getreidich,
getreidig,
getreidicht,
n. ,
mundartliche bildung, die dem mitteldeutschen sprachgebiete angehört. frühzeitig dort auftauchend, dringt sie auch in die litteratur ein und mit dieser über die grenzen des mitteldeutschen sprachgebietes hinaus. seit mitte des 18.
jahrhunderts tritt sie wieder in die schranken mundartlichen gebrauches zurück. vgl. oben sp. 4460. 11)
zur bildung vgl. Wilmanns
deutsche grammatik II § 276, 2; I § 152, 2.
zu grunde liegt das suffix ich (ach, ahi),
dem sich gerne auslautender dental anschlieszt, vgl. gethiericht th. 4, 1,
sp. 4381, gesämich
th. 4, 1
sp. 3785,
ebenso vgl. gestreuchicht,
gebirgicht u. a. in der schlesischen mundart bei P. Drechsler
Wencel Scherffer und die sprache der Schlesier (1895) 42.
da in dem suffix hauptsächlich collective function liegt, so könnte dessen verbindung mit einem an und für sich schon so sehr den collectivcharacter ausprägenden worte überraschen, sie erklärt sich aber schon aus analogie, da bedeutungsverwandte worte denselben ausgang zeigen. andererseits mag auch bald der zusammenhang, bald ein bedeutungswandel des einfachen wortes die erneute betonung des collectivcharakters begünstigt haben. 22)
die meisten beispiele tauchen in thüringischen rechtsdenkmälern auf, von wo aus sie auch in die rechtslitteratur derjenigen gegenden übergreifen, die sonst an korn
festhalten. 2@aa) item auf den sonnabent sol kein burger auff furkauff, auch kein frembder getreidich kauffen auf dem markte, dieweil der stadt fehnlein oder zeichen steckt .. so aber das fehnlein oder zeichen durch den marktmeister abgenommen oder geworffen wird, als dan mögen die furkeuffer und auch der fremde wol keuffenn.
Arnstädter stadtrecht. neue statuten von 1543
bei Michelsen 59; auch soll kein burger noch auswirdiger auf den dienstag noch freitag zu abent vf dem markte, in gassen, heusern und herbergen, noch vor den thoren, keinerlei getreidich feilschen, besprechen, bestellen noch keuffen. 59
und so öfters; es soll auch ein jeglicher bauersmann, so im land-gerichte wohnet, sich nach seiner gelegenheit befleiszigen, sey (
sein) getreydig und anders, so er zu verkauffen hat, in die stadt Zeiz, für andern umliegenden örthern zu führen .. was nun auf einem freyen marckt von getreydig gebracht, und von den fremden fuhrleuthen auf den marckt, aber bey den bürgern so getreydig zu verkauffen haben, aufgeladen und förder geführet wird, davon soll dem rathe von jedem Vtl. 2 pfennige zu ungeld und nicht mehr gegeben werden. da aber ein bürger sein eigen, auf seinen feldern erwachsenen getreyde verkauffen würde, soll er dem rathe davon nichts zu geben schuldig seyn.
statuten von Zeitz (1573)
bei Schott 1, 272; nach dem wische aber, da auch fremden allerley getreydig zu kauffen nachgelassen wird, soll den burgern getreydig einzukauffen unverwehret seyn, jedoch mit diesem bescheide, dasz so viel ein jeglicher getreydig von korn und weizen kauffen thut, dem burgermeister bey seinen pflichten solches anzeige.
ebendort 273; dagegen sollen auch unsere unterthane ihr geträyd nicht ausserhalb der herrschaft, sondern von ersten auf die märckt und flecken in unser herrschafft zum feylkauff führen, oder dem das getraydig feyl, unsern amtleuten und befehlshabern anbieten, und denen in unserm namen, so wir desz nothdürfftig, in einem ziemlichen werth folgen lassen.
Henneberger landesordnung (1539) 202. 2@bb) es soll kein branndtweinbrenner einigerlei getreidig an waizen, rogken, gersten oder habern an sich kaufen und davon brandtwein, sondern allein die berne und hefe dazu gebrauchen.
Stettiner kornordn. von 1604, Schmollers
forschungen 8, 5, 120; von dem kauffmann der solch korn und getreidig liefert.
Hamburger kornordnung von 1609
ebenda 136; auch männiglich, so in dieser stadt einig getreidig kaufft und verkaufft.
ebendort. 33)
weiter ausgreifend ist die verbreitung in der allgemeinen litteratur. 3@aa)
im thüringischen sprachgebiete: item (1497) alles getreidich, korn, rocken, gersten, haffer stunt gancz wol. alleyne der win und alles obesz leyd fele note, keyn apphel noch bœrn umme Erffort. Konrad Stolle
Thüring. Eisenach. chronik (
litt. ver. 32) 185.
