gezitter,
n. ,
zu zittern (
s. d.). 11)
die sippe ist in der älteren sprache kaum belegt (
vgl. dagegen anord. titra,
tremere);
in dem einzigen althochd. zeugnisz ist nur die körperbewegung erfaszt, nicht auch die gemüthsregung, die darin ausdruck findet: zitterondemo gange,
lapsanti gressu, Einsiedelner glossen zu Prudentius (
psych. 319)
s. Steinmeyer-Sievers 2, 523.
für trepidaverunt timore (
psalm 13, 5)
hat Notker
noch bloszes sîe forhton (Luther: fürchteten sich);
aber schon die Windberger psalmen des 12.
jahrh. führen ein: dâ citreten si mit vorhten 42 (
Trebnitzer psalmen: beweten si von vorchten).
die mittelhochd. zeit ist überhaupt reicher an zeugnissen, namentlich für die kennzeichnung des inneren ausgangspunktes der bewegung (
s. mhd. wb. 3, 1138
ff.);
sie läszt neben dem verbum auch adjectiv- und substantivformen belegen, nicht nur den subst. inf.: dâ was citern unde glîen.
Tundalus 51, 47
u. a. s. Lexer 3, 1139
sondern auch das hauptwort ziter, zitter,
vgl. ein zitter und ein frost Reinfried v. Braunschweig 13746
u. a.; vorhte zitter 8653
u. a. s. Lexer 3, 1138.
formen mit praefix sind hievon nicht bezeugt. 22)
unsere form kennzeichnet sich vielmehr als junge bildung zum verbum, in die buchungen erst bei Campe
eintretend 2, 372.
die ältesten litterarischen belege fallen desgleichen in den übergang vom 18.
zum 19.
jahrh. auslautendes e
ist nirgends bezeugt. 2@aa)
ausschlieszliche kennzeichnung der bewegung. 2@a@aα)
am mensehen: standen die blühenden jüngling erfahren im bildenden tanze; und mit gemessenen tritten entschwebten sie. aber Odysseus sah voll stiller bewunderung die fliegende eile der füsze. Voss
Odyssee 8, 264 (1780; das rasche gezitter der füsze 1806;
vgl. geschwinder verkörung der füsz Schaidenreisser [1537] 33
a); singeln sagt man von dem unangenehmen nervenprickel und gezitter in entschlafenen gliedern Lenau
an E. v. Reinbeck 185
Schlossar; der ritter ... liesz den harnisch um sich legen, trat in die schweren eisenschuh', nahm helm zu haupt, zur faust den degen ... ach, John, du armer alter ritter! es geht durchs eisen ein gezitter. dein fleisch ist morsch, die muskel bebt; dein muth ist, was an dir noch lebt. K. Immermann
Tristan und Isolde I (
werke 13
s. 113);
dazu vgl. für kleidungsstücke und gebrauchsgegenstände, die von menschen bewegt werden: federbuschgezitter Freiligrath
s. w. 1, 277; eingesungen von harfengezitter. Schiller
Elysium s. th. 4, 2
sp. 476. 2@a@bβ)
besonders ergiebig ist hier die übertragung auf naturerscheinungen, namentlich lichtreflexe. 2@a@b@11)) wie durch kleine fenstergitter spielt die sonne mit gezitter durch der zweige flechtenhaus. Wilhelm Müller (
frühlingskranz: kinderfrühling) 263
Hatfield; vgl. sonnengezitter Mügge
rom. 3, 1, 98; in diesem gezitter zwischen finsternis und zwielicht Ganghofer
der mann im salz, s. gartenl. 1905; die espe rührt lieber gleich alle ihre blätter, dass ein gezitter von grün und silber wird, das die länge lang nicht auszuschwingen vermag Stifter 1, 237
Sauer; vgl. mondgezitter Tiedge
Urania 1, 184; 2@a@b@22)) schlaf ein, mein liebchen, schlaf ein, leis durch die blumen am gitter säuselt des laubes gezitter, rauschen die quellen herein. Eichendorff 1, 140 (1883); ausgezürnet hatte das gewitter; wie versenkt in einen sanftern traum ruhte die natur, und im gezitter kühler schauer tropfte jeder baum. Tiedge (
Abälard an Heloise) 2, 139; nun ging ein freudiges gezitter, ein fremdes säuseln, ein getön, wie ein melodisches gewitter im wilden wald um thal und höhn. (
geburt der freude 3) 5, 18; keine wolke zieht durch die luft, kein schatten über die erde, und das ohr verniMt nur das geschrill der heuschrecke, das in seinem eintönigen gezitter ganz zu der zitternden mittagshitze stiMt (Herm. Masius
haidebild)
s. Körner, der praktische schulmann s. 323. 2@a@b@33)) woher dies hässliche gezitter doch der erde. Freiligrath
s. w. 5, 266. 2@bb)
als ausdruck der inneren regungen des menschen wird das subst. im gegensatz zum verbum weniger beobachtet, vgl.: die unschuld einer taube jagt todesschrecken ihm ins ohr, ihn fasst ein prassendes gezitter. Tiedge (
Urania 5, 450) 1, 140; ich sinke um in diesem angstgezitter, ich trage nicht das lächeln dieser augen. Tieck 1, 318;
vgl. theil 1
sp. 361; legt sie die hand, darin der splitter, zur schärfe, und die andre preszt sie auf des herzens krampfgezitter. K. Immermann
Tristan und Isolde I (
werke 13
s. 163);
vgl. andererseits: dieses leise berühren unserer hände, dieses freudengezitter soll dir allein sagen können? Veit Weber
sagen der vorzeit (Wolf) 2 (1790) 77.