grabschrift,
f. ,
epitaphium. in frühester bezeugung grabeschrift (
s. u.),
so gelegentlich noch im 17.
jh.; vereinzelt bleiben grabes-schrifft Mühlpforth
poet. ged. 2 (1687) 19
und gräberschrifft Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 51. 11)
im eigentlichen sinne die auf einem grab, auf grabmalen, grabsteinen und -kreuzen angebrachte inschrift, besonders soweit sie über die blosze verzeichnung von namen und lebensdaten des toten hinausgeht. zufrühest in der glossierung für epitaphium: grabeschrift
epytaphium (14.
jh.) K. v. Heinrichau
vok. 387
a Gusinde; epitaphium grab scrift (
nd. 15.
jh.), grof scrift (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 205
a,
und so auch in der lexikalischen verzeichnung bis in junge zeit vorherrschend. 1@aa)
allgemein: epitaphium salvatoris nostri Jesu Christi ... das ist grabschrift des herrn Jesu Christi, unsers heilands, welche zu Jerusalem auf seinem grab gehauen stehen soll Luther
tischr. 5, 625
W.; sölche sprüche vnd grabeschrifft zierten die kirchhöff besser, denn sonst ander weltliche zeichen, schild, helm
etc. Luther 35, 481
W.; nehmet weissen marmelstein, laszt ihn diese grabschrift haben, in sich zierlich ausgegraben Zesen
Helicon (1649) 3, E 8
b; Holbein hat mir erzehlet, dasz er auf seiner reisz durch Italien an einem ort eine seltsame grabschrifft angemercket habe
discourse d. mahlern (1721) 4, 75; (
Philipp II.) sezte seinen fusz nie auf gräber, weil man über der grabschrift zuweilen ein kreuz findet Schiller 4, 105
G.; eine grabschrift ist ja eigentlich eine lebensschrift, indem sie die grabstätte durch die erinnerung an das leben beleben soll Göthe IV 22, 233
W.; dazu machte er, was ihm unter die finger kam, sonst noch; taufscheine mit taufstein und gevattersleuten, grabschriften mit trauerweiden und weinenden genien G. Keller
ges. w. (1889) 1, 265; dasz so viele professoren ... dalagen (
auf dem Heidelberger friedhof), wennschon deren bedeutung oder weltruhm ihnen ... zum erstenmal aus den goldenen buchstaben der grabschrift leuchtete Emil Strausz
d. schleier (1931) 9.
oft für die inschriften auf antiken gräbern: man hat nachricht in vielen grabschrifften der alten Römer, ... dasz ihrer viel die unsterblichkeit der seelen gegläubet Scriver
seelenschatz (1737) 1, 17
a; das lob der grabschrift (
Scipios), dasz er tapfer und weise war, wird dadurch bewährt Niebuhr
röm. gesch. (1811) 3, 441; seine noch vorhandene grabschrift lautet: ... Mommsen
röm. gesch. 3 (1866) 169
anm. auch für aufschriften, die sich auf namen und lebensdaten der begrabenen beschränken: ich verbiete auf jeden fall jegliche andere grabschrift als meinen namen Chamisso
w. (1836) 6, 105. 1@bb)
oft wird der charakter einer solchen inschrift als eines mehrzeiligen versgebildes oder sonst als eines bewuszt stilisierten gedenkspruchs auf einem grabe deutlich: sein (
Karls d. groszen) grab ward bezeichnet mit einer solchen inscription und grabschrifft: sub hoc conditorio situm est corpus Caroli magni atque orthodoxi imperatoris, qui regnum Francorum nobiliter ampliavit et per annos XLVI foeliciter tenuit Kirchhof
wendunmuth 2, 53
Ö.; aber ich füge annoch ein muster einer guten grabschrift hinzu, die den worten des Juvenal sat. 7 ... ihren ursprung zu danken hat: heil dir, mein schlafender bruder! lieg, der ruhe bedürftig ... (
folgen noch 6
verszeilen)
anmuth. gelehrsamk. 5, 344
Gottsched; die grabschrift besteht blos aus diesen worten: et in Arcadia ego Hirschfeld
theorie d. gartenkunst (1779) 3, 145; die grabschriften der Griechen .. erzählen entweder blos das factum selbst ... oder sie machen zugleich eine anwendung davon ... oder sie sind klage, eine elegie auf dem denkmahl, eine einsegnung des grabes ... oder sie schildern das monument und seine bedeutenden bilder ... oder es steht ein kurzer fliegender sinnspruch auf dem grabe (
in einer erörterung über epigrammatische dichtkunst) Herder 15, 368
S. auf niederer ebene: (
der küster) kann auch grabschriften machen und verse zu hochzeiten und kindelbier Fontane
ges. w. (1905) I 1, 286.