hierher läszt sich auch wohl Luthers
neigung für unsere form einreihen, die in seinen schriften nur verdeckt erscheint: gewaltigen zug und streit, wider weitzen, gersten, haffern, maltz, und allerley korn und getreidig. Luther (1530)
Jena 5, 21
a; der pfarrherr hat jährlich zweihundert gülden und sechzig scheffel getraidig, so hat ihm der fürst noch sechzig gülden zulage gethan von wegen der lectur.
tischreden, Erlangen 61, 394; wie Haggai sagt: ihr sammlet viel, aber ihr macht den beutel locherich, und blaset ins getraidig, dasz ihr doch nichts behaltet.
briefe 5, 515
de Wette. 3@bb)
weiter östlich, nach Obersachsen, weisen ebenfalls zahlreiche beispiele: so viel körner in den hülsen gefunden werden, so viel groschen sol das getreidig ein scheffel dasselbe jahr gelten. Prätorius
glückstopf 278; wenn ein hauswirt sein getreidicht lange gut behalten will, so sol er das kornhaus also bawen, das die fenster gegen mittage oder morgen, oder dem niedergange gehen. denn wenn die fenster nit also gebawet sein, das die lufft hindurch gehen kan, so ists mit dem getreidicht sehr gefehrlich. Coler
hausbuch (
Wittenberg 1616)
buch 7
cap. 44
s. 244
b; im lande zu Böhmen, Düringen vnd andern örtern, da die leute ein mächtig getreydicht bawen, das sie es auch nicht alles in die scheunen bringen können. (8,
cap. 16) 274
b; und sol sie mit .. gerstenschrot, mit ein wenig wasser besprenget, speisen, oder mit einem müszlein, das gemacht ist von weitz, rocken oder einem andern getreidicht, wenn es nur erkület ist. (13,
cap. 46) 505
b.
und so noch oft getreidich
neben getreide; und sie luden das getreidich auf die esel und zogen von dannen. Zesen
Assenat (1679) 448; die tauben sind sonst ein schädlich viehe, thun grossen schaden im felde am getraydig, wenn es gesäet, und denn auch, wenn es reif wird. Becher
hausvater (1699) 157; wenn ein acker nicht bestellet wird, so träget er an statt des getreydigs dornen und disteln. P.
F. Sperling
Nicodemus quaerens et Jesus respondens 2 (1719) 314; sollten wir auch gleich noch so grossen vorrath an getreydig haben, so kan ers doch so schicken, dasz auch bey demselben eine grosze hungers-noth entstehen kann; wie ich mich denn erinnere, dasz in einer vornehmen residentz-stadt einstens ein grosser vorrath am getreyde war, weil aber ein jählinger winter einfiel, so konnte man, weil die wasser plötzlich einfroren, nicht mahlen. 315; als etliche jahre nacheinander theuerung gewesen, will ein reicher geitzwanst nicht mehr korn auff den acker säen, damit ihn die hungerigen bettler nicht mehr umb getreydig ansprechen dürfften. 319; mach es nicht wie jener haushalter von welchem erzehlet wird, dasz ihn sein herr, der marggraff von Baden, betreten, dasz er vil getreydig untergeschlagen, und noch dazu die ducaten verfälscht und beschnitten hätte. 459. 3@cc)
nördlich: im niederdeutschen sprachgebiete: das getreidig gedroschen und ungedroschen weggeführet.
brief J. Ernsts v. Dannenberg
vom 4.
august 1631 (
hannov. vaterl. archiv 1829 3,
pag. 115; und darnach müste man sich mit einkeuffen, verkeuffung und verwarung des getreidigs wissen zu richten. Kantzow
chronik von Pommern bei Gäbel 104; dan ire getreidig und ander wahr khonnen sie selbstwol westwertz schiffen. 163; verturb also getreidig und wein und alle fruchte. 400. 44)
die wörterbücher führen unsere mundartliche form erst spät auf. voran steht ein Wittenberger vocabular: getreidich
fruges, vocab. r. n. (
Wittenberg 1558).
dann folgt der vielseitige Henisch: getraidig,
idem quod getraid 1586.
vom ende des 17.
bis in die mitte des 18.
jahrhunderts wird das wort reichlicher gebucht: traide, getreide
it. getreidig Stieler 2309; getreidig aufschütten 1943; getreide, getraid, getreidig
das korn, die früchte, corn; corn or grain for bread. teutsch-engl. wb. (1716) 766; getreidigt (
aus Coler) ..
vulg. andere haben getreidig,
frumentum Frisch 2, 380.
in neuerer zeit führen nur noch die wörterbücher thüringischer mundarten unser wort auf, so Kleemann
und Schultze
für Nordhausen. vgl. Hertel
Thüringer sprachschatz 105. 55)
aus dem bair.-österr. sprachkreise, dem ähnliche bildungen —
nur mit der älteren form des suffixes auf ach, ech —
sonst nahe liegen, ist litterarisch kein beleg vorhanden, dennoch weist vielleicht folgende notiz auch auf diese gegend hin: getreydicht-felsen, ein felsen an denen sieben wegen bei Klein und Paul, unweit Harenberg in Cärnthen. Chomel 4, 1016.