gewöll,
gewölle,
neuere schreibung des oben (
sp. 5462/3)
behandelten neutrums gewell,
vomitus (
vomitorium).
der übergang von e
zu ö
entspricht der lautlichen entwicklung anderer formen mit l (+
consonanz)
nach dem stammvocal, vgl. gewölbe sp. 6654
f.; da diese bildungen durchweg geschlossenes e
zeigen, will Wilmanns
deutsche gramm. 1
3 312
entgegen dem zu grunde liegenden verbum (wellen)
auch für unser subst. geschlossenen vocal ansetzen: vgl. dazu die schwäb. form gewülle
bei H. Fischer
schwäb. wb. 3, 639. 616.
in anderer mundart kreuzt sich gewell
mit apokopierten formen von gewelbe (gewölbe): wann er spat wider ausz dem felde heim kompt gleich als habt jr die sach sehr wol auszgericht, besichtiget jhn, welcher vogel gewelb gelegt und wol gedAewet, was er von sich geschmissen
verdeutschung von Petrarcas trostbüchern Frankf. 1559 (1.
buch cap. 32
digesserit) 30
b. 11)
in hand- und wörterbüchern 1@aa)
der engeren fachsprache zeigt sich der neue vocal schon zu ende des 16.
jahrh.: während in Henslins
ausgabe von Gesners vogelbuch (1558)
durchaus die formen guel, gwäll, gewäll
beobachtet und auch in der ausgabe von Horst (1669)
beibehalten sind, bietet die bei Feyerabend (1582)
gedruckte falknerei alte und neue formen nebeneinander: (dass) dem vogel ... jeder zeit wol abdäuwet und seine gewell würfet 53
a; wann der vogel ein grün gewöll wirft ... so ist es eine gewisse anzeigung, das er stirbet 53
b.
in dieser auch später immer wiederholten verbindung (gewöll werfen)
kommt die bedeutung vomitus
zu sicherem ausdruck, die bei einer anderen, in der neuen lautform ebenfalls noch oft wiederholten, wendung nicht so deutlich gegen vomitorium
abzugrenzen war: man gibt ihnen (
den falken) zu irer zeit gegen den abend zu werffen, daʒ ist auff grob teutsch ein gewöll
anderer theil d. adel. weidwerks (1582) 6
e;
das gleiche (3.
theil) Meurer
jagd- und forstrecht 91
a;
ebenso jägerkunst (1611) C 6
b.
dagegen vgl.: es haben die raub-vögel in der natur, dass sie sich alle morgen purgiren und diejenigen haare oder federn, so sich von dem vorigen raube in dem kropfe versammlet wieder ausspeien, solches heist das gewölle Grosskopf
forst, jagd- und weidwerkslex. (1759) 140;
dazu vgl. Döbel
jägerpraktika 1, 104; C. W. v. Heppe
wohlredender jäger 149;
onomatologia forest ... 1, 1042; Behlen 3, 440; v. Thüngen
weidmannsprache 298; gewölle nennt man die von raubvögeln in form von klumpen ausgeworfenen unverdaulichen reste gekröpften raubes, wie federn, haare, knochen v. Dombrowski
deutsche weidmannssprache2 (1897)
s. 66
a. 1@bb)
natürlich lassen sich auch die allgemeinern darstellungen der wirthschaftslehre den jägerausdruck nicht entgehen, so vgl. schon Sebitz
vom feldbau (1580)
der s. 570
die oben zum adel. weidwerk angeführte erklärung mit den gleichen worten und der gleichen form des subst. darbietet, später vgl.: gewölle, nennen die jäger diejenigen haare oder federn, welche die krummschnäblichten raubvögel ... mit ihrem raube oder aetzung geniessen, und in ihrem kropffe sammeln, aber des andern tages früh wieder werffen, das ist, ausspeien, ausser deme sie sonsten nicht das geringste, zu schlagen oder zu fangen geschickt sind
allgem. öcon. lex. (1731) 831;
das gleiche Jablonski 1, 535
b. die unverdaulichen hare, federn und knochen von den geraubten thieren geben sie (
die eulen) in ballen (gewOelle, enchyma) durchs erbrechen wieder von sich Nemnich
polyglotten-lex. der naturgesch. s. 1376; gewölle
enchyma dtsch. wb. d. naturgesch. 193; Thiel 4, 430. 1@cc)
die wörterbücher der schriftsprache nehmen spät von dem subst. kenntnisz, so Frisch 2, 437
c,
der aber noch den alten vocal bucht, dagegen vgl.: gewölle ... bei den jägern, diejenigen haare oder federn, welche die raubvögel mit dem raube hinunter schlucken, und den andern tag wieder von sich geben Adelung 2, 670;
das gleiche Campe (
hier die formel: das gewölle werfen);
dazu vgl. gewölle,
la bourre Schwan 1, 750;
le poil et les menues plumes ... ebenda. 22)
litterarische zeugnisse liegen spärlich, doch auch aus neuerer zeit vor. zur form gewell
ist noch Matthesius
Syrach 2, 44
nachzutragen (ein gwehl werfen
vom menschen);
andererseits vgl.: unter den tannen fand ich ein herabgeworfenes gewölle eines raubvogels Eckermann
mit Göthe s. gespräche 5
1, 54; grösseren vögeln reiszen sie (
die uhus) den kopf ab ... und zerreissen sie, indem sie selbst grössere knochen mit verschlingen, die sie, in die mitverschluckten haare und federn eingewickelt, als gewöll wieder ausspeien
F. v. Tschudi
thierleben der alpenwelt 179;
bemerkenswerth sind die übertragenen verwendungen bei Jean Paul: 'warum soll die taube oder der spatz meins hymens nicht so viel bier auf die leute spritzen als der zweiköpfige adler in Frankfurt wein bei der krönung ausspeiet?' ... 'darum nicht, weil seine fänge eine ganz andere kelter sind, und der saure wein, eigentlich die beerhülsen, nur das gewölle, das kein adler behalten mag' (
Siebenkäs 1, 2) 11, 46; von einer ganzen frau gab sie uns nichts zum küssen zurück als (wie ein gewölle) den handschuh (
die unsichtbare loge) 1, 96.