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gravität

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

gravität f.

Bd. 8, Sp. 2237
gravität, gravitet, f. seit dem 16. jh. nach lat. gravitas gebildet, vgl. frz. gravité. so in bloszer umsetzung zufrühest belegbar: das inn Demosthene mehr kunst vnd krafft wol zuoreden, inn Platone aber mehr philosophischen grauitet vnnd dapfferkeyt St. Vigilius de rebus memorandis (1541) 18b (in altero plus inesse oratorii fervoris, in altero plus philosophice gravitatis Petrarca rer. memorandarum libri II cap. 27 in: opere 5, 1 [1945] 62). 11) 'würde', für eine subjektive eigenschaft und das aus ihr entspringende oder abgeleitete verhalten; seltener objektiviert zu 'ansehen'. 1@aa) als die einer person, vereinzelt auch einem volk wesensmäszig zugehörige eigenschaft: (du, Strepsiades,) erhaltest hiermit (durch dein auftreten) in der stillen dein gravitet umb unsert (der wolken) willen Fröreisen bei Dähnhardt griech. dramen 2, 184 lit. ver.: also soll der, so andern leuten rathen will, beschaffen seyn, dasz er sich selbst zu einer form und exempel eines ehrlichen wandels könne vorstellen, in gelehrtigkeit, in aufrichtigkeit, in gravitAet und ansehnlichkeit Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 35; bei ihrer (der Koreaner) natürlichen gravität sprechen sie sehr emphatisch Ritter erdkde (1822) 4, 636; auch im wirthshause bewahrt der gestandene mann seine gravität M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 3, 128. auf das ganze des verhaltens und auftretens zielend: nach dem ... jnen das weinl in kopff steigt, alsdann ... wird ausz jhrer grauitet ein leuitet, in deme sie zu allen vnnützen reden, anfangen zu lachen, vnd sich selbst zukitzeln vnnd zu vexieren, auch sich für ein guts männl lassen vmbziehen, foppen vnd narren Albertinus de conuiuijs (1598) 70b; ich wäre schon ein paar mal ganz artig aus der bekannten gravität und ruhe, die ich mir als staatsbürger und vierzigjähriger mann schuldig bin, herausgetanzt Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 129. redensartlich seine gravität spendieren 'sich etw. vergeben': (er) suchet mich vnd ich suche jhm, so suchet ein narr den andern, wann ich auch erst meine gravitet spendiren thu, jhm ferner nachlauffe vnd suche, vnsere exelens lest es aber wol bleiben schausp. engl. comöd. 228 Creizenach (wohl fälschlich in entgegengesetzter bedeutung mit 'gravitatem tenere; gravitatem suam tueri' glossiert bei: Aler dict. [1727] 1, 978a). spezieller nuanciert im sinn eines zurückhaltenden, distanzierenden benehmens: bey solchen beleidigungen hat die gravität ein ende; sie sollen mir satisfaction thun dt. schaubühne (1741) 3, 531; Gottsched; der alte herr empfing mich (den vermeintlichen barbier) mit groszer gravität, besah mich von oben bis unten, als ob er meine geschicklichkeit aus mir herausphysiognomiren wollte Göthe I 25, 1, 172 W. für das verhalten von personen, soweit sie einen stand repräsentieren, ein amt ausüben oder eine funktion wahrnehmen: doctor Gotteshaim hört dise ... schimpfreden alle, auch das die herren so gemainlich frölich ob disch waren, ergeret er sich heftig darab und vermaint ..., es solten die herren assessores ire gravitet nit allain in publico, sonder auch in privato halten (16. jh.) Zimmer. chron. 23, 113 Barack; was er für ein hofmann sey, wann er nicht weisz, dasz ein fürst ohne gravität (prunkvolles auftreten), nur ein pfaw ohne ein schwantz seye T. Boccalini relation avs Parnasso (1644) 637; der übermuth, ... die verachtung der gesetze des wohlstandes und einer gewissen gravität, welche man in freyen staaten mit recht gewohnt ist von den vorstehern der republik, wenigstens auszerhalb dem zirkel des privatlebens, zu fodern Wieland ges. schr. I 6, 272 akad.; genaue angabe der standesmerkmale in tracht und haltung — geistliche gravität, fürstliche pracht, ritterliche schneidigkeit, weibliche huld und anmut Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 103. von hier aus für eine gesamtheit von würdenträgern oder als anrede an einen einzelnen: die beleidigte, insonderheit geistliche gravität hat jedes kleine übermaas in ihnen (den polemischen scherzen Shaftesbury's) gnugsam gerüget Herder 23, 153 S.; eure gravität, eure eminenz Scheffel ges. w. (1907) 1, 111. vgl.: (ich) hoff, eure (des erzbischofs) gegenwärtige gravität entschuldigt meine ergebenste frivolität (your present gravity) R. A. Schröder T. S. Eliots mord im dom (1946) 22. 