wortreich,
adj. ,
im 18.
jh. auch in der form wörterreich;
in gebundener rede einmal wortereich
bei Hölderlin (
s. u. 2 b
α).
um 1500
aufkommend. 11)
zufrühest in der bedeutung '
beredt, redegewandt',
vgl. wortreich
disertus, facundus Stieler (1691) 1583. 1@aa)
als charakteristisches merkmal eines menschen: Paulus hatt das zeychen vnd bezeychnet zusamen gesetzt, damit die auszlegung klAerer were. aber da mag Luter auch wol springen, wie wortreich er sunst ist Öcolampadius
über M. Luters buch (1528) 161
b;
orator strigosus ... der nicht bered oder wortreich ist Bas. Faber
thes. (1587) 805
b.
gelegentlich auch in junger sprache: der schulrat ... fühlte ein begehren, dem mann zu sagen, wie falsch und richtig das alles wäre; aber dem wortreichen kamen die worte nicht W. Schäfer
wendekr. neuer anekd. (1937) 224. 1@bb)
in der kennzeichnung menschlicher rede: bezierung flüsst uss glychniss: uss byspel, uss geurteilten sachen und andern stucken die unser red gebend swär und wortrych Riederer
spiegel d. waren rhetoric (1493) f 1
b; dass diese meine sprache, wie wortreich und kräftig sie auch ist, ... machtloss sich befindet Ph. Zesen
rosenmând (1651) A 7
b; mein ausdruck ist prächtig und wortreich, wenn ich unwissenheit abhandle; aber mager und ärmlich, so bald ich gelehrt seyn will J. J. Chr. Bode
Montaigne (1793) 6, 806; im jahre 1552 hielt er fastenpredigten ... man fand seinen vortrag lebhaft, wortreich, flieszend Ranke
s. w. (1867) 37, 287. 22)
vornehmlich in eigentlicher beziehung auf das masz der rede. 2@aa)
ohne deutlich üblen nebensinn. 2@a@aα)
als charakteristisches merkmal bestimmter menschen, '
vielredend, mitteilsam, zu weitläufiger rede neigend': sind wir gleich nicht wörter-reich und haben nur zwei wörtelein, drein sich faszt und alles paszt, was ganz allein kann selig sein
anh. u. zugabe z. d. gesangb. d. brüdergemeinde (1741)
nr. 1826,
str. 9; weisst du es nicht ohnhin dasz wir mädchen und weiber wortreich sind wenn etwas ... uns sehr schön dünkt? J. T. Hermes
für eltern u. ehelustige (1789) 2, 280; die art dieser leute, die oft zugleich zudringlich und unterwürfig, wortreich und hinterhältig wären Ricarda Huch
kampf um Rom (1925) 173.
von einem schriftsteller, mit leicht tadelndem beisinn: Canitz habe diese fabel vom Fontaine erborget, und nur die unnöthigen umschweife weggelassen, womit der wortreiche französische dichter seine erzählung verbrämet hat Gottsched
d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 6, 415.
auch sonst liegt die pejorativbedeutung b
manchmal nahe: aber ich bin immer zu wortreich, sagen sie: gut! ich will kürzer seyn Dusch
verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 4. 2@a@bβ)
seltener auf das rednerische verhalten in einer bestimmten situation bezogen: wärst du wortreich gewesen, so wärs mit deiner liebe nichts Miller
Siegwart (1777) 3, 606; nur die tante war wortreich in aufrichtigem bedauern der durchnäszten röcke G. Freytag
ges. w. (1886) 4, 144. 2@a@gγ)
meist in der beziehung auf die verschiedensten ausdrucksformen des redens, '
in vielen worten, mit groszem wortaufwand erfolgend, weitläufig': durch seine schreibart, die, wenn er in deutscher sprache schrieb, sehr weitschweifig und wortreich war v. Einem
Mosheims vollst. kirchengesch. 9 (1778) 70; die klage ist ihrer natur nach wortreich und hat immer etwas erschlaffendes, denn die kraft kann ja nicht klagen (1795) Schiller
briefe 4, 255
Jonas; seine gattin hatte seit lange keine so wortreiche unterhaltung mit ihm geführt Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 4, 176; er schwelgte in edlen gesinnungen und wortreichen ergüssen Meinecke
generalf. v. Boyen (1896) 1, 75.
