glück(s)topf,
m. ,
dasselbe wie 1glückshafen,
wozu es die ursprüngliche md. und norddt., dann allgemeine schriftsprachliche entsprechung ist: das oben meist enghalsige gefäsz, in dem die lose sich befinden und in das man, ohne gleichzeitig hineinschauen zu können, hineingreift, um ein los zu ziehen; auch die gesamte lotterie; glückstopf
olla fortunae, olla sortiaria alias offene lotterey Stieler (1691) 2295;
als compositum seit dem frühen 17.
jh. bezeugt (
s. u. 1 c
und glückstöpfer),
doch vgl. schon: wil nu jemands unter euch ein zeddel oder zwen ... für mich jnn glücks topff legen (1545)
M. Agricola
musica instrum. deudsch 283
Eitner. 11)
eigentlich. 1@aa)
konkret auf das gefäsz, behältnis der lose bezogen: ein glückstopff, darinn die zettel liegen Corvinus
fons latinitatis (1646) 1011; unter solchen mitteln (
um zu geld zu kommen) ist auch eines der glückstopff oder wuchertopf, welchen die töpffer herumb führen und sich darmit bereichern Prätorius
wündschelruthe (1667) 425; ... hier sasz ein wurtzelmann, der otterhäute friszt, dort lag ein charlatan, hier stand ein glückstopf offen, und reitzte manche faust, den reichsten griff zu hoffen J. Chr. Günther
ged. (1735) 508; dasz ein jeder von ihnen einen halben gulden dran wagte, und in den glückstopff griffen, allein sie zogen insgesamt blinde loosze
d. Götting. student auf d. Plesse (1748) 1, 127; da waren buden aufgeschlagen, in welchen herren und damen vom hofe allerlei galanteriewaren feilboten oder glückstöpfe hielten J. Scherr
Schiller 1, 12
Hesse; in freierer anwendung: als ich nun im offenen wagen sasz, legte ich das vorhandene geld der länge nach in meine offene hand, von hinten nach vorne, vom kleinsten bis zum gröszten; da hatte ich nun schnell einen glückstopf zubereitet und mir vorgenommen, bei jedem begegnenden handwerksburschen halten zu lassen und so meine gaben der reihe nach zu spenden Göthe I 41, 1, 262
W.; auch als gesellschaftsspiel: eines abends, da wir ... in zulässigen vergnügen beysammen saszen, und aus einem glückstopffe ... allerhand lächerliche loose zohen, bekam ich unter andern eins, worauf geschrieben stund: ich müste mich von demjenigen, der mich am meisten liebte, 10 mahl küssen lassen Schnabel
insel Felsenburg 235
Ullrich. 1@bb)
auf die gesamte lotterie bezogen: glückhafe, glückstopf
lotto, lottaria, lotteria Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 540
c;
loterie, das loosen mit kleinen zetteln der glückstopf Spanutius (1720) 311; kein ländchen ist so klein, das nicht seinen eigenen glückstopf hätte, und an der grenze von Deutschland ... sah man sogar am ausgange des achtzehnten jahrhunderts noch ein neues lotto aufblühen Kerndörffer
lotterien u. kunst zu gewinnen (1796) 107; Johann Georg I., in dessen regierungszeit (1611-56) die erste lotterie in Sachsen, der Leipziger glückstopf, aufkam
Leipzig. tagebl. 14. vi. 1889. 1@cc)
besonders beliebt ist die anwendung im vergleich: es ist nicht meine weise, dasz ich in die bibel greiffe, gleich wie in den glückstopff, und das erste für das beste erwische
V. Herberger
trawrbinde (1611) 1, 19; gleichwie nun jener quacksalber, so offt er einen patienten hatte, in seinen receptkasten, nicht anders als in einen glückstopf, griff, und das erste das beste sein liesz Chr. Weise
d. polit. näscher (1678) 224; es werde keinen abbruch geschehen, wenn ich ... in recensierung derselben (
der gutachten) den ... rang und ordnung in unserer facultät ... nicht beobachtete, sondern gleichsam wie aus einem glückstopf dieselben eins nach dem andern ergriffe Chr. Thomasius
ernsth. ged. u. erinnerungen (1720) 2, 144; modewörter die fülle, die ... nicht selten wie aus dem glükstopf gezogen da stehen
allg. dt. bibl. 8, 233. 22)
übertragen. 2@aa)
im gegensatz zu 1glückshafen (
s. sp. 372)
spielt glückstopf
als bild der ehe so gut wie gar keine rolle, was durch die art der vereinzelten belege nur bestätigt wird: das heyrathen wird noch ein glückstopf werden sollen!
vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 306;
glückliche ehe: a hōd ei a glickstōp gegriffa K. Rother
schles. sprichw. 366;
s. o. sp. 407. 2@bb)
vorwiegend erfolgt die übertragung von dem unsicherheitsmoment des glückstopfes
her: die welt, die ist ein glückestopf, der stets herumher läuft Fleming
dt. ged. 1, 266
Lappenberg; ein glückstopff steht bey hof, in welchem zettel liegen, zum meisten, welche leer, zum minsten, welche tügen Logau
s. sinnged. 327
lit. ver.; der rechtsgelehrte ... kann die verschiedenen meinungen der gelehrten in einen glückstopf werfen, und eine herausziehen J. Möser
s. w. (1842) 3, 333; dem dummkopfe könnte so etwas begegnen, weil er bey allem, was er thut, blosz in einen glückstopf greift Wieland (1794) 15, 106; er war nicht in dem falle, worin wir andern uns zu befinden pflegen, seine leute aus einem glückstopfe ziehen zu müssen ... sein staat glich einer künstlichen maschine, von deren wirkung der meister gewisz ist
ders. (1794) 7, 317; der glückstopf des krieges Schiller 11, 98
G.; der könig von Preuszen, der im ernste gar nicht daran denken kann, seine Rheinlande gegen uns (
Franzosen) vertheidigen zu wollen, kann sie nur als einen geliehenen besitz, als einen einsatz im glückstopf betrachten E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 3, 97;
ders., reisen (1801) 5, 246;
seltener tritt der einsatz in den vordergrund: wir werffen das gelück in glückstopff immerhin, und können doch nicht draus errettung uns erwerben Hoffmannswaldau
u. a. Dtschen auserl. ged. 4, 3
Neukirch; in den glückstopf legen
mettre à la loterie Schwan
n. dict. (1783) 1, 771
a;
ganz vereinzelt das bild des mischens der lose: seinen kopf, den glückstopf, schüttelte er so lange, bis durch ein zusammentreffen der ideen im freien spiel der einbildungskraft so was für den verstand heraus kam, das aussah, als sey es ein geschäft des verstandes Herder 22, 144
S. 2@cc)
im vordergrund steht die gewinnmöglichkeit, glückstopf
wird also positiv gewertet, gelegentlich direkt im sinne von (
gutem)
glück: der arme ist gottes glükstopff: leget einer erde hinein; so zihet er dafür den himmel heraus; für einen heller einen unermeslichen schatz; denn gott gibet nicht nur zehen vom hundert; sondern hundert von zehen Butschky
Pathmos (1677) 376; hier ist ein glückestopf, da wird man, was man will Heräus
ged. u. lat. inschr. (1721) 228; verschämtes kind! der vorwitz trieb mich an, den losen arm um deinen hals zu werffen ... steht uns ein griff offt in den glückstopff frey, so lasz mich auch hinfort auf deinen anmuthsgründen noch eine hand voll glück durch einen freygriff finden J. Chr. Günther
ged. (1735) 942; der käufer einer solchen schrift erhält in ihr einen glückstopf
allg. dt. bibl. 105, 168;
besonders beliebt bei Jean Paul: hier aber, da einmal sein glückstopf in scherben lag 1, 52
Hempel; ebda 1, 35; 7/10, 76; 32, 35; alle spar- und glückstöpfe und ägyptischen fleischtöpfe der wünsche
ebda 32, 96; erst später kehrte er zurück und holte seinen antheil aus dem glückstopfe, der wie so oft in der welt ein fleischtopf war Grillparzer
s. w. 20, 78
Sauer; wer aber einen officier gefangen, der freute sich des gewinnes, den er aus Fortunas glückstopf gezogen G. Freytag
ges. w. (1886) 12, 16. 33)
als bezeichnung von wahrsagebüchlein u. dgl.: der abentheuerliche glückstopf, welcher in hundert und achtzehn beschriebenen abergläubischen zetteln bestehet ... (
titel) J. Prätorius (1669); was aber das ... anlangt, so im letzten haubtstück des glücktopffs steht, da lasz dich des autors einfall und irrung nicht irren Grimmelshausen
Simplicissimi ... lebenswandel (1713) 3, 633.