mildigkeit,
f. das mildesein; bereits im mhd. neben das einfache fem. milde
getreten, im 15.
jahrh. dieses zurückdrängend, und sich bis ins 18.
jahrh. behauptend, zu welcher zeit das alte milde
wieder auflebt, um heute beinahe alleinige anwendung zu finden; mildigkeit
klingt uns veraltet. es steht nach den verschiedenen bedeutungen des adj. mild: die miltigkeit, gtigkeit,
lenitas, benignitas, humanitas, lenitudo, facilitas, mansuetudo, placabilitas, clementia Maaler 290
b. 11)
nach mild 3,
liebende fürsorge für die seinen: zu dem leztin zoch der milde furste ein vingirlin uʒ siner taschin, da mete her pflag sine heimelichen brife zu vorsegiln und wiste iʒ siner betrubetin wertinne und sprach uʒ groʒir mildekeit sines herzin zu or alsus ... daʒ sal dir ein warzeichin si, bi weme ich dir daʒ sende, dem soltu genzlich gloubin. Ködiz 57, 24; weil Ludwigs mildigkeit die kirchen wohl verpflegt, wird billig ihm das lob des frommen beigelegt. Caniz 75;
von gott: got in ewigkeit, nôch sinre groszen miltikeit, der wolte ime alleine nüt behalten sinen schatz der ewigen wunne und fröude die alle zit von ime flieszent.
d. städtechron. 8, 233, 1; allain sein (
gottes) güt und mildigkait söll wir zu lernen sein berait. Schwarzenberg 156
a; o groszer gott von that! schau, wie die arme erd von deiner mildigkeit noch einen wunsch begehrt! Opel
und Cohn 197, 7;
doch hier später auch mit entschiedenem bezug auf mild 6: diese gnadenzeit, die dir die göttliche mildigkeit verleihet.
Simpl. 3, 425
Kurz; unträglich ist dein zorn, den du den sündern dräuest. doch deine mildigkeit, die du hierbei verleihest, ist mäszig ohne masz. P. Fleming 28. 22)
nach mild 4,
a. b, freigebigkeit: miltigkeit,
largitas, liberalitas, legalitas. voc. inc. theut. n 7
b; die mildigkeit und freigebigkeit der alten Hamburger. Schuppius 330; wenn der mensch weder in tugend, güte, mildigkeit noch wolthat sich thätig erzeiget.
pers. rosenth. 7, 12; sô mûʒ (
wenn ein karger guten wein trinkt) sîn karkeit sinken, daʒ er durch grôʒe trunkenheit eine kleine miltikeit underwîlen doch begêt.
d. Wiener meerf. 691; weil Stapolenses saget frei, die miltigkeit im mittel sei. du bist zu milt und der zu karg. H. Sachs
fastn. sp. 1, 96, 464; so willst du, geizhals, länger scharren? so willst du mit der mildigkeit bisz auf die letzten stunden harren? Chr. Gryphius
poet. wäld. 2, 326; doch wer die mildigkeit als eine tugend übt, der sehe, was und wie, ja wenn und wem ers giebt. Chr. Weise
zeitvertr. 2, 81; nicht nur den lebenden nützt ihre mildigkeit; o nein! sie weis sich auch die todten zu verbinden. wenn wird ein kind zur gruft gebracht, um dessen sarg ihr kranz sich nicht verdient gemacht? Gellert 1, 33; das beste war, in seiner neuen haut den jungen herrn (
als geschenk der götter) stillschweigend anzunehmen, und sich der mildigkeit der götter nicht zu schämen. Wieland 18, 168;
gastfreiheit (mild 4,
c): mit dem werk hat gott uns exempel gegeben, und gepreiset die mildigkeit, das wir gerne herbergen sollen, und den frembdlingen guts thun. Luther 4, 104
b; eur miltigkeit dank wir euch gern (
herold zum wirt).
fastn. sp. 566, 21; mildigkeit
im gegensatz zu verschwendung: ihr mitleiden ist allzu empfindlich, und hindert beinah die gerechtigkeit, und ihre mildigkeit ist beinah verschwendung.
M. Mendelssohn
bei Lessing 4, 223; wenn dus also verschwenden wilt on not, on nutz, zum uberflusz, so sagt dir Marcus Tullius: es sei kein rechte miltigkeit, sonder ein lauter verwegenheit. H. Sachs
fastn. sp. 1, 96, 487;
aber auch in den sinn verschwendung (
vergl. mild 4,
d)
übergehend: liberalitas mildikait
l. liederlichait Dief. 326
c. 33)
an die vorige bedeutung angeschlossen, aber mit entschiedenerer hervorhebung der gesinnung, die solche freigebigkeit erzeugt; güte, willigkeit, barmherzigkeit (
nach mild 5): pei dem vogel (
laurus) verstên ich ainen gedultigen menschen, der seinr tugent niht vergiʒʒet in glück und in ungelück. der fleugt in dem glück und praitt die flügel seinr miltichait über arm läut. Megenberg 203, 22; dis (
siebente) gebot hat auch ein werk, welches gar viel guter werk in sich begreift, und vielen lastern wider ist, und heiszt auf deudsch miltigkeit, welchs ist ein werk, das von seinem gut jederman willig ist zu helfen und dienen. Luther 1, 253
b; die erfullung des siebenden gebots. armut des geistes, mildikeit, willikeit seiner guther zu leyen und geben.
krit. gesamtausg. 1, 255, 10; des hern Christus wolthätigkait und miltikait. Melanchthon
hauptart. d. h. schrift verdeutscht 5; ihr musen! ist es nicht ein unverdienter lohn, den eure mildigkeit um haar und scheitel windet. Günther 492. 44) mildigkeit (
nach mild 6),
güte, freundlichkeit, sanftmut: miltigkeit,
lenitas, lenitudo, humanitas, clementia Dasyp.; er kan durch seine mildigkeit iedermann gewinnen,
omnium animos comitate sibi conciliat, seu devincit. Stieler 1276; den mördern von barmherzigkeit und mildigkeit predigen. Schuppius 520; die unbegreifliche geduld, womit die meisten völker des erdbodens sich zu allen zeiten von einer kleinen anzahl von Isfandiarn und Eblissen haben misbrauchen lassen, ist der stärkste beweis der ursprünglichen mildigkeit der menschlichen natur. Wieland 7, 53; ich weisz, was meine mutter ausgestanden hat, von der unbestechlichkeit, unerschütterlichkeit meines vaters. endlich, leider nach ihrem tod, ging ihm eine gewisse mildigkeit auf. Göthe 21, 168; ein herr, der wie er will, ohn alles ansehn handelt, sein ausspruch musz geschehn, und seine tyrannei wird durch kein kläglich thun in mildigkeit verwandelt. Günther 618; untreue wird durch mildigkeit erzeugt. kein alter spreche künftig, kein geschlecht, zur schonung eines schuldigen, das wort. Göthe 7, 243;
in ungewöhnlich knappem ausdruck: wenn meines standes mildigkeit mir auch der schonung süsze pflicht nicht auferlegte (
Domingo zu Philipp). Schiller
don Carlos 3, 4, =
die mildigkeit, die mein stand heischt. 55) mildigkeit,
nach mild 10,
d: seit einigen jahren haben sich in den marmorbrüchen zu Carrara adern und schichte aufgethan, die dem parischen marmor weder an feinheit des korns, noch an farbe und mildigkeit weichen. Winkelmann 3, 35; die eine eigenschaft ist dessen (
des parischen marmors) mildigkeit, das ist, er läszt sich arbeiten wie wachs (
gegenüber sprödem carrarischen marmor). 5, 100.