lautwandel 53 Wörterbücher · 2,7 Mio. Artikel
Wildcard · " Volltext

Aggregat · alle Wörterbücher

Grippe

mhd. bis spez. · 9 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

Meyers
Anchors
11 in 9 Wb.
Sprachstufen
5 von 16
Verweise rein
8
Verweise raus
9

Eintrag · Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

Grippe

Bd. 8, Sp. 346
Grippe (Influenza, Schnupfenfieber, epidemischer Schnupfen, epidemisches Katarrhfieber, russischer Katarrh, Blitzkatarrh), eine meist im Herbst und Frühjahr, jedoch auch zu andern Jahreszeiten auftretende epidemische (oder pandemische) Krankheit, die sich hauptsächlich durch Katarrh der Atmungswege, des Magens und Darmes, durch Gliederschmerzen und Fieber äußert. Die erste sicher konstatierte Epidemie der G. fällt in das Jahr 1387; seitdem haben in den verschiedenen Erdteilen zahlreiche G.-Epidemien geherrscht. Im 19. Jahrh. waren die Jahre 1800–03, dann 1330–37 und 1857 und 1858 durch große G.-Epidemien heimgesucht. Seit 1874/75 trat die G. nicht mehr in großer Verbreitung auf, und da auch speziell Deutschland (mit Ausnahme Bayerns) seit 1857/58 keine große G.-Epidemie mehr sah, so war die Krankheit ziemlich in Vergessenheit geraten, als der Winter 1889/90 wieder eine gewaltige G.-Pandemie über Europa und Amerika brachte. Die Krankheit brach in Tomsk in Sibirien aus; von da überzog sie binnen 14 Tagen alle größern Städte des europäischen Rußland, gelangte dann nach Galizien und Österreich; gleichzeitig erreichte sie Skandinavien, dann Dänemark und Deutschland, überall die großen Städte bevorzugend. Frühzeitig, schon vor der Ausbreitung in Deutschland, begannen die massenhaften Erkrankungen im Magasin du Louvre in Paris, etwa 14 Tage später wurde New York befallen, ziemlich spät folgten die Erkrankungen in England und Spanien. Als Erreger der G. wurde 1892 von Pfeiffer ein äußerst kleines, im Auswurf des Kranken vorhandenes Stäbchen gefunden (s. Tafel »Bakterien«, Fig. 11). Die Krankheit ist kontagiös, d. h. von Person zu Person ansteckend; da ferner der Grippebazillus außerhalb des Organismus rasch zugrunde geht, so erfolgt die Verschleppung der Krankheit nur selten auf andre Weise als durch den menschlichen Verkehr. Die Disposition für G. ist allgemein; keine Menschenrasse bleibt befreit, kein Alter oder Geschlecht verschont, doch erkranken mehr Männer als Frauen; Greise und jugendliche Personen werden besonders heftig befallen, dagegen ist das jüngste kindliche Alter weniger disponiert; es werden daher die höhern Klassen der Schulen mehr ergriffen als die jüngern; es beträgt z. B. die Erkrankungszahl im 7. Lebensjahr 22 Proz., dagegen 33 Proz. im 14. Nicht ganz selten wird ein Individuum zweimal in derselben Epidemie ergriffen, im allgemeinen aber hinterläßt eine Erkrankung an G. eine gewisse Immunität zurück, die freilich keine so vollkommene ist wie z. B. bei den Pocken, aber doch bewirkt, daß erneute Anfälle milder verlaufen, und die bei dem Aufhören von Epidemien als ursächliches Moment sicher bedeutsam ist. Bei der großen Epidemie von 1889/90 wurden in Köln 20 Proz. der Einwohner befallen, an andern Orten bis 75 Proz.; in den verschiedenen Armeekorps der deutschen Heere schwankte die Erkrankungsziffer zwischen 10,58 und 19,5 Proz. der Kopfstärke. Die reinen Grippeformen gelten als ziemlich ungefährlich, doch üben G.-Epidemien durch Auslösung zahlreicher Mit- und Nachkrankheiten, insbes. Lungenentzündungen, und durch Schaffung einer besondern Disposition zu andern schweren Krankheiten einen oft lange nachhaltenden ungünstigen Einfluß auf die Sterblichkeitsverhältnisse der Bevölkerung aus; so zeigte sich bei der letzten großen Epidemie ein Anwachsen der Gesamtsterblichkeit der Bevölkerung um reichlich 1 pro Tausend. Die Sterblichkeit bei der G. selbst beträgt ca. 0,5–1 Proz., ist also ziemlich gering. Das Krankheitsbild der G. ist sehr vielgestaltig. Alle Organsysteme können befallen werden, und es scheint bei jedem Individuum der Ort der geringsten Widerstandsfähigkeit der Angriffspunkt der Krankheit zu sein; es überwiegen gastrische Erscheinungen bei Personen mit früher gestörter Verdauung, die heftigsten Bronchial- und Lungenaffektionen werden beobachtet bei Personen mit ältern Katarrhen und Lungenleiden. Man kann mit einer gewissen Berechtigung drei Hauptformen der Krankheitsbilder unterscheiden: die