geäder,
n. die adern zusammen, in ihrer verzweigung, mhd. geæder (
s. 2
a. e.),
doch wie ader
selbst ursprünglich durchaus nicht auf die heutige bedeutung der blutadern beschränkt, die nur eine einzelne anwendung des hauptbegriffes ist. nebenform gäder,
s. 2. 3,
a. 11)
von den blutadern (
vena bluotader Dasyp. 256
b),
selten innerlich: ein schwall ihres getränkes (
chokolate) .. das in allem meinem geäder eine gewaltige hitze aufjagte. Thümmel 6, 236; und dann stellt ich um den jungen die ganze eingesperrte verdorrende poularderie von armen kindern die mit ihrem feurigen geäder und zuckenden nervengewebe aufs spinnrad geflochten werden. J. Paul
paling. 1, 51 (1798
s. 122).
äuszerlich: ein lieblich knabenantlitz, durchsichtig roth auf den wangen, so fein und zart, dasz das blaue geäder in leichtem umrisz drunter zu erschauen war. Scheffel
Ekkeh. 275 (19.
c.); dasz aus den verschlingungen des geäders (
auf ihrem handrücken) zu lesen war was man wollte. O. Ludwig
Heitereithei 290; durch grosze adern und durch feines geäder. Stolberg 9, 273.
auch in den wbb. find ichs spät, zuerst bei Steinbach 1, 11
als systema venosum et arteriosum (
wiederholt von Frisch 1, 12
a),
im beispiele aber mit einmischung der älteren bedeutung: das geäder aus dem fleische schneiden,
venas, arterias et ligamenta e carne secare. 22)
gleichfalls mit dem folg. vermischt bei Henisch 22,
wenn er aderig
erklärt mit vol geäders,
venosus, nervosus, multos habens nervos et venas; diese vermischung, dasz sehnen und adern ungetrennt als adern
bezeichnet wurden, gedacht als sitze und '
gänge'
der kraft und bewegung (
vgl.kraftgang unter 4),
war wol im gebrauch begründet und alt überliefert, mag auch im folgenden noch mit wirken, z. b.: die alten haben ihm (
dem kraute) grosze kräfte zugeschrieben, das gehirn zu reinigen und das geäder. Tabernaemont. 863.
auch in schwäb. gäder n., '
wo die adern an der handwurzel zusammen laufen' Schmid 10,
werden nicht blosz die blutadern gemeint sein. ebenso beim geäder
in der kehle der nachtigall: es läszt, als wären im geäder von ihrem eingeschrenkten schlund vom wirbelwind getriebne räder. Brockes 1, 65 (68).
und mhd. z. b.: gerætet eʒ (
was dem magen zu viel zugeführt worden) danne in daʒ geæder, sô werdent dir die hende zitern (
d. i. zitternd). Berthold 433, 19;
s. auch unter 3,
b von vena
und νεῦρον. 33)
von den sehnen (
nervus spannader, sennader, flachsader Dasyp. 150
c),
besonders in den gelenken, die gelenkbänder. 3@aa)
collectivisch: soll ein fleiszig ufsehen haben uf alle glider, wie die geschickt (
beschaffen, eingerichtet) seien in den gleichen (
gelenken) und in dem geäder. Gersdorf
wundarzn. 23,
vielleicht unter 2
gehörig; sei dem kind das geäder an den füszen von der frais zu kurz worden. Schm.
2 1, 36; wann ein ross .. das geäder verruckt hette. Seuter 323; nimb hundsschmalz mit baumöl vermischt, darmit schmier dem pferd das geäder wol, so wirds linde. 9.
von den halssehnen: wann der hals zu stark ist, so ist einem das
gäder streng. Schm.
2 1, 35
aus einem arzneib. des 16.
jh.; noch schweiz. gäder (
s. d.). 3@bb)
aber auch von der einzelnen sehne (
vgl. unter ge- II, 1,
b) aber es strotzet am nacken umher ihm jedes geäder. Overbeck
ged. 169,
d. i. ὧδέ οἱ ᾠδήκαντι κατ' αὐχένα πάντοθεν ἶνες.
Theokr. 1, 43.
daher im pl.: welcher mangel stecket in den geädern. Pinter
pferdsch. 401.
in vocab. wird erklärt singularisch: nervus, geeder, harwachs. Brack
Lpz. 1491 11
b, Dief. 379
a, gäder Schm.
2 1, 35,
vgl. unter gäder
aus d. voc. inc. teut., wo in der erklärung von nervus
als vena per quam ossa compaguntur die einheit von ader
nervus und ader
vena unter 2
sich auch lat. ausdrückt, wie u. 4
bei Trochus;
ebenso waren im griech. νεῦρον beide eins, denn die blutader hiesz auch νεῦρον ἔναιμον und νεῦρον schlechthin. 3@cc)
daher auch von der sehne der armbrust: und von armbrösten das geäder. H. Sachs 3, 1, 228
d,
aus ochsensehnen gefertigt: der ochsenadern am armprust.
ders. II, 4, 55
a,
also wie gr. νεῦρον,
νευρά,
lat. nervus
die sehne des bogens, und wie eben sehne
selbst. 44)
in älterer zeit ist auch von weiszem geäder
die rede (
nicht auch von weiszen adern?),
z. b.: etwas von dem weiszen geäder oder senadern verletzen. Schm.