so besonders von gebilden scherzhaften und komisch pointierten inhaltes: der poet sich nicht lang bedacht, sondern ein solche grabschrifft macht, schaw leser was doch gott behagt, hie ligt der schultheisz bey der magd Sandrub
poet. u. hist. kurzweil 108
ndr.; vgl. 107; ich machte ihm (
meinem toten herrn) diese grabschrift: der Schmalhans liget hier, ein dapfferer soldat, der all sein lebetag kein blut vergossen hat Grimmelshausen
Simplicissimus 185
ndr.; einer solchen kont man wol jene grabschrifft machen: hier ligt die alte Anna, welche die kiechl verbrennt in der pfanna, sauffte sich alle tag voll in brandwein: der hencker mag bey einem solchen weib seyn Abr. a
s. Clara
Judas 2 (1689) 110. 1@cc)
auch von einer inschrift, die jemand vor seinem tode für sich selbst, für sein eigenes grab bestimmt (
s. auch d): und meine grabschrifft soll diss seyn: die reinste glut bedecket dieser stein Ziegler
asiat. Banise (1689) 112; auf meiner todtenbahr die grabschrift steh: ... A. v. Arnim
s. w. 21 (1854) 208; in seiner grabschrift sagte dieser (
frz. dichter des 12.
jhs.) von sich selbst, dasz ganz Gallien von seinen liederweisen widerhallt habe Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 296. 1@dd)
in fester verbaler bindung. besonders eine grabschrift machen (
s. auch ob. b): wenn ich solte eine grabschrifft machen (
für die tochter einer herzlosen mutter), so liesse ich eine hand mahlen, und schriebe darüber: die mütterliche verlassenschaft Weise
erznarren 209
ndr. daneben eine grabschrift setzen,
älter auch aufrichten, stellen, fassen
u. ä.: es ist sonsten auch ein allerloblicher gebrauch, gedachnisz (!) bilder oder aufs wenigste eine solche grabschrifft einem nachsetzen lassen
Reinicke fuchs (1650) 53; in der ausgehobnen
lat. grabschrift, welche ihm seine witwe Elisabeth ... setzen lassen Jac. Grimm
Reinhart fuchs (1834)
vorr. clxxiii;
vgl. vii; darumb hat der poet Johan Vitalis auff sein grab ein solches epitaphium vnnd grabschrifft auffgericht Nigrinus
von zäuberern (1952) 91; wurde (
im röm. bestattungswesen) eine grab-, lob- und gedächtniszschrifft aufgerichtet, so hiesz es (
das grab) hernach monumentum Fleming
vollk. soldat (1726) 370; im ward von gelehrten ein sölche grabschrifft gestellt (
es folgt ein lat. zweizeiler) Stumpf
Schweizerchron. (1605) 133
a; hiemit beschliessen wir Mida fabel, mit seiner grabschrift, wie sie Herodotus fasset, fistula, uina, Venus, placet auri uena, Silenus, si placet Mathesius
Sarepta (1571) 14
b.
