EINFÄLTIGLICH adv. mhd. einvalteclîche(n).
mnd. ē
invōldichlike(n)
; mnl. eenvoudichlike,
nnl. eenvoudiglijk.
abl. von einfältig
adj. –
seit 13. jh. bezeugter, seit 16. jh. dominierender umlaut ist seit 18. jh. schriftsprachliche norm. – adjektivischer gebrauch nur ganz vereinzelt mhd. (
s. A 2
und B 4 a α)
und dann erst wieder im 19. jh., nach ausscheiden der -iglich-
bildungen aus der standardsprache, zur erzielung eines sentimentalen oder ironischen effekts (
s. B 1 a). A
zu einfältig
adj. A
als gegenwort zu zweifalt, mannigfaltig
u. ä. 1
zu einfältig
adj. A 1,
zur kennzeichnung der identität; nur auf die trinität bezogen: ⟨1276⟩ di genanten personen dri / sint ein got einvaldiclich Brun v. Schonebeck
4638 LV. 2
zu einfältig
adj. A 2,
in sich eins; unmittelbar: ⟨E13./A14.jh.⟩ ie luter ainualtiger der mentsch sin selbes in im selber ist, ie ainualteklicher er alle manigualtikait in im selber verstát meister Eckhart
dt. w. 1,250 Q. 1701 wenn wir einfältiglich in die bilder- und form-lose wesentliche liebe einkehren
Ruysbroeck, schr. Zz 2a. –
einmütig: hs.1419 (das prachen sie das allentsamen, / .. eyn muticleyche)
var.: alle einvaltecliche Heinrich v. Veldeke
eneide 8628 DTM. 1601 außlegung vnd verstand der schrifft .., so die ersten .. vnnd nach jhnen alle .. christen vber die 1500. jar einfältiglich gehabt .. haben Decumanus
dialogvs 36. 3
zu einfältig
adj. A 3,
einfach, nicht doppelt oder mehrfach genommen; ganz vereinzelt: ⟨1264⟩ dâ mite hât uns got erzöuget, daz man zwivalt gelten solte, waz ein man dem andern ze unrehte ab genimet. .. nû sich, gîtiger, sô tuot dir got vil gnædeclîcher: er gert niht mê, wan daz dû einvalteclîche geltest
(bearbeitung) Berthold v. Regensburg
1,74 P./S. B
zu einfältig
adj. B
in aus A 2
abgeleiteter bedeutung. 1
zu einfältig
adj. B 1
zur kennzeichnung persönlichkeitsbestimmender einheitlichkeit. a
zu einfältig
adj. B 1 a,
ohne falsch, aufrichtig, offen; unschuldig; arglos: ⟨1060/5⟩ dû
(Christus) sprâche .., daz er chindin daz hête gigeben / daz er wîsin .. fore hête firborgen: / want der dich einualtechlichen meinit .., / der bezeichinet daz chint
wiener genesis 2778 S. 1528
(die liebe) ist nicht argwehnig, legt alle ding zum besten aus und nympts eynfeltiglich an Luther
w. 17,2,167 W. 1839 der st. simonist .. drückte sich .. über die absichten seiner reise .. so geheimnißvoll aus, daß wir ihn nicht verstanden. wir dagegen redeten über den nämlichen gegenstand so unverholen und einfältiglich, daß er bald sahe woran er mit uns sey Schubert
morgenland (1838)3,381. ⟨1864⟩ ‘ich hoffe es auch’, sagte die gnädige frau. ‘ich hoffe, daß sie alles aufbieten werden, sich die liebe .. meines knaben zu erwerben. durch ein kindlich einfältigliches und demütiges wesen läßt sich leicht die liebe eines kindes erlangen Raabe
6,228 H. zur bekräftigung der redlichen absicht bei rechtsgeschäften: 1269 jch Rvdeger von Sigolsheim .. vnd min hvswrttin Mehthilt .. veriehen des einvalticliche mit disime selben briefe, daz ..
corp. altdt. originalurk. 5,64 W. 1434 so haben die selben botten im semlichs einualteclich ungeuarlich .. erlopt
rechtsqu. Argau I 5,112. b
zu einfältig
adj. B 1 b.