2 1, 35; disz öle ist eine fürtreffliche arzenei, die erkalte nerfen oder weisz geäder damit zubekräftigen. Sebiz 394
u. o., immer dem worte nerfen
als erklärung beigegeben (erkaltet
nicht im gewöhnlichen sinne, s. vielmehr kalt 3,
e),
also gleich nerven, sennadern,
aber in welchem sinne? weisz
soll wol den gegensatz zu den roten oder blutadern bestimmen, die sehnen heben sich auch vom fleische ab mit weiszer farbe (
daher auch haarwachs).
aber auch die nerven im heutigen sinne, mit ihrem eiweiszgehalt, wurden noch im 18.
jh. als '
sennadern',
sehnen gerechnet, was ja ihr lat. name eigentlich ausdrückt, z. b.: nerven heiszen die senn- und spannadern, sie entspringen in dem gehirne und führen eine daselbst elaborirte sehr subtile und active materie, von welcher alle bewegungen groszentheils dependiren, in alle glieder und theile des leibes (
dann wird auch erwähnt, dasz man durch gute microscopia sehen könne, dasz die groszen nur fasciculi von sehr vielen kleinen seien). Hübners
conv.-lex. 2, 1288.
anderseits galt die vorstellung der wirklichen sehnen noch lange in dem worte, z. b. noch bei Th. Körner
in jede nerve sei ein held
leier u. schw. 54, dieser nerven stärke
Zriny 1, 1,
und Abbt 2, 36
nennt leute nervenlos,
die heute eher nervös
hieszen. doch war der heutige begriff (
s. besonders Hallers
tageb. 1, 78
ff.)
schon dem 16.
jahrh. nicht fremd, denn schon in wbb. wird erklärt z. b.: nervi, vene potiores per quas membra sensum habent a cerebro. Trochus
prompt. Lpz. 1517 N 1
b,
zugleich zeigend, wie die begriffe der adern, sehnen und der nerven im heutigen sinne sich aus éiner vorstellung trennend entwickelt haben (
wie schon gr. in νεῦρον),
die noch J. Böhme
ungefähr aussprechen mag in kraftgänge oder quelladern (
s. u.kraftgang).
noch Haller 181 (
urspr. des übels)
nennt sie u. a. die zarten lebens-sehnen (lebensgeister und nerven Gellert 7, 33),
und wie noch später im 18.
jh. die vorstellung der nerven mit der der sehnen zusammenhieng als seiner bildlichen unterlage, zeigt z. b. der gebrauch von spannen
und abspannen: da seht ihr nun, was das unterscheiden (
beim suchen der höchsten wahrheit) nutzt! es spannt alle nerven ab. Lessing 11, 467; der seine schlaffen nerven durch etwas ganz neues ... wieder gespannet und gereizet wissen will. 7, 146 (
vgl. adern
und nerven 1, 562); zu jedem rühmlichen bestreben abgespannet und nervenlos. Wieland
Idris 1768 5, 94;
ähnlich, wenn Göthe
die nerven,
als träger des geistes- und seelenlebens, zugleich bildlich als saiten behandelt (
vgl. in Schillers
philos. der psysiol. § 6): spähtest, wie die reinste nerve klingt.
an frau v. Stein 1, 25 (3, 87
Hemp.).
so wird auch bei Körner
oben der heutige begriff mitgemeint sein, wie er es selbst sein könnte in Thümmels geäder
unter 1.
ob aber schon bei Sebiz
oben vor der erfindung des mikroskops? 55) geäder
von den eingeweiden: der badschwamm läszt sich im leib nicht däuen, sondern verstopfet das geäder, darauf der tod folget. Tabern. 1523.
in vocc.: intestinum, gäder oder ingwaid. Schm.
2 1, 35;
viscera, herzgäder. Dief.
nov. gl. 383
a.
auch ingeäder,
von fischen weisth. 1, 105,
und auch ohne ge- (
s. sp. 1610
γ a. e.)
mhd. inædere, inæder Lexer 1, 1428,
ahd. inâdri
u. ä., intestina, venae, s. Graff 1, 157. 66)
die bedeutungen 1. 2
übertragen. 6@aa) geäder
im innern der erde, wie die erzadern, die gänge der unterirdischen wasser (
s.gang II, 3): wie viel kalt' und warme bäder cirkeln sich (
kreisen, circulieren) im welt-geäder. Brockes 1, 312 (317). 6@bb) geäder
der baumblätter u. ä. (
vgl. sp. 1228 saftgang, adern
des baumes): hier ziert und führt ein zart geäder die nahrungs-säfte nach den spitzen. Brockes 1, 73 (75); wenn er (
der sonnenschein) durch ihr geäder fiel. 256 (260); die blätter an dem laubwerke sind mit dem feinsten geäder angegeben. Winkelmann 2, 185. 6@cc)
des marmors, der marmor hat ein schönes geäder.
Adelung. 6@dd)
in der schmiedekunst des vorigen jh., zieraten die an einem gitterwerke sich zwischen den stäben schlingen, s. Adelung; mit geädere versehen.
öcon. lex. 778. 6@ee)
bildlich: sein mit einem geäder von zündstricken gefülltes herz. J. Paul
Tit. 1, 111.