grauslich,
gräuslich,
adj. ,
seit dem mhd. bezeugte ableitung zu graus,
m. (
s. d.).
mhd. grûslich
und (
zu grûse,
st. f.; sw. m.) grûselich, grûsenlich;
häufig umlautend griuslich, griuse(n)lich;
entsprechend diphthongiert gräuslich
neben grauslich
usw. das sich seit dem 16.
jh. aus dem literarischen gebrauch zurückziehende und um 1700
ungebräuchlich werdende wort begegnet seit dem ende des 18.
jhs. wieder recht häufig, durchweg in der form grauslich;
umgelautetes gräuslich (-lig) Graf
unter 2 b
bleibt vereinzelt. gelegentliche jüngere formen auf -lig
sind an bedeutungsähnliches gruselig (
s. d.)
angelehnt. vereinzelt grauselicht Stieler
stammb. (1691) 697. —
das im hd. beheimatete, dem nd. fremde wort ist heute den obd. mundarten durchweg geläufig, den md. (
vgl. Hertel
Thür. 109; Bauer-Collitz
Waldeck 41
b)
seltener und vornehmlich in verstärkender bedeutung (
vgl. 2 c). 11)
von der auf die wirkung einer sache zielenden bedeutungsgrundlage '
schauder erregend'
her als objektives merkmal personen und unpersönliche gegebenheiten als '
wild, schrecklich, abscheulich, hart'
u. ä. kennzeichnend. mhd. und frühnhd. reichlich, dann bis zum anfang des 18.
jhs. noch vereinzelt bezeugt; vgl. lexikalische entsprechungen wie horribilis (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gloss. 280
b;
seuerus (
md. 15.
jh.)
ebda 531
b;
atrox (15.
jh.)
ebda 58
a;
ferox (
md. 15.
jh.)
ebda 231
a;
crudelis Schöpper
synon. (1550) b 7
a;
nauseosus, fastidiosus Stieler
stammb. (1691) 697;
auch timidus, pavidus ebda in der andersartigen beziehung auf einen furchtsamen zustand. 1@aa)
wild, grimmig, ungestüm; überwiegend in frühen zeugnissen und überhaupt selten: und soltens (
die drachen) grûsenlîcher sîn dan die tiuvel in der helle, ich muoz ir geselle nu wesen an dem strîte Heinrich v.
d. Türlin
diu crône 13418
Scholl; dô sprach vil grûslîche der rise Schrûtân: wâ ist er nu sô lange, der mich sol bestân?
d. ged. v. rosengarten A 214
Holz; do er (
ein verurteilter) vernam, das man in solt hencken, stalt er sich also seltzam und greuszlich, das sich die herren verwunderten Wickram
w. 3, 39
Bolte. 1@bb)
schauder, schrecken, abscheu erregend; in dieser bedeutung vorherrschend. 1@b@aα)
schrecklich, entsetzlich; je nach dem beziehungswort auch drohend, gefährlich u. ä. von personen, tieren, körperteilen: mohter mit sinir hant gesigin an dem grúsenlichim man (
Goliath), und Saul wolte iemir hOehin in Rudolf v. Ems
weltchron. 24122
Ehrismann; (
die hornissen) prumment grausenleich mit irn stimmen Konrad v. Megenberg
buch d. natur 300, 27
Pfeiffer; und machte das gräuslich her Karmosaris flüchtig aus dem landt Füetrer
bayer. chron. 54
Spiller; do haben sy sich geeilet mit grosser schnelle den nechsten auff Rom zu zeziehen, in dem auch das gantz heer mit inen gefurt, auff das sy dester greuszlicher vnd erschrocklicher geacht wurden H. Gholtz
leb. bilder (1557) E 1
b; auch hatte er greuszliche augen, vnd war ein vberausz groszer mann
buch d. liebe (1587) 11
c.
