wirblig,
wirbelig, wirblich, wirbelich,
adj. adv. ; frühnhd. zu wirbel
bzw. wirbeln
gebildet; ältere nebenformen sind würblecht Schlusser
protest. krieg (1573) 79, wirbelicht Stieler 2518, wirblicht Steinbach 2, 999, wirbligt E. Th. A. Hoffmann
s. w. 4, 97
Gr., vgl. wärwelicht Jecht
Mansfeld. 122
a;
suffixal erweitert wirblächtig Frisius 1407
a, wirblechtig
verticosus Dasypodius
dict. (1587) H h 3
a, wirbelichtig Calepinus
XI ling. 1531
a;
auch entsprechend ahd. (h)wirvil
mit f,
vgl. wirflecht W. H. v. Hohberg
d. unvergn. Proserpina (1661) 40
a,
so mundartlich s. Schmeller-Fr. 2, 995, wirflich Unger-Khull 636
b, wirfling Loritza
id. Vienn. 144, wiarfli Castelli
Österr. 266, wirflich Höfer
Österr. 3, 302. —
in neuerer schriftsprache ist synkopiertes wirblig
etwas häufiger als wirbelig; wirblich, wirbelich
kommen ende des 19.
jhs. ab. 11)
im älteren nhd. zu wirbel A 1 a
vom wasser '
strudel bildend, grundlose stellen mit wirbeln zeigend',
vgl. wirblächtig
voraginosus Frisius 1407
a, ein wirblächtiger flusz
verticosus 1367
b: darzwischen fleuszt ein tieff würblechtig wasser Fickler v. Weyl
Olai magni hist. (1567) 256; dadurch (
die Eger) man aber seiner tieffe und würblechten strenge halb nicht wol kommen mocht Schlusser
prot. krieg (1573) 79; die rosz (
wurden) vom würblechten wasser verschlickt C. Dietz
annales (1621) 379;
bildlich entsprechend wirbel A 1 f: der wirbliche abgrund des verderbens Hallmann
Heraclius (1673) 3. 22)
wenig häufig zu wirbel A 1 b
und c (
bzw. wirbeln A 1 a
α)
von der luft, dem feuer u. s. w. '
in wirbelnder bewegung befindlich oder daherfahrend': damit gab er (
Äolus) den winden port dasz sie mit hauffen hie und dort herauszer her wyrbelich durchbliesen meer und erdterich Thom. Murner
Äneis (1543) 5
b; der erst römisch könig Romulus (
sei) inn eym unversehenem wirbeligen ungewitter ... verzuckt worden Fischart
daemonomania (1581) 408;
[] siht er (
Moses) o wunder gros, das aus eim dornenstrauch, ein feur würblicht auffgeht und ohne dampf und rauch Tob. Hübner
das gesetz 17;
bildlich: fahrende schüler, unstete kind, singer und spieler, wirbliger wind Scheffel
gaudeamus (1868) 52. 33)
zu wirbel A 2
bzw. wirbeln A 1 a
α. 3@aa)
eigentlich '
in drehung, umlauf befindlich'
nur vereinzelt bezeugt: die do arbeiten in dem wirbligen horne (
schachtrade)
constitut. jur. metall. Wenceslai II. (14.
jh.) 2, 2, 5
nach Jelinek
mhd. wb. 961;
ähnlich '
sich drehend': doch endlich gantz verirrt er (
der getroffene schwan) wirflecht abwerts felt W. H. v. Hohberg
d. unvergnügte Proserpina (1661) 40
a;
von 4
aus neu gebildet: (
er) hielt sich, da die dinge dieser erde ihm plötzlich etwas wirblich zu werden schienen, an einer stuhllehne Gutzkow
zauberer v. Rom 4, 194. 3@bb)
entsprechend wirbeln A 1 a
β (
bzw. wirbel A 2 b)
und wirbeln A 2 a (
bzw. wirbel A 2 c);
im sinne '
durcheinander wogend': aber du ... drehtest dich im wirbligen streite herum nach allen weltgegenden hin Fouqué
gefühle (1819) 2, 192; '
unruhig': ich fand sie aber für die wirbligte festzeit ganz anständig Hebbel
br. 7, 106
Werner; denn dort geht es sehr unruhig und wirblicht zu A. v. Droste-Hülshoff
br. 82
Schücking; '
flüchtig, leichtfertig': wem es nicht blosz um den taumel wirblichter zerstreuung zu tun ist Fr. Schlegel in:
Europa (1803) 2, 8; ein wirblichtes, leichtsinniges geschlecht 2, 30;
ähnlich: der name (
Tiburius) klingt so wirblicht und steht in keinem kalender A. Stifter
s. w. 4, 1, 9
Sauer; etwas anders '
verwirrend': wohl mancher, dem die wirbligen geschichten der zeit das ehrlich deutsche herz zerschlagen Eichendorff
s. w. 1, 378;
