steuerlos,
adj. 11) '
ohne steuerruder, ohne führung',
vom schiffe, zu steuer '
ruder' (
sp. 2603),
seit dem 17.
jh.: (
sie) wurden ... von ferne eines schiffes gewahr, welches mast- und steuerlosz schwebete Bucholtz
Herkuliskus u. Herkuladisla (1665) 1130; die insel sank, und compas, blei und faden verschlang das bittre meer, die sterne schwanden, und steuerlos an tückischen gestaden sah ich mein schiff auf schlechter sandbank stranden Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 6, 8.
von einem schiff, dessen steuer
nicht geführt wird: kam eine schute hergefahren, worinnen tolle leute waren ... sie schliefen sorglos ... auf was für unglückselgen spuren schweift euer steuerloser kahn! Triller
poet. betracht. (1750) 2, 76.
eigenwillig vom arm des steuermannes, der das steuer
nicht mehr hält: er sieht, mit welcher wuth Neptun und Eurus ringt, wie unter ihrem kampf das lecke schiff versinkt, und nun selbst Palinur, von fluth und sand bedecket, den steuerlosen arm dem tod entgegen strecket Wieland
s. w. suppl. 1, 288
Göschen. —
häufig in vergleich und übertragung, im sinne von '
führungslos, haltlos',
immer im bilde des seefahrenden schiffes: (
der Krimkrieg,) in den England ... nach dem ausdruck seines auswärtigen ministers wie ein steuerloses schiff hineingetrieben war — we are drafting into war Bismarck
ged. u. erinn. (1913) 1, 221
Cotta; als er jetzt unter den fremden menschen umhertrieb, wie ein steuerloses schiff, ... trat Fink zu ihm G. Freytag
ges. w. 4, 189; so gut wie steuerlos überliesz man das staatsschiff dem spiele der strömungen, um schlieszlich der stärksten zu folgen Prutz
preusz. gesch. 3, 367;
auch hat er das verderben mancher streiche von Richard und dem steuerlosen reiche durch klugheit abgewehrt
F. A. Müller
Richard Löwenherz (1790) 21; hat auf manches böse riff lug und trug und wahn getrieben steuerlos ihr lebensschiff E.
M. Arndt 4, 228
R.-M.; etwas mehr greifbaren inhalt boten die leichten plaudereien, mit denen Heine die Pariser über die geschichte der deutschen religion, philosophie und literatur zu belehren suchte; hier war der schüler Hegels doch nicht so ganz steuerlos wie auf der hohen see der politik Treitschke
deutsche gesch. (1882
ff.) 4, 421; ohne charakter schwimmen wir steuer- und mastenlos im aufgewühlten meere des daseins Liliencron
s. w. 6, 115; es ziehet wider willen ihn (
den strom) von klippe zu klippe, den steuerlosen, das wunderbare sehnen dem abgrund zu Hölderlin 1, 246
Litzmann. 22)
schon im mnd. ist sturlos
auszerhalb des bereiches der schiffahrt bezeugt im sinne von '
zügellos, ungehemmt'
; der gebrauch schlieszt sich unmittelbar an das ebenfalls mnd. steuer '
einhalt, hinderung' (
sp. 2592)
an: in deme sulven jare warp sik tosamende en sturlos volk van meniger iegen van hoveluden, van borgeren ... van amptluden, van buren, unde heten sick vitalienbroder
Lüb. chron. 1, 359
Grautoff; s. weiter bei Schiller-Lübben 4, 454;
die gleiche bed. liegt im modernen nd. stürlos '
eigenwillig, zügellos'
vor: stürlos 'eigenwillig, der sich an kein steuren kehret' Richey
hamburg. 299;
s. auch brem. wb. 4, 1083; Mensing
schlesw.-holst. 4, 924; Mi
mecklenburg. 88; de peerde waren stürloos Dähnert
pomm. 471. —
diese alte, in der mundart erhaltene bedeutung wird von autoren nd. herkunft gelegentlich mit dem jüngeren, in der schriftsprache von der schiffahrt hergenommenen steuerlos (
o. 1)
vermischt, da sowohl das alte '
zügellos'
wie das jüngere '
ruderlos, führungslos'
übertragen als '
haltlos'
erscheinen (
vgl. auch s. v. steuer,
sp. 2592): er ist ein steuerloser, haltloser mensch W. Lüpkes
seemannsspr. (1900) 53;
that is a compassless ship das ist ein führer-, steuerloser mensch, haushaltung, verwaltung
ebda 65; die menschen werden ... lernen, ... wie steuerlos und zügellos das leben hinfährt, wenn es nicht in irdischen schranken geht E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen 2, 143; meine gesundheit ist von der art, dasz sie anfängt steuerlos zu werden, zwei meilen ins land zu laufen, durch die nähte zu platzen Fr. Reuter
br. 734
Weltzien; der geringste fürst würde der menge nicht so völlig steuerlos gegenüber gestanden haben, wie diese priester Mommsen
röm. gesch. (1894) 5, 527.