von erscheinungen irgendwelcher art, zuständen, handlungen, äuszerungen usw., auch von gegenständen und örtlichkeiten: sîn (
Christi) gerihte daz wirt starc, ... owê wie griuslich er uns kumt Otto v. Freising
Laubacher Barlaam 2753
Perdisch; uf dem lant gebóme doz allenthalp ubir al das tal ein alse grúsenlicher schal das al die heidin irchamen Rudolf v. Ems
weltchron. 27860
Ehrismann; di sunne wirt vorwandilt in ein vinsternisse und der mand in ein blut, e den da kumt der tag des herren groz und gruslich (
horribilis) (
zu Joel 2, 31) Claus Cranc
prophetenübers. 318
Ziesemer; eyn gruszlichs wetter Hugo v. Montfort 40, 91
Wackernell; in einem greusenlichen feurenden tiefen tobel (
tal) Keisersberg
trostspiegel (
o. j.) 203
b; das grüslich schwert wyder in syn scheyden zuo zwingen Judas Nazarei
vom alten u. neuen gott 2
ndr.; von dem greüselichen vnnd vnfreundlichen vngelück
V. Schumann
nachtbüchl. 43
Bolte; damit enthub dem pfuhl er (
der höllendrache) völliglich sein gantze grösz: indesz die flammen lufft gewinnend, sich darunter gräuslich kräusten E. G. v. Berge
Milton d. verlustigte paradeis (1682) 11 1@b@bβ)
abscheu erregend, häszlich, scheuszlich; erst seit dem 15.
jh.: wann ich pin grauselich gestalt von vier und zwainzig jaren alt Oswald v. Wolkenstein 20, 34
Schatz; unrainikaitten, die da scharpfen grúsenlichen schmack uszblAvsend Österreicher
Columella 1, 39
lit. ver.; etliche jar darvor hat sich ein greisenliche that zu Hailgenberg begeben (
ein mord)
Zimmer chron. 21, 343
Barack; widerwAertig und grAeuslich schmecken Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 159; er sahe grAeuszlich in der ketten aus, weil er so lange keine verpflegung gehabt J. W. Petersen
leben (1717) 145. 1@b@gγ)
gern in der verbindung grauslich zu sehen, zu hören: es (
die marter) was getan gar vnparmhertzklich ze sehen was es auch grausleich
d. marter d. hl. Margareta 364
in: zfda. 1, 172; weil aber solches absonderlich in der nacht sehr widerlich und gräuslich anzuhören war Caminerus
polit. feuermäuerkehrer (1682) 35. 1@cc)
hart, roh, unerbittlich, beschwerlich: mer hat er (
Christus) die sunder gemeyne alhie zu ym geruffen und gehapt in acht; dort (
beim jüngsten gericht) weist er sie grauslich von ym, das sie zu gnad nymer werden genomen Hans Folz
meisterlieder nr. 5, 53
Mayer; wie mag aber einer ellender sein, dann so er ist under dem gewalt eines solichen grausenlichen tirannen? Brentz
prediger Salomo (1528) 21
a; so wirt vnsz nüt zuo schwAer sin, nüt zuo bitter, nüt zuo grusenlich, nüt vnmüglich, sunder alle ding müglich
reform. flugschr. 1, 245
Clemen; wir lesen auch von der greüsenlichen marter die Alexander Ferrus gebt Zoleckhofer
Petri Messiae vilvaltige beschreibung (1564) 74; bemelter Schmeller ... ist bei seinen lebzeiten ein solcher greusenlicher, herber man gegen seinen underthonen zu Ringingen gewesen
Zimmer. chron. 22, 161
Barack. 1@dd)
qualitätsärmer und verstärkend, meist adverbial: (
eine predigt) stroffet alle muotwillige lustsuocher ... grusenliche sere bi ewiger verdampnisse Tauler
pred. 391, 6
Vetter; graf Wilhalm von Eberstain hat eins morgens, als es noch dunkel gewesen, ein greusenlichen fahl daselbs mit eim pferdt gethon, uf etlich clafter hoch hinab
Zimmer. chron. 24, 118
Barack; unter meinem fenster, zu welchem einer wol hAette ausspringen kOennen, so es nicht die fessel, und die absonderliche und grauszliche brige hOehe verhindert hAetten Zendorius
teutsche winternächte (1682) 14. 22)
seit dem ende des 18.
jhs. tritt grauslich
neu auf, möglicherweise im anschlusz an graus,
adj. (
s. d.).