an wirbeln B 3
angelehnt: lehr mich töne wild und wirblig, lieder wild verzückt wie deine Freiligrath
ges. dicht. 6, 54; alle diese sonderbaren wirblichten schnörkel, die ungemessenen läufe, diese ewigen triller, was sind sie anders als blendende kunststückchen E. Th. A. Hoffmann
s. w. 6, 67
Griseb. 44)
die hauptbedeutung in neuerer sprache geht von wirbeln A 2 b
β aus und bezeichnet den zustand des schwindelgefühls, der verwirrung, der vernunftstörung u. ähnl.; so mundartlich, vgl. die im kopf genannten mundartenwbb. 4@aa)
zunächst aus formeln wie mir wirbelt es im kopfe, mir wirbelt der kopf
entwickelt als mir ist wirblig im kopfe, um den kopf
oder mir ist der kopf wirblig '
ich fühle mich schwindlig, taumelig, verwirrt',
vgl. einem wirbelicht im kopfe seyn
havere un zurlo Kramer
t.-ital. 2, 1357
c: da wurd es mir immer wirbligter und wirbligter im kopfe E. Th. A. Hoffmann
s. w. 4, 97
Grisebach; heut kannst dus (
das trankel) noch nicht verdauen, bist noch zu wirblich um den kopf Holtei
erz. schr. 15, 208; es wird einem selbst wirblich dabei zu muthe R. Schumann
ges. schr. 4, 270;
von kopf, hirn u. s. w.: beim schlafengehen war mir der kopf so wirblicht, dasz ich zu zerstreut war, aus dem herzen zu beten
F. H. Unger
Julchen Grünthal (1784) 48; dann stand ich wirbligen hauptes auf der kanzel H. Watzlik
pfarrer v. Dornloh (1930) 68; und, in partheyn gerottet, schmeiszen sie so heftig (
steine) einer an des andern kopf, dasz manchem wird sein wirblicht hirn zerschmettert
Shakespeare 7, 266;
oft ohne nähere bestimmung entsprechend es wirbelt mir
als mir ist wirblig
gebraucht, vgl. Fischer
schwäb. 6, 1, 870: gleich lauf ich fort, mir wird ganz wirblicht Immermann 11, 89
Boxb.; da wurde ihr wirbelig, sie kam sich vor, als würde sie immer wieder auf den kopf geschlagen P. Dörfler
um d. kommende geschlecht (1932) 93;
von der person selbst, '
schwindlig': das wirbliche kind war an sie geheftet wie eine brandrakette an einen schanzkorb Kürnberger
[] novell. 2, 240; '
besinnungslos, taumelig, verwirrt': man soll ihnen (
den spatzen) ein gäst streuen, davon sie dämischt, wirflicht und mit händen gefangen werden v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 478; vom vielen sehen ermüdet und fast wirblich Castelli
s. w. (1845) 14, 14; '
überspannt, verrückt': Melanie ist seit kurzem wirblich und wunderlich geworden Gutzkow
ritter v. geiste 4, 399; ... ach, ist die ganze welt ja nur ein wirbliges, wahnsinnges ding Fouqué
altsächs. bildersaal 1, 372; wirbelig seyn
einen rausch haben Adelung 4, 1572;
formelhaft ist einen wirblig machen '
schwindlig, verwirrt machen': die freude macht drehend, wirblicht Lessing 2, 202
L.-M.; der kleine kerl (
Tieck) mit seiner vorlesung hatte mich ganz wirblicht gemacht Grillparzer
s. w. 20, 23
Sauer; übertragen auf das ergebnis wirren denkens: diesz sind nur wirblichte und irre worte, herr
Shakespeare 3, 183;
mundartlich verbreitet, vgl. z. b. wirblig '
schwindelig, gedankenlos, auszer fassung gebracht, zerstreut, besinnungslos, nicht recht bei verstand, wahnsinnig, überspannt, phantastisch' Fischer
schwäb. 6, 1, 870;
vom vieh wie wirbig '
an drehkrankheit leidend'
ebda. 55)
selten zu wirbeln C (
bzw. wirbel B) '
eine spiralige, gedrehte form zeigend': der boden (
des watts) ist von sondrer art, von oben sieht er wirblich kraus, bald schlangen gleich, bald schuppen ähnlich, und oft als kleine wellen aus Brockes
ird. vergn. (1721) 7, 276; sie strich dem vater das wirbelige haar aus der hohen stirn P. Dörfler
Apollonias sommer (1932) 336,
vgl. wirbelig gewachsen
vom haar Adelung 4, 1572. —