gewissensfall,
m. ,
vorwiegend im plural beobachtet, ist wie gewissensehe, -erforschung
u. a. die verdeutschung eines lat. terminus der theologischen sprache, die auch in den allgemeineren sprachgebrauch überdringt. aus dem letzteren sind einige wenige singularformen belegt. 11)
in der mehrzahl der belege ist das lateinische vorbild (
casus conscientiae)
dem deutschen worte vor- oder nachgesetzt: worauff sich angeregter herr Adam Burghofer in seinem noch vor 12 jahren in offentlich druck dazumal in duodez ausgegangen büchl, von gewissensfählen (
centuriae selectorum casuum conscientiae Friburg 1665) ... beruffen Abele
künstl. unordn. (1, 18) 1, 163; da haben sie (begegnete herr Ehrenhold) Mosen und die propheten, und ihre casus conscientiae, oder gewissensfälle, darinn sie besser finden, was grossen herren zu antworten sei, weder im Tacito Er. Francisci
lust. schaubühne (2, 2) 2 (1671), 580;
genau so Butschky
Pathmos (
no 938) 915; gewissens-fall,
caso di conscienza, cas de conscience Rädlein 1, 384
b;
a case of conscience, teutsch-engl. lex. 2, 775; scrupel,
casus conscientiae ... Aler 1, 941
a; gewissensfälle,
casus conscientiae Frisch 2, 454
b;
cas de conscience dict. des pass. 2, 280; ... gewissenssache,
cas de conscience Rondeau 2, Uu 3
f.; ... gewissensfrage,
le cas de conscience, point de religion Schwan 1, 748
a;
case of conscience Hilpert 2, 1,
s. 465
c; casuistik und ascetik, unnütze entscheidung künstlich ausgedachter gewissensfälle, und anweisung zu eben so unnützen geistlichen andachtsübungen, machte den gröszten theil der scholastischen moral aus (
casuistry and an ascetic morality made up, in most cases, the greater part of the moral philosophy of the schools) Garve
übers. v. Adam Smith's nationalreichthum (5, 1 3
abt. 2.
hauptst.) 4 (1796), 146; einer der in gewissensfällen unterricht giebet,
a. casuist. teutsch-engl. lex. 2, 775; der sich auf die gewissensfälle versteht,
casuiste. Frisch
dict. des pass. 2, 280; lehrer der gewissensfälle,
casuiste Rondeau 2,
Uu 4
a; einen gewissensfall auflösen,
resoudre un cas de conscience 2,
Uu 3
f.; endlich bildete sich eine casuistik, in welcher man die lehre vom gewissen ausführlich und genau untersuchte und eine menge von gewissensfällen auflöste Stäudlin
gesch. d. lehre v. d. gewissen 3; 22) so gebe ich einen jeglichen der seine seele von solchem satanischen reich und beherrschung der gewissen erretten wil, folgende gewissensfälle auf sein gewissen (Abr. v. Franckenberg)
einige gewissensgründe ... (1692)
s. 5; oder
bei der so sehr herrschenden ungewissenhaftigkeit, wäre sie ein spiel, das unter gewissensfälle gar nicht zu rechnen wäre (Hermes)
Sophiens reise nach Sachsen 3 (1778) 557; ich ging in gegenwart der schwester Agathe mit einem meiner anverwandten zu rath; er war in gewissens- und sündenfällen sehr bewandert und wuszte auf ein haar, was verdammlich und nicht verdammlich sei Klinger (
Faustsleben 2, 10) 3, 104; gewissensfälle sind lagen des menschen, in denen er handeln musz, ohne über die moralität der handlung zur klarheit zu kommen Kirchner-Michaelis
phil. wb.5 242; diesen ... grundsatz nun ... setzt Cicero, wie ich schon gesagt habe, ins licht, wendet ihn sogar auf einen gewissensfall an ... Garve
anm. zu Ciceros de offic. 3 (1783), 41; und alles was man von dem Norrmann dafür verlangte, war, dasz er ein christ werden sollte. Rollo rief seine korsaren zusammen, und überliesz den gewissensfall ihrer beurtheilung Schiller (
übersicht d. merkw. staatsbegebenh. zu d. zeiten Friedrichs I.) 9, 248; der gewissensfall ... ein fall, welcher das gewissen,
d. i. das urtheil über die rechtmäszigkeit der unrechtmäszigkeit einer handlung betrifft; der gewissenspunct Adelung 2, 670;
ebenso Campe 2, 367
a.
siehe auch bei gewissensfrage, gegewissenspunkt, gewissenssache, gewissensscrupel. 33)
ganz vorübergehend zeigt der zweite compositionstheil hier die verstärkte form: dann auch dieses gehöret unter die politische geheimnisse des pabstthums, dasz sie rathen, man müste in gewissens-gefällen oder in auslegung heil. schrifft die gesunde vernunfft beiseite setzen, und einig und allein, oder doch vornehmlich sein vertrauen auff die autorität der kirchen setzen Chr. Thomasius (
v. d. kebs-ehe)
auszerlesene schr. 2 (1714), 520.