sodann in weiterer verwendung für übertreffen: macht der eine mit dem stärksten wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilenstiefel an, überschreitet ihn Göthe II 37, 129
Weim.; einen in einer kunst oder wissenschaft weit überschreiten,
superare Kramer
a. a. o.; dich hat kein mensch an groszmuth überschritten Göthe I 16. 26
Weim. A@55)
sonderverwendungen verkehrssprachlicher art entwickeln sich aus 1: A@5@aa) jem. überschreiten,
sich über ihn hermachen, ihn durchprügeln: (
er) erwischt ein brügel jung von eichen, der vom halsz thet zun fingern reichen, den knecht gar weidlich überschritt B. Waldis
Esopus 2, 182
Kurz. A@5@bb)
behexen, bezaubern: hat dich überschritten ein mann, so segne dich gott und der heilige Ciprian; hat dich überschritten ein weib, so segne dich gott und Mariae leib Peter
Schlesien 2, 230. BB.
in trennb. verbindung für hinüberschreiten, transgredi, s. Stieler 1931; Steinbach 2, 514.
in eigentlichem und bildlichem gebrauche, meist mit zielangabe dieweil die ... jahreszeiten nicht allzeit in gleichen grentzen bleiben, sondern bisweilen nun auf dise, dann auf jene seit überschreiten Sebiz
feldbau (1579) 44; als ob er aus dem stande der unschuld zum bösen übergeschritten wäre Kant 6, 203; wir sind mit diesem worte schon von den beinamen zu den appellativen übergeschritten J. Grimm
kl. schr. 3, 371. —