nothwendig,
adj. und adv. eine nhd. bildung, die in der ersten hälfte des 16.
jahrh. zunächst in alem.-elsäsz. und fränkischen, seltener in bair.-österr. quellen vorkommt, sich sodann im laufe des 16.
und 17.
jh. über Mittel- und Norddeutschland verbreitet und wol von da aus erst ins nl. (noodwendig Kilian 339
b. Kramer 2, 155
a)
und weiterhin ins skandinavische (
schwed. nOedwAendig Moller 514
b)
gelangt. lexicalisch ist das wort zuerst von Dasypodius (1537),
sodann von Frisius (1556), Maaler (1561)
und Schwarzenbach (1580)
verzeichnet, während es bei Stieler
wieder fehlt; auszer den wörterbüchern ist es aber, soweit das von mir zusammengebrachte material einen überblick gestattet, schon seit den zwanziger jahren des 16.
jahrh. im gebrauch neben und anstatt nothdürftig (2),
dessen allmählich eingeschränkte bedeutung sowie die veraltung von nöthlich
wol die erste veranlassung zu dieser neubildung mag gegeben haben. bei Luther
ist mir das wort nicht begegnet (
denn die unten angeführten stellen aus Luthers
briefen gehören einer übersetzung des lat. originals an),
ebensowenig bei Aventinus, Schwarzenberg
u. a.; ganz geläufig wird es überhaupt erst in der schriftsprache des 18.
jahrh., während es nur in der phrase es nothwendig haben (II, 2)
hie und da volksmäsziger ausdruck geworden ist. Bedeutung und gebrauch. nothwendig
ist gebildet wie frühmhd. leitwentich (
Windb. ps. 54, 3;
vergl. ahd. leidwentigî,
calamitas Graff 1, 763)
und kann nach seinem zweiten bestandtheile activ oder passiv aufgefaszt werden: aa)
die noth (
A, I, 5)
wendend, beseitigend oder sie zu beseitigen geeignet, unentbehrlich, woraus der allgemeine begriff von opus, und bb)
in die noth (
A, II)
gewendet, durch sie gezwungen oder hervorgebracht, woraus der allgemeine begriff von necessarius, necesse sich abgeleitet hat. II.
adjectiv. I@11) nothwendig,
opus Dasyp. L 1
a,
ein stärkeres nöthig,
das sich auch manchmal mit 2
berührt. I@1@aa)
prädicativ. I@1@a@aα) nothwendig sein
mit dativ der person: dux nobis opus est, wir dörffend oder manglend eines frers, ein frer ist uns notwendig. Frisius 926
a; welche artznei uns nutz und notwendig sei. Ryff
chirurg. (1559) 14
b; darumb lehren wir solche werk, die nicht uns, sondern dem nächsten allein nütze und notwendig sind, das ist die liebe. Luther
br. 2, 403 (
übersetzung eines lat. Lutherschen briefes in der Eisleber ausg. 1, 174
nach einem Straszburger drucke, dessen text '
von den eigentümlichkeiten der oberländischen mundart gereinigt wurde'); alles, was der jugent nutz und nothwendig ist. Wegele
gesch. der univers. Würzburg 2, 38 (
vom j. 1561),
später alle notturftige disciplin. 39; alle ding, so du uns meinest nothwendig sein.
buch d. liebe 241
b. I@1@a@bβ) nothwendig sein zu, für: die ding, die zu unserm nutz notwendig seind. Hedio
J. Flavius, von den alten gesch. (1531) 10
b; will ich dasselbig zu thun .. bereit sein und wasz mir mitlerweill mehr möchte zu- oder einfallen, dasz zu der sachen auch dienstlich oder nothwendig, dasselbig auch anzeigen.
unterweisung und kurzer bericht des herzogthums Franken, erstattet vom landschreiber Niklaus Diemer ipso die Bartholomei 1557 (Schmidt
thesaur. jur. franconici s. 266;
diesen und die folgenden belege aus Würzburger quellen verdanke ich dem kreisarchivare dr. Schäffler);
mit dativ der person: dasz zu auszreutung der laster und zu pflantzung der tugenden die glori und ehr dem menschen nothwendig were. Albertinus
narrenhatz 29; was ihnen zu ihrer nahrung nothwendig ist.
