kalmäuser,
m. auch kalmauser, kalmeiser, kahlmäuser, calmäuser, kalmüser,
nd. auch klamüser Fromm. 3, 426,
ein seit dem 16.
jh., wo es aufzukommen scheint, vielgebrauchtes und mehrdeutiges seltsames wort, noch heute ziemlich verbreitet. Als eine art schmarotzer braucht es Fischart: kalmeuser, der das gras durch den zaun iszt.
groszm. 46 (
Sch. 580),
d. h. wol [] der heimlich und unehrenhaft von andern zehrt. als schmarotzer auch bei Steinbach 2, 34: kahlmäuser,
parcens sumtibus, qui dives conviviis aliorum et compotationibus interest, sed paria referre nescit, musinator; mit letzterm deutet er auf zusammenhang mit lat. musinari
tändeln, zögern; kahlmäuserei
ist ihm geradezu avaritia. so bei Reinwald 1, 74. 2, 66
fränk., schwäb. kalmäuser
geizhals, auch armer schlucker; ebenso bair. knauser, knicker Schm. 2, 288. 629 (
auch kalmauser),
östr. kalmaiser Castelli 179: (er) habe aber vergeblich bei den kahlmäusern um so viel vorschusz vom nahen martinihauszins angehalten ... J. Paul
Siebenk. 2, 22.
Aber diesz ist nur eine seite des begriffs, meistens ist es ein stiller mensch, der in zurückgezogenheit um so sicherer seinen eignen interessen lebt, fast wie duckmäuser;
so bei Frisch 1, 496
a '
im spott, homo umbratilis, der immer als eine fledermaus bei tag im loch steckt und sich wenig sehen läszt',
er erklärt es '
von kahl
und maus,
wie die Franzosen eine fledermaus chauvesouris
heiszen',
vgl. bei Fischart
Garg. 25
a (32
Sch.)
von gelehrter nachtarbeit nachteulisch und fledermäusisch klittern,
er gibt 123
a dieselbe etymologie, s. u. kalmäuserisch.
Es galt besonders von bücherwürmern, gelehrten stubenhockern, so bei Kirsch
homo umbraticus, qui se abdidit literis, bei Stieler 1258 kalmeuser
curiosus, speculator, theoreticus, indagator rerum et homo solitarius, umbraticae industriae atque in obscuro vivens; kalmeusereien
sind ihm 1721
todte kathederweisheit, pedantereien. denn man brauchte es besonders von professoren, schulmeistern, Schönsleder
erklärt 'calmeiser,
trivialis magister, grammatista, abecedarius',
vgl. u. kalmäusern.
daher bei einem schulmann, Barth. Scheraeus
geistliche, weltliche u. häusliche sprachenschule, Wittenb. 1619
s. 98: ein kalmeuser sol ein böser zuname sein, aber es ist ein herrliches, doch unbewustes lobewort eines schullehrers: denn es kommet (
man höre) vom hebr. kol,
d. i. alles, und musar,
d. i. eine wissenschaft, und heist ein kolmeuser soviel als omnidisciplinarius,
d. i. ein allkünstler,
u. s. w., eine etymologie die Schottel 337
b mit freuden ergreift; schon Henisch 580
hat sie übrigens ähnlich (1616): calmeiser, calmuser,
schulfuchs, ein nachname der schuldiener (
lehrer): mit den armen schulmeistern und calmeusern. Mathesius
Luther 129
a; dann wiszt ihr nit von jenem philosopho der sich ab eins affen bossen gesund lacht, als er sahe ine sein doctorhäublein und uberparetlein vom nagel ziehen und es so ordenlich wie der best dorfcalmäuser aufsetzen?
Garg. vorwort s. 16,
dorfschulmeister; oha, solch ding (
schelmenreime) lernet man ohn den einörigen dorfcalmäuser. 162
a.
noch in Hübners
handlungslex. Lpz. 1727
sp. 370: 'calmäuser,
ist derjenige ehrentitel und praedicat, womit der unverständige pöbel gelehrte und sonderlich schulleute zu schimpfen vermeinet'. Rollenhagen,
der schulrector war, nennt sich scherzend selber so unter der widmung seines froschmeuselers A 5
b: Marcus Hupfinsholz von Meusebach, der jungen frösch vorsinger und calmeuser in alten Mäschenwigk (
d. i. Magdeburg).
von professoren: einer der mit seiner gelehrsamkeit prunkt, meint, die alten kalmäuser auf den universitäten und canzeleien sein gegen ihm zurechnen nicht besser als die kesselflicker.
Simplic. 3, 744.