es drückt eine annäherung an dessen jüngere bedeutung 2
aus, etwa im sinne eines nicht immer vollgewichtigen '
schaurig'
zur kennzeichnung von gegebenheiten, die geeignet sind, furcht oder abscheu zu erregen, wobei oft eine distanzhaltung des sprechers deutlich wird. 2@aa)
furcht und schauder erregend: wir weiber haben oft appetit auf grausliche bissen, manche hat den schönsten mann sich errennt, und wählt sich 'n amanten mit dem man d' kinder schrecken könnt Meisl
theatr. quodlibet (1820) 2, 61; erzähler ... grauslicher räuber-geschichten Holtei
erz. schr. (1861) 26, 7; hier wurden, wenn es aufwärts ging, an die schweren frachtwagen acht und zehn pferde vorgelegt, und wenn sie abwärts fuhren, war es ein grausliches ansehen Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 170; wenn ich hier rein komme, erschrecke ich vor den beiden larven an der wand ... sie müssen die lachende maske ansehn, frau Albrecht. die is ja noch grauslicher Kluge
Kortüm (1938) 36; dasz heute der ... schlimmste tag der choleraepidemie in Kalkutta ist. tausende sind erkrankt und hunderte schon gestorben. auf der strasze habe ich schon ein- oder zweimal gelegenheit gehabt, die grauslichen symptome zu beobachten Lasky in:
der monat 118 (1958) 68
a.
archaisierend und gewichtiger: kam eine kugel aus einem mörsel geflogen von einer feindlichen schanz, die ... schlug mitten in unser schifflein — ein grauslicher angstschrei! — auseinander risz das menschenvolle bretterwerk Raabe
s. w. I 2, 389
Klemm. ähnlich '
zum fürchten neigend': was schnackst du, dasz es mir in meinem einsamen zimmer bei schlechtem wetter ganz grauslich werde Storm
br. an seine braut (1915) 144. 2@bb)
einen leichten schauder des abscheus erregend. häszlich, schmutzig u. ä.: (
das fräulein ist) so abscheulig, schmutzig, und grauslig! — pfui teufel (1781) Mozart
br. 2, 112
Schiedermair; du grauslicher schmutzhammel, du Rosegger
schr. (1895) I 11, 54; den buben aber befahl er mit grimmiger miene, sofort ihre abscheulichen, zerrissenen, schmutzigen, grauslichen zipfelmützen auf einen haufen zusammenzutragen Carossa
d. tag d. j. arztes (1955) 117.
entsetzlich: (
Siegfried:) man hat michs versichert, der nämliche waldbruder habe auf Mathildens geheisz Dragones im kerker mit gift hingerichtet. (
Christoph:) das wäre verflucht, grauslich! maler Müller
w. (1811) 3, 362; hatte ein moderner dichter, der solchen grauslichen stoff in edelster, nahezu christlicher weise nachbildete (
die '
Iphigenie'), das recht, einen muttermörder (
Orest) selbst durch die reinste liebe entsühnen zu lassen? (1887) Louise v. François
an C. F. Meyer (1920) 211.
schändlich: wenn sie nur das eine nicht hätte, das ist recht abscheulich, recht grauslich — vor andern leuten wegen meinem unglück zu reden Seb. Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 251; und so gräuslig wie er und der Silvan den ganzen tag über die geistlichen herren daherreden O.
M. Graf
unruhe um e. friedfertigen (1948) 270.
gräszlich, von personen: unbesonnen, leichtsinnig, unanständig, barbarisch hab ich da gehandelt! ich bin doch wirklich ein grauslicher kerl Nestroy
ges. w. (1890) 1, 54; der meister ist recht grauslich! immer einen verdacht haben auf mich
ebda 3, 38. 2@cc)
verstärkend, besonders von b
her: sie waren grauslich obstinat Bäuerle
kom. theater (1820) 2, 42; wer hat sie denn so grauslich zugerichtet? Holtei
erz. schr. (1861) 37, 195; mit der zeit hob aber ringsum der neid grauslich zu hetzen an Leppa
herzenssachen (1923) 120.