Simpl. (1669) 128
neudruck; zeit, die für die ausbildung, für die reise (mir) nothwendig ist
u. dergl. I@1@a@gγ)
ohne dativ: daraus folget nu .., dasz keine .. statuten der concilien notwendig sind. Luther
br. 2, 403 (
s. die bemerkung bei α); sehr nothwendig und nützlich (
zu lesen).
das volksbuch von dr. Faust 132
neudruck; es ist nothwendig, kurz zu sein. Klopstock 12, 129; dasz er unablässig arbeitete, war sein erstes und nothwendigstes. Göthe 25, 168. I@1@a@dδ) für nothwendig ansehen, achten, erachten, halten: haben wir für notwendig, nutz und gut angesehen.
ordnung des bischofs Conrad für die stadt und das stift Würzburg vom j. 1528 (
gleichzeitige abschrift im Würzburger kreisarchive); achten wir für notwendig und gut.
gedrucktes mandat des bischofs Conrad zu Würzburg vom j. 1542; haben wir für nutz und notwendig angesehen, das.
gedr. mandat desselben bischofs vom j. 1544; nachdem wir nicht mehr für notwendig achten, das. Wegele
gesch. d. univ. Würzburg 2, 38 (
vom j. 1561); derwegen die Römer ... nichts fur notwendiger geacht haben dann solche Galater one waaffen in schiff zuo setzen und ... zu verschicken. Xylander
Polyb. (1573) 73; darumb hat mich für nothwendig angesehen (
sehr nöthig gedünkt). Fronsperger
kriegsb. 1; die verteutschung .. hat mich .. nicht weniger dann die erste compositz notwendig angesehen. Scheidt
Grob., vorr. 2
a; dasz man vor nothwendig erachtete ...
gedrucktes mandat des bischofs Julius zu Würzburg vom j. 1617; ich halte das nicht für nöthig
oder für nothwendig
u. dergl. I@1@a@eε) nothwendig machen,
unentbehrlich machen: es ist doch gewisz, dasz in der welt den menschen nichts nothwendig macht, als die liebe. Göthe 16, 72. I@1@bb)
attributiv: so sy vormals an notwendiger narung mangel hetten. Hedio
J. Flavius, von alten geschichten 45
b; pflegung in allen notwendigen euszerlichen dingen. Ryff
kochbuch für den kranken (1545) 9
b; rechter gebrauch solcher notwendiger artznei.
chirurg. 14
b (= gebürliche artznei 48
b); und versorgt sich mit allen (
zum kriege) nothwendigen sachen. Kirchhof
wendunm. 3, 43 (4, 41)
Öst., gleichbedeutend mit notturftigen dingen 3, 45; notwendige gebew, notwendige bücher. Wegele
gesch. der univ. Würzburg 2, 97 (
vom j. 1578); fürsehung zu thuon, damit man alle notwendige ding gnuog feil funde. Wurstisen 252; wann der vatter ihm (
dem kinde) in krankheit mit nothwendiger artznei nicht rath thut.
notariatbuch (
Frankf. 1588) 16
b; mit gebürlichen nothwendigen schieszlöchern. Kirchhof
mil. disc. 198; notwendigen augenschein einnemen und verordnen.
österr. weisth. 6, 492, 20 (
vom j. 1608); mit aller nothwendigen pfleg .. versehen.