Aber auch schüler heiszen so; Fischart
zählt einmal auf: altaristen, bleban, astanten, bachanten (
s. 1, 1060), clamanten, calmeuser,
und führt eine etymologie an: die calamarischer (
s.kalmar) proveisaner von 'calamitate musarum' drähet (
entstehen läszt).
groszm. Scheible s. 594; sind nicht ein gut theil päpst calmäuser, spänhocken, parteckenstecher und partemsinger gewesen?
Garg. 26
b (35).
So mag es geradezu ein studenlischer terminus gewesen sein und durch die studentensprache verbreitet, wie manches andere kraftwort daher unters volk gewandert ist; denn auch ein stubenhockender student hiesz so, ungefähr was jetzt philister: hier sehen meine herren einen groszen unterscheid des studentenlebens, wiewol sie insgesambt studenten genennet werden ... wer wolte einen jungen hurtigen cavallier, der seine studia auf allerhand lustige exercitia wendet und recht politisch lebet, nicht für einem armen communiteter (
s. u.kaldaunenfresser), praeceptor oder calmäuser, so die ganze zeit über den büchern lieget, auch sich unter den leuten elend forthelfen musz, äuszerlichem ansehen nach glücklicher schetzen? Schoch
comöd. vom studentenleben K 4
b, 17.
jh.; ebenso aus der mitte des 18.
jh. in dem lied vom krambambuli str. 67 (
s. L. Erk,
neue samml. deutscher volkslieder, 2.
bd. 6.
heft s. 64. 66): ihr grillenfänger muckt im neste und ihr calmeuser hängt den kopf, ich rauch ein pfeifchen, lade gäste und bin kein murrscher sauertopf
u. s. w. [] nun, was soll der kahlmäuser? 'der soll dein mann werden'. wer? der steife düstre Florian? 'ei, meine tochter, es ist ein sehr gelehrter junger mensch!' Lessing 2, 459.
noch Vollmanns
burschicoses wörterb. Schaffhausen 1846
führt kalmäuser
an als: '
ochs',
d. i. büffler, daneben als '
kameel, knicker, pfennigfuchser, grillenfänger'.
Letztere bedeutung ist jetzt die vorherrschende; so henneb. bei Reinwald 1, 74:
der immer zu hause sitzt und grillen fängt; Schmeller 2, 288
kopfhänger, grillenfänger; Adelung
wieder ehrenrettend '
ein mensch, welcher sich in der einsamkeit einem anhaltenden nachdenken überlässet'. Stalder 2, 223
erklärt das schweiz. musen: '
kalmäusern, in schwermuth, melancholie versunken sein; muser,
kalmäuser, zunächst von hypochondern'.
als religiöser kopfhänger: lasz dir den (
frömmelnden) ton meiner briefe nicht anstöszig sein, du wirst mich als keinen kalmäuser antreffen, wenn ich die freude haben sollte dich zu sehen, ich lebe jetzt mit lust und leichtem herzen auf der welt. Hamann 1, 289,
brieflich 1758.
auch gleich duckmäuser, so auf der Eifel Schmitz 226
b: den bericht über den erfolg ... kann ich unserem duck- und kahlmäuser da nicht eher mündlich abstatten, als nach einem jahre. J. Paul
Siebenkäs 1, 63; halte sie dem kahlmäuser unter die nase.
briefe 70.
Die bemühungen, den ursprung des worts aufzuklären, sind alt und mannigfach; ehrenrettend ist z. b. auch die ableitung von '
colere Musas',
also '
cultor Musarum',
die Adelungs
von kalm
still und musen
sinnen. nach andern ist es aus dem namen der Camaldolenser mönche entstellt, welche unterm volk noch so heiszen, s. Frommann
mund. 3, 426.
Das mäuser
ist offenbar das in duckmäuser (
vgl. 2, 1495,
merkw. altn. dugga
vir ignavus Egilss. 111
a),
vgl. mhd. mûsen
wb. 2, 1, 278
a, mäusler
leisetreter Schm. 2, 629 (
auch däuker 1, 355),
schweiz. muser,
kalmäuser (
schlimmer heimtückischer mensch Tobler 327
a);
vielleicht ist kalmäuser
nichts als kahler duckmäuser, kahler mauser, und kahl 4. 5. 6
passt vollkommen, um den mauser, mäuser
zu einem kalmäuser
zu machen als armer schlucker, schmarotzer, stubenhocker u. s. w.; freilich ist kalmaeuser
anders betont als dúckmäuser,
mehr wie ein fremdwort (Weigand).
unter den namen der flöhe in Fischarts
flöhhatz ist einer 'der Kalmaus'
kloster 10, 821.
in Graubünden kellmause
eine raupe. Stalder 2, 95.