katarrhalische, die gastrointestinale und die nervöse Form. Bei der katarrhalischen Form sind die Haupterscheinungen Schnupfen, begleitet von Bindehautkatarrh und Halsentzündung, und ausgebreiteter Bronchialkatarrh mit schleimig-eiterigem Auswurf. Meistens, wenn auch in geringerm Grade, sind diese Erscheinungen auch bei den andern Formen zu finden, doch gibt es auch G. ohne jede katarrhalische Vorgänge. Seltener als diese katarrhalische Form ist die gastrointestinale, bei der Erbrechen, völliger Appetitmangel, Durchfall, manchmal mit schleimig-blutigen Stuhlgängen im Vordergrund stehen. Bei der nervösen Form endlich überwiegt völlig die schwere Infektion des Nervensystems: heftige Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, Schlafsucht oder heftige Aufregungszustände, auch Krämpfe zeigen die heftige Einwirkung der von den Bakterien gebildeten Gifte auf das gesamte Nervensystem an. Sehr selten verläuft die G. ohne Fieber; die Fieberkurve steigt steil an und erreicht häufig hohe Temperaturen, verläuft aber unregelmäßig; meist dauert das Fieber bei unkomplizierten Fällen nicht länger als 4 Tage an. Fast immer bestehen starke ziehende Schmerzen in der gesamten Muskulatur, besonders in der Lendengegend, so daß die Kranken sich »ganz zerschlagen« fühlen. Häufig ist die Milz angeschwollen, seltener zeigt sich eine Reizung der Nieren durch vorübergehenden Eiweißgehalt des Harnes an, noch seltener ist wirkliche Nierenentzündung. Das Herz wird in einer großen Zahl der Fälle in Mitleidenschaft gezogen, man beobachtet starke Beschleunigung, Verlangsamung und Unregelmäßigkeit des Pulses und schwere Herzschwäche. Diese Erscheinungen sind nicht selten von schwereren, die Krankheit lange überdauernden Veränderungen im Herzmuskel veranlaßt. Die häufigste und wichtigste Komplikation der G. ist eine namentlich alten und schwächlichen Personen gefährliche Lungenentzündung, die auf der Höhe der Krankheit oder in der Rekonvaleszenz einsetzt. Diese Insfluenzapneumonie kommt dadurch zustande, daß sich der entzündliche Prozeß direkt von den seinen Bronchialästchen in das Lungengewebe fortsetzt, hier Ansammlung von Eiter, Blutanschoppung und Luftleere verursacht. Bei schon bestehender Lungenschwindsucht ist das Auftreten der G. stets von ernster Bedeutung. Die G. nimmt hierbei nicht selten einen hartnäckig chronischen Charakter an und beschleunigt die zerstörende Tätigkeit des tuberkulösen Prozesses, so daß häufig eine bis dahin gutartig verlaufende Lungenschwindsucht nach Einsetzen der G. unter hohem Fieber, reichlicher Produktion von Auswurf etc. sich zum Schlimmen wendet. Auch sind die Tuberkulösen besonders empfänglich für die Infektion mit G. und bilden dadurch, daß in ihren Lungen sich der Influenzabazillus sehr lange Zeit infektionstüchtig erhält, dauernde Ansteckungsherde für ihre Umgebung. Behandlung: Absperrungsmaßregeln haben sich bei Epidemien als nutzlos erwiesen; in epidemiefreier Zeit ist die Nähe an G. Erkrankter zu vermeiden, ebenso ist enges Zusammenleben mit Kranken nicht ratsam; wünschenswert ist Desinfektion des Auswurfes. Die ausgebrochene Krankheit erfordert Bettruhe und sorgfältige Pflege; spezifische Mittel gegen G. gibt es nicht, doch kommt verschiedenen Mitteln, wie Phenacetin, Antipyrin und ähnlichen, eine günstige Wirkung auf Fieber und Schmerzen zu. Die Lungenentzündung ist als solche zu behandeln, Herzschwäche erfordert die üblichen Reizmittel. Während der Rekonvaleszenz ist nach schwerer Erkrankung äußerste Schonung erforderlich. Vgl. »Die G.-Epidemie im deutschen Heere 1889/90, bearbeitet von der Medizinalabteilung des königlich preußischen Kriegsministeriums« (Berl. 1890); Seifert, Über Influenza (in den »Klinischen Vorträgen«, Nr. 240, Leipz. 1890); Leyden und Guttmann, Die Influenza-Epidemie 1889/90 (Wiesbad. 1892); Friedrich, Die Influenza-Epidemie 1889/90 im Deutschen Reich (Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt, Bd. 9, Berl. 1894); Wutzdorff, Die Influenza-Epidemie 1891/92 (ebenda); Wolff, Die Influenza-Epidemie 1889/92 (Stuttg. 1892); Leichtenstern, Die Influenza (in Nothnagels »Spezieller Pathologie und Therapie«, Bd. 4, Wien 1896); Schürmayer, Komplikationen, Folgekrankheiten und Folgeerscheinungen der Influenza (Jena 1896).
8216 Zeichen · 86 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    grippef.