im anschlusz an c: Fabian der eltere burggraff zu Donaw: ... seine grabschrifft hat er jhm vor seinem end selber also gemacht Lehman
floril. polit. (1662) 3, 368; er selbst (
Swift) hatte diese (
auf seinem grab befindliche) grabschrift aufgesetzt und verordnete in seinem letzten willen, dasz die lettern grosz, tief eingegraben und stark vergoldet werden sollten Fr. H. Jacobi
w. (1812) 1, 317; (
der bischof) war selbst dichter ... und setzte sich seine eigene grabschrift Scherer
kl. schr. (1893) 1, 544. 22)
schon früh in erweiterter anwendung, die nicht mehr eine auf dem grabe tatsächlich angebrachte gedenkinschrift, sondern nach dem muster und in dem ton einer solchen abgefaszte gedenkworte über einen toten meint, vgl. 'grabschrift
die schrift, die worte, welche zum andenken eines verstorbenen auf dessen grabmal gesetzt wird. oft ist sie blosz ein werk des witzes, zu diesem gebrauche gar nicht bestimmt' Campe 2 (1808) 437
b. 2@aa)
so namentlich für die kurzen versgebilde im sinne von 1 b,
deren ernster oder spöttischer text dabei oft die fiktion einer tatsächlichen grabinschrift festhält. besonders als sonderform epigrammatischer dichtung im zeitalter der renaissance und des barock, nach antikem muster, aber auch im 18.,
gelegentlich noch im 19.
jh.: Georg Rudolf Weckherlins klag- trawr- vnd grabschrifften (
titelblatt) Weckherlin
ged. 2, 271
Fischer. unter diesen z. b.: über meinen freind J. S. grabschrifft. niemand beleydigend bracht ich mein leben zu, beleydigen kan auch ietz niemand meine ruh ebda 300; folgen vnderschiedliche grabschrifften eines hundts ... eines kochs ... eines blaszbalckmachers ...
usw. M. Opitz
teutsche poemata 134
ndr.; grabschrift eines kwacksalbers Grob
dichter. versuchg. (1678) 97; etliche grabschrifften (
es folgen 9
verschiedene vierzeiler als nachrufe auf Lohenstein) Lohenstein
lebenslauff (1680) E 3
a; nun du sollst zu guterletzt, diese wahre grabschrift haben; allhier liegt ein mann begraben, der die tugend hochgeschätzt, doch durch allzugrosze güte, andern wohl, sich übel, riethe (
schluszzeilen eines 26-
strophigen gedichtes auf einen verstorbenen) Triller
poet. betracht. (1750) 4, 154;
vgl. 146; grabschrift des Nitulus: hier modert Nitulus, jungfräulichen gesichts, der durch den tod gewann: er wurde staub aus nichts Lessing 1, 14
L.-M.; grabschrift hier liegt ein mann, er starb zu früh für alle guten christen; für todtengräber starb er spät, zu spät für — journalisten Schiller 1, 233
G.; vgl. 250; Scharnhorsts grabschrift (6-
zeiliger lobspruch auf Scharnhorst) Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 100. 2@bb)
daneben seltener auch für umfangreichere klagelieder und gedenkgedichte auf einen toten, meist von der zu 1
gehörigen vorstellung stärker gelöst, wie grabgesang 2 a, grablied 2,
vgl. vereinzelte glossierungen wie naenia ein todtenlied, klag oder grabschrifft Calepinus (1598) 930
a;
epicedium ein lied das man bey einer leich zu ehren dem abgestorbnen singet, klag oder grabschrifft
ebda 485
b; grabschrifft
epicedium Reyher
thes. (1686) g 5
d; grabschrift
epitafio, epicedio M. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 656
a: volget zum beschlus ein epitaphium, das ist ein grabschriefft (
ein poetischer nachruf in einem ca. 30-
zeiligen gedicht) Thym
Thedel v. Wallmoden 58
Z.; grabschrifft auf den so zubenandten Schwartzen Falken, welcher auf der Potsdamschen reiger-beitz in ihro königl. majestät v. Preuszen höchsten gegenwart durch einen zwar gewaltsahmen, doch rühmlichen todt sein flüchtiges leben mitten im flug beschlosz (
folgt ein gedicht von 5
strophen) (1714)
Berliner geschr. zeitungen 20
Friedl.; im vierten theil bekommen ihren platz die satiren, die sinngedichte, grabschriften, madrigale ... Bodmer, Schlegel, Löwen, Dusch, Cronegk, Canitz, Liskow ... sind die vornehmsten schriftsteller, von denen man stücke in diesem theile antreffen wird
allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 310; nach dem tode Rudolfs von Habsburg bemerkt Ottokar, dasz selbst Wolfram von Eschenbach mühe haben würde, ihm eine würdige grabschrift zu dichten Scherer
litt.-gesch. 7188.