bedingungslos gläubig oder gehorsam, ohne zu zweifeln und zu fragen: ⟨u1160⟩ alle ainualtich [sêlen], die sich ainualteclîche allir ir goutâte an got uirlâzzen habent
st. trudperter hohes lied 44,6 M. 1686 gehorch einfaltiglich Kuhlmann
kühlpsalter (1684) 3,33. noch einmal: 1906 dann tritt an meinen
(des herrn) tisch, einfältiglich! da soll / ein köstlich mahl .. / .. dich erquicken und entsühnen Dehmel
ges. w. 2,78. c
zu einfältig
adj. B 1 c,
freigebig: 1522 gibt yemand, so gebe er eynfeltiglich
(Röm. 12,8) Luther
bibel 7,66 W. ⟨1675⟩ nach dem ersten capitel Jacobi gibet gott solchen glauben einfältiglich jederman Spener
desideria (1680)239. 2
zu einfältig
adj. B 2. a
zu einfältig
adj. B 2 a,
mit schlichtem sinn, mit einfachen worten, nicht spitzfindig, nicht geistreich, nicht geschraubt: ⟨u1147⟩ elliu dise rede wæhe / was dem boten ze nihte mære, / wande er si ainvalteclîche vernam
kaiserchr. 6924 MGH. 1797 Lorenzo. einfältig, lieber sohn! nicht sylben fein gestochen! / .. Romeo. so wiss’ einfältiglich: .. A. W. Schlegel
Shakespeare 1,62. b
zu einfältig
adj. B 2 b,
natürlich, ohne beachtung der etikette: ⟨1264⟩ ob ein mensche einvalteclîche izzet oder trinket, daz ez sô hövelich niht kan gesîn .., daz heizent etelîche liute untugent
(bearbeitung) Berthold v. Regensburg
1,564 P./S. c
zu einfältig
adj. B 2 c,
kunstlos: 1774 einen denkstein, der zier habe, oder einfältiglich gehauen sey Klopstock
gelehrtenrepublik 1,91. 1819 wie .. fernher eine zither ganz einfältiglich und lieb aus irgend einem .. laubengange schwirrt Fouqué
gefühle 2,112. 3
zu einfältig
adj. B 3,
ahnungslos, unwissend, unverständig dumm: ⟨u1280/5⟩ hat si ein man einvaltclichen vnd vnwissende verwv́rket, die buͦzze svln wir nv̄t gar nemen, wan nach gnaden
schwabenspiegel 153a L. 1539 der cardinal .. hats nicht einfeltiglich bedacht, das er wolte Hans Schenitz die sprache legen, damit er allein moͤcht reden, der hoffnung, alle welt sind gense Luther
w. 50,427 W. 1783 wir sehn das an, und denken noch / einfältiglich dabey: / woher der reif, und wie er doch / zu stande kommen sey? Claudius
s. w. (1775) 4,10. 4
zu einfältig
adj. B 5
unter hervortreten einer bedeutungskomponente ‘
gering’. a
zu einfältig
adj. B 5 a
zur kennzeichnung bescheidener sinnes- und lebensart. α
zu einfältig
adj. B 5 a α,
demütig, bescheiden, fromm; sanftmütig gnädig: 2.h12.jh. nu lob ich dich herre unde gere ainvaltichlichen diner genaden
st. lambrechter gebete A 68 W. A15.jh. da sach ich kommen eine frauwe / .. .ir gesichte was gar einfeldeclich / und
(hatte) einen willen milde und wol gefellig
pilgerfahrt d. mönchs 13640 DTM. ⟨E17.jh.⟩ dieß ist das fürnehmste, das ich euch vorher berichten, und zu eurem besten einfältiglich erinnern wollen Francke
kl. schr. (Frankf./Leipz. o. j.) 2,750. β
zu einfältig
adj. B 5 a β,
genügsam: hs.M/E12.jh. ib kainer munic bilgiri .. ainualtclic gnuͦginde ist daz er uindet er werde inphangin als lanc ziht er gert
regula st. Benedicti 42 S. b
zu einfältig
adj. B 5 b,
schlecht, gering, niedrig: hs.1360/70 wer ot tugenthafter sey, / er sei herr oder under tan, / den sol man fuͤr den pessern han, / .. als sand Peter und sein genoz / ..: si waren ainvaltichleich geporen Teichner
435,193 DTM. 1556
modicus cultu, .. einfaltigklich vnd vnkostlich .. mit der kleidung Frisius
dict. 829a. c
zu einfältig
adj. B 5 c,
auf gewöhnliche weise, nicht besonders: ⟨M14.jh.⟩ es ist ein gros ding den lúten lang ze lebende in der zit .. . dise menschen enwissent nút selber das si als vil wol dar an sint, und gont als einvaltklichen hin und schlechtlichen Tauler
265 DTM. 1530 sie muͤssen sagen: gott sey nicht mehr denn schlecht einfeltiglich heilig, aber der bapst ist der aller heiligest Luther
w. 30,2,377 W. rechtssprachlich, einfach, nicht qualifiziert, z. b. durch beweise: u1305 wil is aber der
(dienst)bote nicht inpern, he
(der herr) muz iz bewisen mit sinen nakeburen, daz he sin gemiette bote si. .. die nakebure .. durfen nicht den einvaldikliche sprechen, daz iz in wizzelich si
freib. stadtrecht 256 E. 5
zu einfältig
adj. B 6,
bloß, nur: hs.n1172 swe gvot abir div werch sint, dane si der gvote wille mite, daz man dir mite niene meine wan ein valtigliche got, ezne hilfet ze gote niht
altdt. pred. 12 W. –
ohne weiteres: hs.M/E12.jh. ib der ander wil im liht hainlicher betun ainualtclic er ingang
(in die klosterkirche) vn̄ betei
regula st. Benedicti 38 S. –
schlechthin: hs.14.jh. dü ding, dü da .. sint in einem teile, daz enlegen wir niht einvelticlichen zuo der gantzheit, daz ist ane beterminierunge; wan wir ensprechen niht daz ‘der more si wisse’, sunder daz er habe wisse zene
Thomas v. Aquin, summa theol. 98 M./S.Maak