gottesfriede(n),
m. ,
nur im altfries. vereinzelt in fugenloser bildung: godfrethe
in: dt. rechtswb. 4, 1015. 11)
treuga, pax dei. 1@aa)
der dem göttlichen willen gemäsze rechts- und friedensschutz, der, in der form eines fehdeverbots, für bestimmte festliche zeiten gilt oder allgemein auf einem bestimmten personenkreis und sachbereich ruht. in mhd. zeit gewöhnlich durch die genitivverbindung gotes vride
umschrieben, vgl. s. v. gott
sp. 1072;
gelegentlich zusammengerückt: her claget uch uber einen Heinriche, daz her ist komen binnen wichbilde in des keiseres straze vnde hebet den gotesvriede an ime gebrochen vnde hebet ine beroubet libes vnde guotes (1261)
Breslauer urk.-buch 26
b Korn; man bekennet dem ertzebischove von Meintze an sinem gerihte zu Erforthe kamphis, gotesvrides unde burcvrides, unde siner achte, und ouch der notnunft, unde alles des rehtes, daz er von altere hat an sinem gerihte gehabet (1289)
d. ältesten weisth. d. st. Erfurt 5
Kirchhoff; nieman sal den anderen beclagen umbe bakkenslege oder umbe scheltewort oder umbe rouffen in deme gotisvride und in dem burcvride (1289)
ebda 7.
in späterem gebrauch von dem normalen rechtsschutz und -zustand überhaupt: hier stehet
N. und ist ein zeitlang freide losz gewest, ... und bittet euch herr richter das gy ihm wollen wieder in seinen gotz friede setzen (
Soest, 16.
jh.?)
bei Westphalen
monumenta inedita 4, 3096.
der unter friedensschutz stehende ort: gottsfriede
asylum ecclesiasticum Stieler
stammb. (1691) 563. 1@bb)
im 18.
jh. wird der begriff historisierend aufgenommen und durch das kompositum bezeichnet; dem jüngeren gebrauch von friede
entsprechend meist weniger vom rechtsschutz als vom zustand des (
gebotenen)
friedens: das kreuz hat einst den völkern ruhe gebracht; es stillete aufruhr, fehden, zwietracht und gebot den gottesfrieden Herder 16, 395
S.; der adel steigt von seinen alten burgen, zieht in der städte gottesfrieden ein und fügt sich sanftern menschlichen gesetzen (1804) Schiller
br. 7, 141
Jonas; auch vom ersten advent bis epiphanias sollten alle fehden ruhen. das hiesz der gottesfriede K. Fr. Becker
weltgesch. (1801) 5, 13; es ist jedoch eine irrtümliche ansicht, in diesem friedensschutze der angeführten personen, orte und gegenstände einen eigentlichen gottesfrieden, eine immerwärende pax dei zum unterschiede von der durch die treuga dei zeitweilig gebotenen waffenruhe sehen zu wollen Huberti
gottesfrieden u. landfrieden (1892) 1, 315.
in der anwendung auf gegebenheiten der antike: aber mich schreckt die Eumenide, die beschirmerin dieses orts, und der waltende gottesfriede Schiller 14, 21
G.; dasz während der latinischen feier, ähnlich wie während der hellenischen bundesfeste, ein gottesfriede in ganz Latium galt und wahrscheinlich in dieser zeit auch die verfehdeten stämme einander sicheres geleit zugestanden.
anm.: das latinische fest wird geradezu 'waffenstillstand' ('
indutiae'
Macrob. sat. 1, 16;
ἐκεχειρίαι Dionys. 4, 49) genannt Mommsen
röm. gesch. 1 (1865) 41. —
von einem unverletzbaren ort: das (
dasz man nicht auf den kirschbaum schieszen darf) ist für junge leute die einzige kunde davon, dasz die alten den kirschbaum heilig gehalten haben, so heilig, dasz er selbst den raubvögeln ein gottesfrieden gewesen ist Rosegger
wildlinge (1906) 229.
ähnlich in zeitgenössischer übertragung auf eine person: (
die alte kinderfrau war) das 'asyl' gewesen ..., die kirchenschwelle, hinter die das schwert nicht reichte, der gottesfriede, der nicht verletzt werden durfte E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 20. 1@cc)
von b
her in der anwendung auf zeitgenössische verhältnisse, von verschiedenen im äuszeren sinne befriedeten zuständen, auch ohne deutliche religiöse beziehung: so konnte der perrückenmacher, unter fortwährendem fechten und musiziren, schon sein möglichstes thun und einiges durchsetzen während des gottesfriedens der musik Jean Paul
w. 7/10, 255
Hempel; zur vorbereitung aber für einen ... gottesfrieden in allgemeiner glaubens-einheit würde nichts in gleichem maasze wirksam sein, als wenn ... Fr. Schlegel
s. w. (1846) 12, 217; wir nehmen aber unsere antipathien zwischen die vier wände mit, welche bei unseren nachbarn (
den Franzosen) die stätte eines neuen gottesfriedens (
den salon als ort leichter, spielender konversation) umzirken Immermann
w. 18, 93
Boxb. in bezug auf den gottesdienst: die gute einrichtung, dasz man die (
stadt-)thore, wie Janus seine, zur zeit des gottesfriedens in den kirchen völlig sperrt Jean Paul
w. 19, 128
Hempel. 22)
der durch gott gewirkte, in gott gründende zustand des friedens, der ruhe und ausgeglichenheit. 2@aa)
als seelische gegebenheit: o dasz alle sich bemühten, diese balsam-reiche krafft, die den tieffsten gottes-frieden und das ew'ge leben schafft in der seelen feur zu sehn G. Arnold
d. geheimn. d. göttl. sophia (1700) 2, 59; gottesfriede geht auf in mir mit sanfter, süsser ruh (
var.: und friede geht auf in mir, wie gottes himmelsruh) Herder 28, 50
S.; der besitz der gnade gottes, und der genusz des innern gottes-friedens, der über alle vernunft geht, diese beide sind schon seligkeit auf erden Jung-Stilling
s. schr. (1835) 3, 23; Jean Paul
w. 7/10, 100
Hempel. 2@bb)
der bestimmte auszermenschliche gegebenheiten, besonders die natur erfüllende friede, als mehr objektive grösze empfunden: es müszten augenblicks die gräber alle sich aufthun, und die bleichen könige daraus hervorgehn, zürnend den zu strafen, der ihrer wohnung gottesfrieden stört Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 7, 234; Freiligrath
ges. dicht. (1870) 2, 190; läuten doch heute (
am sonntagmorgen) von allen thürmen die glocken den gottesfrieden ein Gaudy
s. w. (1844) 23, 35; um mich die grüne einsamkeit, ein stiller gottesfriede über dem alpenbekränzten thale Gutzkow
ges. w. (1872) 9, 379; es war ein abend voll gottesfriedens O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 302. —