gleichstimmig,
adj. ,
consonus. seiner bildung nach wie einstimmig, vielstimmig, unstimmig
u. a.; im älternhd. häufig und in den meisten seiner anwendungen früher als das simplex (
s. stimmig teil 10, 2, 3119),
seit dem 19.
jh. wie übereinstimmig (
s. d.)
zugunsten von gleichgestimmt, übereinstimmend,
z. t. auch einstimmig
rasch rückläufig und modern nicht mehr gebraucht. 11)
zufrühest, wie bei gleichlautend,
zur bezeichnung formaler oder inhaltlicher übereinstimmung, auszerhalb der eigentlich sinnlichen, akustischen anwendung, s. stimmen I D,
teil 10, 2, 3095. 1@aa) '
übereinstimmend'
wie gleichlautend 1,
aber weniger auf den wortlaut von urkunden, briefen u. ä. als auf den inhalt von urteilen, aussagen, voten u. ä. bezogen, wenn auch oft diese unterscheidung nicht sicher zu bestimmen ist: das wir aber der römischen gelerten gleichstimmige zeugnus geschweigen, die inn diesem artickel vom abendmal noch kein mangel hatten Mathesius
ausgew. w. 3, 213
Loesche; dahin sehen, damit die vota, so beides im churfürsten- und fürstenrath unsertwegen abgeleget werden, gleichstimmig sein und concordiren (1643)
urk. u. aktenstücke z. gesch. d. kurfürsten Friedr. Wilhelm v. Brandenburg 1, 805
Erdmannsdörffer; da die nation in ihren gesinnungen bereits so sehr getheilt war, so konnte auch in diesem stücke ihr urtheil nicht gleichstimmig ausfallen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutsch. (1778) 5, 372; um also die nachsicht der leser nicht zu miszbrauchen, habe ich meine gleichstimmigen bemerkungen über diese artikel weggelassen G. Forster
s. schr. (1843) 1, 296; dasz drei gleichstimmige exemplaria mundiret und ausgefertigt werden sollen (1621)
acta publica 4, 21
Palm. speziell von biblischen parallelstellen: ab aber disser spruch wol gleychstymmig 2. reg. 7 und 1. paralip. 22 (=
2. Sam. 7, 13
f. und 1. chron. 22, 10) geschrieben stett, hatt er doch 2. reg. 7 solch umbstend, das er von Salomon nit mag verstanden werden Luther 10, 1, 1, 170
W.; darum aber ist die bibel Wolderi zum gebrauche, sowol im nachschlagen als wegen der locorum parallelorum oder gleichstimmigen örter, vorzuziehen Died. v. Stade
erläuter. (1724) 23.
verstärkend neben gleichbedeutendem beziehungswort: ebens falls seind sie in dem nit einig, wer vatter ... zu dem kind sey. etliche zeyhen es den studenten ... andere sagen neyn darzuo, sondern ein cardinal hab sich zuo jhr funden ... die dritten ... schiebens aber auff einen knecht
etc. ist nit das ein feine gleichstimmige consonantz? Georg Scherer
dasz auf ein zeit ein bapst zu Rom schwanger gewesen (1548) D 1
b. 1@bb)
so und allgemeiner einer sache gleichstimmig '
ihr gemäsz, mit ihr in übereinstimmung': es ist auch in weltlichen rechten, nützlich, heilsamlich, unnd dem wort gottes gleichstimmig und gemesz J. Ellinger
hexencoppel (1629) 53; wenn sie (
die worte) nemlich falsch, und dem hertze nicht gleichstimmig Butschky
Pathmos (1677) 306; denn in der mutter schoosz ists wo der leib sich baut gleichstimmig jenem geist, der sich ihm anvertraut Wieland
ges. schr. I 1, 109
akad. selten attributiv: warum werdet ihr gleichsam entzucket, in dem ihr vil tausend nie gehörte, doch euer sprachnatur gleichstimmige wörter zuerst höret und auch verstehet? Q. Kuhlmann
geschichtherold (1673) E 4
a.
ebenso gleichstimmig mit: Erasmus (
hat) das lob, dasz sein sinnbegrieff mit seinen worten jederzeit gantz gleichstimmig gewesen Harsdörffer
d. poet. trichter (1653) 3, 31; bis hierher ... lieszen (
wir) seine meinung gelten, und wenn wir etwas einschalteten, so war es gleichstimmig mit seinem vortrag; nun aber ... sind wir veranlaszt, einigermaszen von ihm abzuweichen Göthe I 49, 1, 230
W. 1@cc)
nur gelegentlich schlägt hier, eigentlich oder bildlich, die sinnlich-akustische vorstellung '
mit gleicher stimme'
oder '
gleichklingend'
mehr oder minder durch: zu diesem wist, das im gemach des himels sey nur eine sprach. als nemlich die der Adam redt, da ihn der herr geschaffen het. in welcher sie mit einem mundt (ob sie sie wol nicht hie gekundt) den groszen gott gleichstimmig preisn vnd ihre kunst aus gott beweisn B. Ringwald
bei Wackernagel
kirchenl. 4, 1045; auff diesen bettag wurde in der kirchen die letaney von mir für dem altar selbsten gesungen, also das mir allwege der chor und die gemeine gleichstimmig darauff antwortete D. Greiser
historia (1587) E 4
b; ihren lieben brief ... erhielt in dem augenblick, als ein schreiben von herrn dr. Cotta einlief mit einer dringenden einladung nach Baden zu kommen. der gleichstimmige ruf entschied mich und ich werde kommen Göthe IV 27, 79
W. 22)
selten von gleichem klang, gleicher lautgestalt einzelner wörter, s. stimmen I A 1: wer sind die zwen Martin gewesen: welcher wird dann der rechte sein? dieweil sie beyde in gemein gleichstimmig einen namen führen Wolfh. Spangenberg
ganszkönig (1607) D
a; (
dies hebräische wort) hat aber eine genaue verwandtnisz mit einem gleichstimmigen wort ..., wo es nicht eben dasselbige seyn soll, und nur anders (mit einem
ס vors
ׂ) geschrieben ist Carpzov
leichpred. (1698) 30. 33)
in musikalischem gebrauch, entsprechend stimmen I A 2,
vorwiegend zur bezeichnung der konsonanz oder der harmonie überhaupt, vgl. gleichstimmig
consonus, homotonus, harmonicus Steinbach
dtsch. wb. (1734) 2, 705; Campe 2 (1808) 400
b: wenn er (
Apollo) so fein gleichstimmig sein lieblich leyren nimt und darein singet W. Spangenberg
in: griech. dram. 1, 112
Dähnhardt; A.: wie nennt man die harmonisch mit- und nachklingenden töne auf der gespannten saite?