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer)

    grippe f. s. krippe.

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    grippef.

    Grimm (DWB, 1854–1961) · +3 Parallelbelege

    grippe , f. , schnupfenfieber, influenza, eine seit jahrhunderten beobachtete, anscheinend aus Asien stammende, epidemis…

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Grippe

    Herder (Konv.-Lex., 1854–57) · +1 Parallelbeleg

    Grippe , Influenza, russ. Katarrh (Catarrhus epidemicus) , ist ein eigenthüml. Katarrh der Athmungsorgane, mit häufigem …

  4. modern
    Dialekt
    Grippef.

    Pfälzisches Wb. · +2 Parallelbelege

    Grippe f. : wie schd., Gripp (grib) [verbr.]; vgl. Influenza . Zs. Kopfgrippe . Südhess. II 1470 ; Rhein. II 1413 ; Bad.…

  5. Spezial
    Grippe

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Grip|pe f. (-,-n) ‹med› coies f.pl. ▬ die Grippe bekommen ciafé les coies ; sich eine Grippe zuziehen se trá ados les co…

Verweisungsnetz

21 Knoten, 14 Kanten

Tap auf Knoten öffnet Detail · Drag zum Umpositionieren · Scroll zum Zoomen

1-Hop 2-Hop
Filter:
Anchor 3 Kompositum 10 Sackgasse 8

Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit grippe

15 Bildungen · 14 Erstglied · 0 Zweitglied · 1 Ableitungen

grippe‑ als Erstglied (14 von 14)

grippeanfall

DWB

grippe·anfall

grippeanfall , m. : als ein übler grippeanfall endlich überwunden schien, folgte auf ihn der zweite, härtere Jac. Grimm an Dahlmann, briefw.…

Grippe II

RhWB

Grippe II -ip, seltener -e- Sg. t. f.: 1. Influenza, Schnupfenfieber Allg., bes. aber SNfrk. — 2. Maul- u. Klauenseuche Trier-Ld , Bitb , Da…

grippekrank

DWB

grippe·krank

grippekrank , adj. , Fontane familienbr. 1, 182 ; heute bin ich müd und grippkrank Scheffel an Schwanitz, br. 248 ; Theodor ... kam grippenk…

grippele

DWB

gripp·ele

grippele , f. , entzündung an der hand: wan einer den ungenammten an einem finger oder ein grippelen an der handt erlitten Würtz practica d.…

Grippeleⁿ

Idiotikon

Grippeleⁿ Band 2, Spalte 788 Grippeleⁿ 2,788

grippelig

Idiotikon

grippelig Band 2, Spalte 788 grippelig 2,788

Grippel II

RhWB

Grippel II = Pöckchen s. Grippe I.

grippeln

DWB

gripp·eln

grippeln , vb. , hadern, zanken: ist aber ( der leiher ) dabey geitzig ... zahlt ungern, grippelt und zancket gerne, so ist es besser mit ih…

Grippert

RhWB

grip·pert

Grippert -ət, Pl. -tə, –də Aach , Saarbr-Püttl , Saarl m.: listiger Dieb .

Ableitungen von grippe (1 von 1)

urgrippe

DWB

urgrippe , f. (ur- C 4 a oder c) Holtei erz. schr. 38, 23 . —