tugendlos,
adj. ,
mhd. tugendelôs, tugentlô
s. '
ohne tugend', '
sittenlos, zuchtlos'
; das gegenteil von tugendhaft, tugendlich, tugendreich.
im ganzen selten, namentlich in neuerer zeit. 11) '
kraftlos, schwach'.
trotz der vereinzelten bezeugung wohl verbreiteter gewesen: dû (
Christus) ziuhest die uncreftigin unde die tugintlôsen
St. Trudperter hohes lied 18, 4
M.; wahrscheinlich ist auch der folgende beleg so zu deuten: si (
Maria) gêt ouch hiute durch die wuoste der tugentlôsen und wider machet die virhereten unde die verhundeten, unde trôstet die diemuotigen unde die weinenten
ebda 40, 23
M. 22)
im höfischen sinne '
zuchtlos, unedel, unritterlich': daz mir noch lieber wære der truhsæze ze man genomen, dan ich mit iu wær uz komen; wan swie tugendelos er si, wær er mir keine wile bi, er lieze sine untugent durch mich Gottfried v. Straszburg
Tristan 11627
R.; ir tugentlôser bœsewiht, nu wie getorstet ir geleben daz ir dem kinde hânt gegeben als ungefüege biusche? Konrad v. Würzburg
Heinr. v. Kempten 136
Schr.; die tugentlosen, eren swach, ze tugende laz, zu untugenden snel, uf daz chocksilber hel mag ich wol gelichen Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österr. 66
R. mit übergang ins allgemein sittliche: daz er ir sit vermidet, des wirt er so vernidet, belogen und gehazzet und wirt so vur gevazzet von den tugende losen; die beginnent in verbOesen sam den valken die meusaren
mhd. erzählungen nr. 169, 95
Rosenhagen. 33)
im moralischen sinne '
ohne tugend', '
sittenlos', '
zuchtlos', '
ehrlos'
; in höfischer zeit beginnend: die sich selben sô verswachent und ir bôsen bœser machent, ân erben müezen si vervarn. daz tugendelôser hêrren werde iht mêre, daz solt dû, hêrre got, bewarn Walther v.
d. Vogelweide 23, 24
Kr.; der aber tugentlôs ist, der ist unwert in aller liute herzen David v. Augsburg in:
dtsche mystiker 1, 309, 28
Pf.; dass er denn geht nacket und blosz, unverschämbt und gantz tugendtlosz Hans Sachs 15, 349
lit. ver.; sonder es understehn sich auch weber und spüler ... ja wol auch (pfui der schanden) fürwitzige, tugentlose weiber ... die heilige schrift auszulegen J. Agricola
ketzerbrunn (1583) 26; zu solcher disputation wurden keine trunckliebende, zancksüchtige, tugendlose ... gelassen Joh. Matth. Meyfart
tuba novissima (1626) 65; und sind alle kinder, welche übel erzogen werden, für tugendlose und elende waisen zu halten, wann gleich die eltern noch leben G. Ph. Harsdörffer
t. secretarius 2 (1659) 125; die götter behüten mich vor dergleichen gefahr, und dasz ich ja nimmermehr wieder in tugendloser leute gewalt fallen möge A. H. Bucholtz
Herkules und Valiska (1666) 1, 80; dann warum mancher sohn ganz tugendlos ... ist die ursach, weil sein mutter ein wasser ist gewest Abraham a
s. Clara
mercks Wien (1680) 112; indem sie (
die irrtümer) dahin zielen, alle monarchieen für tugendlos zu erklären K. L. v. Haller
staatswissensch. (1816) 1, 54; nichtswürdige männer ihr, ehrlos und tugendlos, nur schlacken der schöpfung E. Raupach
dram. w. ernster gattg. (1835) 2, 251 44)
als attribut zu menschlichen eigenschaften: sol liegen witze sîn, sô pflegent si tugendelôser witze Walther v.
d. Vogelweide 28, 27
Kr.; also chom ein tugentloser sit, do wart die werlt verkeret mit, daz man verschamter wibe pflac
mhd. erzählungen nr. 143, 87
R.; es kann einem menschenverächter gelingen, mit tugendloser klugheit einen haufen Iloten in schreckenvoller ordnung zu beherrschen, aber für ihn ist auch keine wollust der liebe, kein vertrauen, keine freude der menschlichkeit mehr H. P. Sturz
schr. (1779) 2, 99. —
umschreibend für einen tugendlosen menschen: wissend dasz ein tugendloses gemühte ärger, dann die betteley selber sey G. Neumark
neuspr. t. palmbaum (1668) 103; so wirst du nie mit jährlichen geschenken sein tugendloses aug erfreun Thümmel
reise (1791) 9, 206. —