1@bb) seit dem 19. jh. bezeichnet gravität weniger eine innere eigenschaft, als vielmehr ein äuszerliches, sinnlich wahrnehmbares verhalten, gebaren und sichbenehmen, nach dessen inneren voraussetzungen im sinn von a im grunde nicht mehr gefragt wird; gelegentlich begegnet ein solcher gebrauch auch schon früher. meist in der wendung etw. mit gravität tun: (er) steht auf und verbeugt sich mit gravität H. Beck rettung f. rettung (1801) 92; so fand sich graf Auersperg ... in der wohnung des polizeichefs ein. dieser empfing ihn mit mehr gravität, als man ihm ... zugetraut hätte Rosegger schr. (1895) I 3, 346. spürbar von a her: in dem letzten schlitten (des maskenzuges) ... sassen nämlich ... ehrwürdige kaiser und könige, ratsherren und stabsoffiziere, prälaten und stiftsdamen in höchster gravität G. Keller ges. w. (1889) 5, 40. häufig zur charakterisierung gemessener bewegung im tanz: (der vortanz) gehet mit ziemlicher gravität ab, denn in diesem nicht soviel ungebührlichen tummelns geschieht (1594) bei Böhme gesch. d. tanzes (1886) 84; die ehrentänze, sonder hüpfen, mit stiller gravität verknüpfen, und par bey par in ordnung stehn: ... hierauf mit wolanständgen grüssen, und ernsthaft fortgesetzten füssen, bedachtsam auf und nieder gehn poesie d. Niedersachsen (1721) 6, 140 Weichmann; die unerschütterliche gravität der tänzer A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 374. ähnlich in der kennzeichnung würdevoller, gemessener, gewichtiger art zu reden: dasz du nicht durch eine spanische und pedantische gravität deine zuhörer verdrszlich machst Thomasius ausübung d. vernunfft-lehre (1699) 136; Seni (mit gravität) mein sohn! nichts in der welt ist unbedeutend Schiller 12, 95 G.; und das (geschichtenerzählen) that er ... mit so viel gravität und anstand, dasz er bis auf die blauen augen und sein blühendes kindergesicht vollkommen aussah, wie ein kleiner herr im staatsdienst G. Freytag ges. w. (1886) 4, 6. 1@cc) in ebenfalls überwiegend jüngerem gebrauch wird der unter a und b entwickelte positive oder neutrale begriff der würde zu dem negativen der falschen würde, des hochmuts, der überheblichkeit abgewertet. damit drückt gravität ein zwischen äuszerem anschein und innerer wirklichkeit empfundenes miszverhältnis aus. im frühesten beleg dieser reihe vielleicht nur ironisch gemeint und dann zu a: wo ein breymaul und junger gauch sich auff hauszhalten nicht versteht, denckt ihr: was für ein gravitet! Kirchhof wendunmuth 2, 505 Ö.; seithero nettigkeit und gravität aufkommen, ist hoffart keine sünde mehr da che la nettezza (pulitezza) e la gravità sono venute al mondo, la superbia cessato d'esser peccato Kramer t.-ital. 1 (1700) 700b. dem begriff der wahren würde ausdrücklich gegenübergestellt: wenn die wahre würde ... auch da, wo sie an sich hält, noch stets frey und offen bleibt, wenn in den augen empfindung strahlt, und der heitre stille geist auf der beredten stirne ruht, so legt die gravität die ihrige in falten, wird verschlossen und mysteriös, und bewacht sorgfältig wie ein komödiant ihre züge Schiller 10, 124 G.; vgl. ebda 123; diese beleidigende gravität findet man nicht so in deutschen reichsstädten; denn da ist alles offen, gerade, gleich, deutsch, gutherzig Schubart leben (1791) 1, 146 anm.; Gockel ... ertheilte jeden bescheid nach geckenmanier mit einer ... absonderlichen gravität, einem angebornen hochmuth und einer verletzenden arroganz Brunner erz. u. schr. (1864) 2, 108. 