auch neben beziehungsworten, die nicht den vorgang des redens, sondern ein mehr zuständliches umschreiben: (
sie) empfing Fortunat mit umständlicher wortreicher feierlichkeit Eichendorff
s. w. (1864) 2, 368; so liegt in ihrem (
der bettler) gesichte mitunter so viel gesundheit, so viel selbstzufriedenheit, so viel seelenruhe, dasz man trotz der lumpen und des schmerzes an dem ernste der wortreichen noth zu zweifeln versucht ist Venedey
Irland (1844) 2, 14.
adverbial: weil Klaus ... für änderungen stets neue gesichtspunkte ... fand und wortreich verteidigte Kolbenheyer
Paracelsus (1926) 3, 378. 2@bb)
schon früh in verächtlicher bedeutung, der die vorstellung eines übermaszes der rede oder eines miszverhältnisses zwischen dem aufwand an worten und dem tatsächlichen gehalt des gesagten zugrundeliegt, vgl. wortreich
verbosus Calepinus (1598) 1526
a. 2@b@aα)
von menschen gesagt, '
geschwätzig, vielrednerisch': wo hat einer sein lebenlang wortreichere, neydigere schwätzer ye gehört Joh. Nas
d. antipap. eins u. hund. (1567) 4, 166
a; auszerdem bin ich ... etwas geschwätzig und wortreich Schwabe
belustig. (1741) 3, 184; warum achtetet ihr mich mehr, da ich stolzer und wilder, wortereicher und leerer war? Hölderlin
s. w. 3, 45
Hell. 2@b@bβ)
meist in sachlicher beziehung: vil geschwätziger und wortreicher schrifften Schweickhart graf v. Helfenstein
Basilius Magnus (1591) 9; diese wortreiche, aber dabey sinn- und kraftlose lehrsäze Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 106; die scenen aus dem heimlichen gericht (
von Huber) gefallen mir weniger, je mehr ich sie lese, weil sie keinen gedanken im rückhalt haben, den sie nicht aussagen, kurz, weil sie erstaunlich wortreich sind (1788) Schiller
briefe 2, 150
Jonas; aber den menschen ... ist das wortreiche beileid lieber, als die wortkarge hülfe Spielhagen
s. w. (1877) 3, 354.
adverbial: darüber mit einem schein von gründlichkeit zu vernünfteln, oder wortreich zu schwatzen Kant 3, 219
akad. substantiviert: doch verfällt er (
der verf.) auch nicht selten in das wortreiche und blumichte
allg. dt. bibl. (1765) 72, 184. 33)
in anwendung auf den wortschatz, besonders auf den wortvorrat einer sprache, die über eine grosze menge von einzelwörtern verfügt. gern als kennzeichnendes epitheton der deutschen sprache: die teutsche sprach ist sehr zierlich und wortreich J. J. Weidner
lustgärtlein (1621) 1, A 8
b; dasz die deutsche sprache vor vielen andern mundarten schwer zu erlernen sey, pflegt man uns daher zu beweisen, weil sie überaus weitläuftig und wortreich sey Gottsched
beytr. z. crit. hist. (1732) 1, 70; unsere wortreiche sprache Fr. L. Jahn
w. 1, 174
Euler. und sonst: nun giebt es sowohl wortarme, als wortreiche sprachen Gottsched
dt. sprachkunst (1748) 8.
im blick auf den wortschatz eines dichters: das ... werk des wort- und bilderreichen Walter Scott Gentz
schr. 1, 274
Schlesier.