Simplic. 1, 781, 25; was aber bei dem ganzen werk das allernothwendigste könnte erachtet werden, ist dieses. Leibnitz 2, 119; eine nothwendige säuberung. Klopstock 12, 99; nothwendiger verkehr. Göthe 48, 21; nun geht uns aber das nothwendigste ab, ein tüchtiger mann, der alles zu handhaben weisz. 17, 44; vor seiner abreise hatte er sorge getragen, dasz mutter und tochter mit dem nothwendigsten versehen wurden. Schiller 3, 570; man musz dem feinde nicht sein nothwendigstes nehmen. Hebel (1843) 3, 138.
mit dativ der person: o uns so nutzliche gottheit, o uns so nothwendige gottheit. Corner,
Kehrein kirchenl. 1, 298, 8.
negativ unnothwendig: welliches alles zu verwendung unnotwendigen uncostens ... gereichen thut.
gedrucktes mandat des bischofs Friedrich zu Würzburg vom j. 1566. I@22)
necessarius, necesse Dasyp. L 1
a. Frisius 860
a. 861
a. I@2@aa) (
attributiv und prädicativ)
nothgedrungen, sehr dringend, unaufschieblich, unvermeidlich: es solle unser cantzler alle wochen ungeverlich ainen gelegen tag furnemen und unsers stifts schwebenden gebrechen, auch andern nottwendigen ehaften und sachen.
kanzleiordn. des bischofs Conrad zu Würzburg um das j. 1526 (
gleichzeitige abschrift im Würzburger kreisarchive); dieweil nun dise ungeltsordnung .. aus wolbedachten, notwendigen ursachen .. beschlossen worden.
gedrucktes mandat des bischofs Melchior zu Würzburg vom j. 1554; in zeit der notturft .. wann die arbeit im feldt nottwendig ist.
gedrucktes mandat desselben vom j. 1550; wir .. haben uns aus hochbewegenden und notwendigen ursachen .. verglichen.
gedrucktes mandat des erzbischofs Daniel zu Mainz, datum Aschaffenburg 1.
febr. 1574; nothwendiger rahtschläg halber hielte der löw ein concilium. Kirchhof
wendunm. 3, 93 (4, 87)
Öst.; haben wir angesehen ihr notwendig begehrn.
österr. weisth. 6, 143, 11 (
vom j. 1579); notwendiger kehrab auf aines ungehöbelten neidigen schandtichters spottgedicht. Fischart 2, 215
Kurz; meiner nothwendigen geschäft halber.
Amadis 69
K.; notwendige reformation der hochzeitten.
concept eines schreibens der Mainzer kanzlei vom j. 1606 (
im Würzburger kreisarchive); nothwendige verrichtung (
eines natürlichen bedürfnisses).
irrg. 89; nothwendiger verkauf,
zwangsverkauf oder verkauf im wege der zwangsvollstreckung. hannov. amtl. bekanntm. 1853. I@2@bb)
besonders als modalitätsbegriff (
s. nothwendigkeit 3)
die unmöglichkeit des gegentheils ausdrückend, dasz etwas seiner natur oder den verhältnissen nach so sein oder geschehen musz, nicht anders sein oder geschehen kann: man nennet schlechterdings nothwendig, was ... den grund der nothwendigkeit in sich hat; hingegen nothwendig unter einer bedingung .., was den grund der nothwendigkeit auszer sich hat. Wolff
vern. gedanken von gott u. s. w. § 575; nothwendige verbindung der seelen und der sinnen. Brockes 7, 357
überschrift; der modalität nach müssen die merkmale (
des definitums) nothwendig und also nicht solche sein, die durch erfahrung hinzukommen. Kant 1, 480; etwas, dessen zusammenhang mit dem wirklichen nach allgemeinen bedingungen der erfahrung bestimmt ist, ist nothwendig. 2, 217; eine nothwendige logische bedingung. 218; nothwendige regeln des schönen. Klopstock 12, 16; aber lassen sie doch hören .., wie nothwendig diese nothwendigkeit ist. Lessing 1, 542; mäszigung im willkührlichen, emsigkeit im nothwendigen. Göthe 23, 150; die natur wirkt nach ewigen nothwendigen gesetzen. 48, 12; die vernünftige welt ist als ein groszes unsterbliches individuum zu betrachten, das unaufhaltsam das nothwendige bewirkt, und dadurch sich sogar über das zufällige zum herrn macht. 22, 215; da der mensch, wenn er einiger maszen resolut ist, auch das nothwendige selbst zu wollen übernimmt. 26, 173; die kraft der seele ist eigenthümlich, nothwendig. Schiller 4, 53; ist das nothwendige ein imperativ, so wird beifall, ist es eine nothdurft, so wird lust die empfindung sein. 10, 169; wir handeln wie wir müssen. so lasz uns das nothwendige mit würde, mit festem schritte thun. 12, 244 (
Wallenst. tod 2, 2). IIII.