1@dd) schon früh, aber im ganzen nicht häufig, objektiviert zur bedeutung 'ansehen, autorität' im sinn eines einer person oder einem volk zugesprochenen wertes oder in unmittelbarem bezug auf ein amt oder einen stand: wirt insonderheit ausz guter unterweisung und lehr jungen herrn grosz ehre, grauitet, zier und dapffer ansehens entspriessen Lorichius pädag. princip. (1595) 27; nachdem die ROemer Egypten bemeistert, hielten sie diesen ... handel (aus dem Orient) ihrer gravitAet doch nicht anstAendig, und trieben die einkunfften davon weit und ungemein hOeher, als sie PtolemAeus gebracht Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 2, 91; ja nichts anders schreiben als was mit der gravität und dem bürgerlichen range desselben (des amtes) bestehen kann Lessing 10, 189 L.-M.; eine antistita sacrorum, in ungeärmelter tunica talaris und vielleicht wegen ihrer gravität ohne nebris (hirschkalbfell der bacchantinnen) Welcker denkmäler (1849) 2, 91. 22) seit dem 18. jh. spezialisiert sich die umfassende bedeutung 'würde' in mehrfacher richtung, vor allem im blick auf lebensauffassung, lebenshaltung und temperament. 2@aa) 'ernst, ernsthaftigkeit'. als okkasionelle haltung oder als habituelle eigenschaft: wie oft (sehen wir) das ernsthafte und wichtige mit einer leichtsinnigen art, und das nichtsbedeutende mit lächerlicher gravität behandelt? Wieland Agathon (1766) 2, 194 (dafür ebda [1773] 3, 212: mit lächerlichem ernst); beide nationen schienen ihren charakter umgetauscht zu haben, der Spanier war jetzt der redselige und der Brabanter der stumme; mistrauen und furcht hatten den geist des muthwillens und der fröhlichkeit verscheucht, eine gezwungne gravität sogar das minenspiel gebunden Schiller 7, 314 G.; es lebt in dieser bevölkerung (von Florenz) neben der spezifisch-toskanischen grazie — die etwas anderes ist als die römische gravität — ein sinn für die ausdrucksvolle häszlichkeit Wölfflin d. klass. kunst (1899) 51. 2@bb) 'strenge, härte'. selten absolut gebraucht: lächeln musz ich immer, wenn man z. e. alle metaphorische ausdrücke von den definitionen mit vieler gravität verbannet Lavater aussichten i. d. ewigkeit (1773) 3, 11. mit bezug auf die einer person oder einem volk eigene gesinnung und haltung: don Hernandez mochte sie (die tränen der tochter) in seiner verknöcherten gravität wohl kaum bemerkt haben Gaudy s. w. (1844) 13, 108; den einigen wilden aufbruch der Bernischen landleute stillte mit altrömischer gravität der schultheisz Jacob von Wattewyl J. v. Müller s. w. (1810) 3, 54. hier geradezu im sinne von 'sittenstrenge, prüderie': (leichtfertige 'weibergesellen') setzen die bevölkerung, um deren willen sie aus Nürnberg sind vertrieben worden, in Fürth fleiszig fort; welcher ort daher an bewohnern zunimmt, zumahl da ihm die Nürnbergische gravität noch von zeit zu zeit kolonisten zusendet Nicolai reise durch Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 1, 311; (dasz die Griechen) hierin (in der päderastie) von einer gewissen pedanterei und gravität der sittlichkeit frei waren W. v. Humboldt Latium u. Hellas 138 lit.-denkm.
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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    gravitätf.

    Grimm (DWB, 1854–1961)

    gravität , gravitet , f. seit dem 16. jh. nach lat. gravitas gebildet, vgl. frz. gravité. so in bloszer umsetzung zufrüh…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Gravität

    Goethe-Wörterbuch

    Gravität Gemessenheit, Würde in Gebaren, Haltung, idVbdgn ‘große, hohe G.’; einmal mit iron Akzent [ Erzähler: ] Der alt…

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Gravität

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Gravität (lat.), Würde, feierlich ernstes Wesen; gravitätisch , würdevoll.

  4. Spezial
    Gravität

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Gra|vi|tät f. (-) gravité (-s) f.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit gravitaet

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gravitaet‑ als Erstglied (2 von 2)

gravitätisch

Pfeifer_etym

gravitaet·isch

2gravieren Vb. ‘belasten, beschweren’, Entlehnung (17. Jh.) aus lat. gravāre ‘schwer machen, beschweren, belasten’, zu lat. gravis ‘schwer, …