auch 1 c
vergleichbar, als lied auf das eigene grab oder den eigenen tod: grabschrift an meinem grabe sollt ihr rosen pflanzen, und reben sollen sich dazwischen schlingen Rückert
ges. poet. w. (1867) 2, 550; grabschrift (
überschrift eines sonettes des dichters auf sich selbst mit der schluszzeile: '
und diesen vers für meine gruft gesungen') Platen
w. 1, 658
Hempel. 2@cc)
uneigentlichem gebrauch nahe, das, was man über einen toten in gutem oder schlechtem sinne sagt oder sagen kann, gelegentlich geradezu soviel wie '
nachruf'
; besonders in jüngerem gebrauch: weil dir die billigkeit das lob zur grabschrifft setzt: du hättest auf der welt auch nicht ein kind verletzt Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 189; was sie da sagen, ist die schönste grabschrift, die man für ihn (
einen unschuldig in ungnade gefallenen gestorbenen) machen kann Klinger
w. (1809) 9, 69; das lob: nemini maledixit! soll seine (
Heynes) grabschrift sein J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 94; sie aber (
die originalgenies) freuen sich, diese abgötter der nation zu stürzen, und setzen Gellert die grabschrift: lusisti satis, tempus abire tibi est Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 10; ich (
Grillparzer) möchte ihn (
Zedlitz) durch eine grabschrift nicht aus der ruhe des grabes herausziehen auf den kampfplatz der journale (1862)
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 1, 80; er preise sich! denn dasz dein mund ihn nannte, die schönste grabschrift ist's, die einem mann je ward! Grabbe
w. 2, 57
Bl.; im ukermärk'schen moniteur, da hat man's am tollsten getrieben: ein toter hat dem lebenden (
Herwegh) dort die schnödeste grabschrift geschrieben H. Heine
s. w. 1, 318
E. 33)
in vergleichend übertragener und uneigentlicher anwendung. 3@aa)
auf bildlich vergleichender vorstellung beruhend, vor allem älteren gebrauchs. von einer schrift, die den tod eines menschen ankündigt oder bewirken soll: bistu nicht, der da machen liesz die grabschrifft zu grossem verdriesz der Chaldeer köng Belsazern?
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied (1903) 2, 84; gerechte götter helfft: dass diss (
ein brief) die grabeschrift dess schwartzen blutthunds (
Nero) sey; dasz diese tinte gifft in des tyrannen brust (
flösze) Lohenstein
Epicharis (1680) 81.
in umschreibender wendung grabschriften stiften '
töten, morden': blutgeetzte gräberschrifften, so die mordsoldaten stifften Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 51.
in freier bildbeziehung: es müss aus meinem blut ... ein rächer aufferstehn und eine seel erscheinen, ... die mir (
dem zum tode verurteilten) mit fürstenblut so eine grabschrifft setze, die auch die ewigkeit in künfftig nicht verletze Gryphius
trauersp. 69
Palm. 3@bb)
uneigentlich in der beziehung auf das ende, den untergang unpersönlicher gröszen, vgl. dazu grab B 2: ich woll unterdessen stifften der ermordten jungferschafft, diese kurtze grabes-schrifften die ich eilig beigeschafft Mühlpforth
poet. ged. 2 (1687) 19; die wissenschaften waren ... so sehr in verfall gekommen, dasz ... Claudius Mamercus ... ihnen ihre grabschrift zu verfertigen dachte
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 174; die letzte zeile ... schien ... eine fürchterliche grabschrift des vierjährigen werkes J. v. Müller
s. w. (1810) 10, 343.