adverb, nach den bedeutungen des adjectivs II@11)
durchaus nöthiger oder nothwendiger weise: weil das regiment zu Rom .. nunmehr mangelhaftig worden, hab es nothwendig (
um die noth
zu wenden, ihr abzuhelfen) geschehen müssen, dasz eine monarchia angerichtet werde. Kirchhof
wendunm. 4, 146 (6, 167)
Öst.; ihr schuster und schneider frauen wollet nothwendig (
durchaus, schlechterdings) eine amme haben, damit ihr glat und schön bleibet. Schuppius 480; ich habe den B. einen phariseer und mückenseiger genent, das mustu nicht also verstehen, als ob er nothwendig ein geistlicher seie. 598; dessen hoffart nothwendig nicht lang dauren würde.
Simplic. (1669) 238
neudruck; sie stunden in dem aberglauben, als müste bei der besten sache auch nothwendig das beste glück sein. Weise
erzn. 22
neudruck; als er einen scheideweg wahrnahm, welchen Antonia nothwendig treffen muste. Lohenstein
Armin. 1, 387
b; sollen aber die soldaten durch contribution erhalten werden, so musz nothwendig der bürger und bauersmann vertrieben .. werden. Leibnitz 1, 210; das musz uns nothwendig ein unaussprechliches vergnügen geben. Liscov 354; zum behuf der schönheit bedarf es nicht so nothwendig reich und original zu sein. Kant 7, 182; es muszte mich nothwendig befremden. Thümmel
reise 1 (1791), 124; dasz nothwendig einer von beiden das opfer davon werden muszte. Wieland 3, 341; nothwendig musz etwas bestimmtes ausgesetzt werden. Göthe 17, 76; alles sollte nothwendig sein und deszwegen kein gott. könnte es denn aber nicht auch nothwendig einen gott geben? fragten wir. 26, 69; auf die begierde ... erfolgt bei dem thiere eben so nothwendig handlung, als begierde auf empfindung .. folgte. Schiller 10, 106; weil an der schönheit der handlung auch die neigung nothwendig theil nehmen musz. 110; die ersten (
bewegungen) beziehen sich auf den affect selbst, und sind daher nothwendig mit demselben verbunden. 111
u. o., dafür steht auch nothwendiger weise 8, 159,
oder zusammengerückt nothwendigerweise
Frankf. gel. anz. 1772 62, 5
neudruck. II@22)
bair.-schwäb. es notwendig haben,
viel und dringend zu thun haben. Schm.
2 1, 1773. Schmid 408;
fränk. si hat sou nthwendi (
eilig, s. noth A, I, 7,
d), wi di katz in kindbett. Frommann
mundarten 6, 318, 219; nothwendig haben,
drang zur leibesentleerung haben. Albrecht
Leipz. mundart 177
a; nothwendig zu verrichten haben,
zweideutig: G. ich habe drinnen notwendig zu verrichten.
T. notwendig zu verrichten? wolt ihr etwa aufs kackhaus gehen? v. Birken
Sylvia 75.