B.: consonanzen. die saite hat nach zahl und verhältnisz consone punkte, zwischen welchen die dissonanzen unerweckt liegen.
A.: jene also ..., sobald elastisch der ton erklingt, erheben sich gleich- oder einstimmig zum widerstande ... accord heiszt diese haltung. mit jedem klingenden ton tönt alles gleichförmige mit Herder 22, 65
S. bildlich: freylich ist das gemeine wesen ... ein solches instrument, welches ... zu einer gleichstimmigen harmonie ... gewidmet ist Chr. Weise
polit. redner (1677) 137.
von hier aus in erweiterter anwendung: ich sage, dasz sie vernahmen, wie man gleichsamb nach dem tackt gleichstimmige gewisse schläge that, mit einem sonderbahren klang von eisen und ketten Bastel v.
d. Sohle
Harnisch a. Fleckenland (1669) 275.
hierher auch: (
schönheit fordert) eine gleichstimmige und förmliche ordnung aller glieder des leibes Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 1757.
daneben soviel wie '
unison',
im ersten beleg eigentlich und bildlich: dasz also durchgehends das fünfte zeichen (
des tierkreises) dem vorhergehenden, wie im singen der achte thon dem ersten gantz gleichstimmig ist. welche eintracht denn auch durch der gestirne kräfftige würckung bisz in die innerste schosz der erde, und in den abgrund des meeres sich erstrecket, und weder thier, fisch oder gewächse ist, welches nicht einen ihm gleichstimmigen stern im himmel habe Lohenstein
Arminius (1689) 2, 220
b; durch das octavenverhältnisz theilt sich das tonsystem ab in ein system kleinerer, gleichstimmiger, höherer und niederer perioden Fr. Th. Vischer
ästhetik (1846) 3, 4, 858. '
auf den gleichen ton gestimmt',
s. gleichgestimmt 1: gleichstimmige instrumenten
musical instruments that are tuned to one accord Chr. Ludwig
t.-engl. (1716) 789; die geschlagne saite musz tönen und wimmern, wenn gleich kein gleichstimmiges saitenspiel da wäre, ihren ton zu vernehmen und zurückzuhallen Herder 5, 148
S. 44)
die übertragung auf innere, persönliche übereinstimmung der gesinnung oder des gefühls im sinne von '
einmütig, einträchtig, gleichgesinnt, gleichgestimmt'
ist im jüngeren gebrauch vielleicht eher von der musikalischen bedeutung 3
als von 1
her zu verstehen, wenn auch eine solche beziehung kaum der ausdrücklichkeit bedarf: da gesegneten ihn (
den sterbenden hochmeister) die gebietiger vnd giengen dauon, namen aber seine vermanung nit gleichstimmig auff, etliche hetten seltzame gedancken dabey, das jhnen fr vnglck begunte zu grawen, die andern legten es seiner kleinmtigkeit zu, die er stets gebraucht hette
M. C. Schütz
histor. rer. prussic. (1599) 161
b; dasz der ... friedenszweck mit einmüthigem zuthun vnnd allerseyts gleichstimmigem eyferigem cooperiren ... möchte einst erreichet werden v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 387; fühle diese formen, lasz den marmor sich unter deinen händen beleben, dasz deine einbildungskraft und das gleichstimmige gefühl, was in dir wohnet, auch die gleichförmige gestalt des geistes empfinde Herder 8, 153
S.; dasz ihm (
einem maler) nach und nach, auf dem wege vom auge zur hand, nichts verloren ging, ja dasz beyde zuletzt ganz gleichstimmig arbeiteten Göthe I 20, 219
W.; es giebt doch wohl keinen treueren, gleichstimmigeren gesellen für den menschen, als drauszen die freie natur G. H. Schubert
reise durch d. südl. Frankreich (1827) 1, 31; (
der mensch) gleichstimmige menschen suchend, bis er stirbt Platen
w. 1, 200
Redlich. selten gleichstimmig mit: er war so gleichstimmig mit der wohlgebornen ritter- und landschaft, dasz man glauben sollen, er selbst hätte den landtäglichen schlusz ... entworfen Hippel
lebensl. n. aufst. linie (1778) 1, 154.