schwindlich,
adj. 11)
schwindel empfindend oder erregend. mhd. noch nicht belegt, zuerst in glossaren des beginnenden 16.
jh.: vertiginosus ainer dem schwindlet .. schwindlig Dief.
gl. 614
c.
man wird nach dieser form ein mhd. swindel-ec, -ic,
nicht swindel-lîch
zu grunde zu legen haben. doch zeigen die litteraturbelege, die erst mit dem 18.
jahrh. beginnen, fast durchweg die schreibung mit ch.
nur Kant
und Wieland
schreiben schwindlig,
ebenso auch die einzigen wörterbücher, die das wort verzeichnen: Frisch, Adelung
und Campe.
ableitung mit lich
anzunehmen, verbietet besonders das durchgehende fehlen des e
der mittelsilbe, das schon im 16.
jh. stets ausgeworfen ist. wenn daher Adelung
und Campe schwindelig
voranstellen, so ist diese form wol nur der alphabetischen folge wegen angesetzt (
belegt bei Fichte,
siehe unten).
die schreibung schwindlich
beruht demnach auf falscher abtrennung, und war um so leichter möglich, als schwindlich
weit überwiegend in unflectierter form vorkommt, wo der unterschied auszerhalb des oberd. rein graphisch ist. neben schwindlich
steht mit anderm suffix schwindlicht (
und bair. schwindlisch),
s. das.; auch das part. schwindelnd
wird in den meisten verwendungen des adjectivs gebraucht. in mundarten finden sich zahlreiche synonyme ausdrücke; Adelung
führt an nd. swimelig, bedwelmt, dwilsk, däsig (
bez. dösig, düsig), dussen, bedussen,
oberd. wirbelig,
schwäb. tobelig. 1@aa)
vom menschen, der schwindel (
im körperlichen sinne)
empfindet, oder als dauernde eigenschaft, der zu schwindel neigt: schwindlig,
vertiginosus Frisch 2, 250
c; am 28 november kehrten wir zur sixtinischen capelle zurück, lieszen die galerie aufschlieszen, wo man den plafond näher sehen kann; man drängt sich zwar, da sie sehr eng ist, mit einiger beschwerlichkeit und mit anscheinender gefahr, an den eisernen stäben weg, deszwegen auch die schwindlichen zurück bleiben. Göthe 27, 235;
sprichwörtlich: wer schwindelig ist, musz kein schieferdecker werden. Wander 4, 480.
prädicativ: wie dreht sie (
liebe) mich im kreis herum, dasz alle meine kräft' und sinne mich verlassen! komm, Amarant! ich stürze schwindlich um! Göckingk
lieder zweier lieb. 82. 1@bb)
häufig unpersönlich gewendet, sodasz schwindlich
causativen sinn erhält: es wird mir schwindlig,
vertiginem sentio, omnia mihi in gyrum vertuntur. Frisch 2, 250
c; ein allgemeines zittern überfiel mich, mir ward schwindlig und dunkel vor den augen, und ich wäre .. zu boden getaumelt, wenn mich Kallippe nicht in ihren armen aufgehalten .. hätte. Wieland 27, 92; o mir ist schwindlich! Göthe 10, 183 (
Stella 5); mir wird's so schwindlich vor allen sinnen. 16, 54; ich schwankte weiter (
mit dem kahne), 'haben sie ruh es wird mir schwindlich'. Bettina
briefe 2, 77; es steigen nämlich daselbst die felsen fast senkrecht in die höhe. weiter oben ist's wie abgeschnitten, und der heilige Nepomuk, ob er gleich von stein ist, meint man doch es müsse ihm schwindlich werden, und es wird's einem für ihn, wenn man hinaufschaut. Hebbel 3, 72;
als ausdruck von gemütsbewegungen: dreiszigtausend gulden! liebe leut', wie er dös sagt, is mer völlig schwindlich word'n, denkt's so viel geld und ich nöt ein groschen im sack. Anzengruber
3 5, 142; mir ward auch schwindlich, und ein heimlich grauen schlich eiskalt sich durch mark und bein. Houwald 2, 19 (
fluch u. segen 1, 3). 1@cc) schwindlich,
schwindelerregend, besonders von höhen, abgründen u. dergl.: über der alpen gebirg trug dich der schwindliche steg. Schiller 11, 72 (
var.: schwindlichte,
wie sonst stets bei Schiller); er steht an der felswand schwindlichem rand. Chamisso 1, 113
Koch (
der alte müller);
so auch adverbial in der verbindung schwindlich tief: wir kommen an eine kluft, breit, schwindlich tief. Hebbel (1891) 1, 42 (
Judith 3); oft, zwischen schwindlig tiefen schlünden, macht er, den gemsen gleich, die klippen sich zum steg. Wieland
Oberon 7, 98. 1@dd)
freier, taumelhaft, unbesonnen, phantastisch, vom denken u. ähnl., '
mit dem moralischen schwindel behaftet. ein schwindeliger mensch,
welcher unbesonnen handelt, besonders wenn er unbesonnenen, abentheuerlichen projecten nachhängt' (
so jetzt kaum gebräuchlich, vgl. indes schwindlicht 3,
a), ein schwindeliges project. Adelung: gibt es aber nicht etwa auch einen sich über die grenzen des menschlichen vermögens erhebenden schwindligen tugendwahn? Kant 6, 356; nehmen wir nun alle diese umstände zusammen, welche sich vereinigten, der romanhaften erziehung unsers jungen ritters ihre volle kraft zu geben, so werden wir nicht unbegreiflich finden, dasz er nur noch wenige schritte zu machen hatte, um auf so abenteuerliche grillen zu gerathen, als seit den zeiten seines landsmannes, des ritters von Mancha, jemahls in ein schwindliges gehirn gekommen seyn mö
gen. Wieland 11, 17 (
don Sylvio 1, 3); glauben sie, dasz ein suverän, der fünf und zwanzig millionen schwindlige köpfe hat, seine verbindlichkeit .. seltner vergessen werde, als einer der nur einen tollkopf hat? 29, 339; so schief und schwindlig dachte man nicht, als Xenofon und Plutarch noch ihre schüler hatten.
suppl. 3, 163. — schwindliche einsicht
bei Fichte
siehe schwinden II, 4,
g. 22)
ein andres schwindlich,
das eine gleichbedeutende weiterbildung vom adj. schwind(e)
mit dem suffix -lich
ist, begegnet nur in der ersten hälfte des 16.
jahrh., hier aber nicht selten. 2@aa)
selten als adjectiv, stark, anmaszend: die van der gemeinden ... lachten den heren vast swintliche reden vur: si woulden die asscisen af haven ind der nit me gegeven haven, mit vil anderen dreuworden.
d. städtechron. 14, 847, 22 (
cronica von Coellen vom j. 1499). 2@bb)
häufiger als adverb, geschwind, eilig, rücksichtslos: swintlich mit der ile. handeln.
Frankf. urkunde von 1500
bei Dief.-Wülcker 850; her hat vaste swintlich gehandelt.
ebenda (
vom j. 1502); und da er auf das feldt kam, er ging als schwindtlich, jn het eyn rosz nit wol ereilen mö
gen. Aimon r 2
b; und da der ammiral sah, das jm als schwindtlich nachgeeilt ward, er gab dem pferd die sporn. C 2
b. —
schlimm: und nachdem uns allhier gen Speyer deszhalben je länger je gewisser unnd schwerlicher bottschafft unnd bericht ... zukommen, dasz alles, wie oberzehlt, dermassen unnd etwas schwindlich ge stalt.
reichstagsabschied von Speyer 1526, § 12 (
s. 168).