weiselos,
weislos,
adj. u. adv. ;
mhd. und frühnhd. häufig, heute ungebräuchlich, vgl. mhd. wb. 3, 757
b, Lexer 3, 940;
der erste bestandteil verschiedener herkunft. 11)
zu 1weisen '
führen, leiten'
und weise '
führer' (
vgl. wîse,
m., Lexer 3, 938) '
ohne führer, ohne leitung': waz solde ein wîselôsez her, daz âne meister füere Spervogel
in: minnes. frühl. 22, 23; unde als die von Develîn daz wîselôse schiffelîn in dem wâge ersâhen Gotfried v. Straszburg
Tristan 7512
B.; so sol abir mit volleist got, allir lebindin geiste geist, besehin dirre grozen schar einen man der si dar gefüren künne, das du schar iht wiselos und irre var Rudolf v. Ems
weltchron. 15 061
E.; und in der selben zeit da ward daz bistum weiszlosz zu Tingria
d. heyligen leben summerteil (1472) 38
a; bey den zeiten ist das reich waiszlosz gestanden on ainen konig Ludwig v. Eyb
denkwürd. brandenburg. fürsten (15.
jh.) 113
Höfer; wir haben kain hopt noch verweser wie ander, seyen also verlassen und weyszlos (
v. j. 1514)
d. deutsche bauernkrieg, aktenbd. 78
Franz; und euwere kinder söllend weyszlosz hin und här gon in der wüste viertzig jar
Zürcher bibel (1531) 72
a (
4. Mos. 14, 33); da die weiszlosen burger nit wüszten wa ausz oder ein Adelphus
Barbarossa (1535) 31
b; und damit ich als ein hirt meine schäfli und als ein vater meine söne nit onversechen und wiszlosz verlasse Joachim v. Watt 1, 195
Götzinger; daraus abgeleitet und oft nicht sicher davon zu trennen '
irrend, ziellos umhertreifend' (
wie mhd. ellende): der wîselôse man (
Gregor) hôrte gerne disen spot Hartmann v. Aue
Gregorius 2822
Paul; allrêrst ich innen worden bin wie lange ich var wîselôs, unt daz freuden helfe mich verkôs Wolfram v. Eschenbach
Parzival 460, 29; die dürstigen trencken, die hungerigen speisen, die krancken heimsuochen, die waiszlossen beherbergen Hieron. Gebweiler
beschirm. d. lobs Marie (1523) 36
a; darnach hat sie dergleichen gethan, als ob sie iren weiszlosen und irrenden mann suchen und wieder in die statt bringen wolte Xylander
Plutarchus (1580) 116
b; wer wolt sich nicht verwundern, dasz so viel menschen von ihnen selbs ihr haab und güter, weib und kind verlassen, und also weiszlos und flüchtig von ihrem vatterlandt ziehen? Hulderich Frölich
offenbarung d. natur (1591) 66; '
hilflos, ratlos, verlassen': (
Maria): owe, wo sail ich hene kommen, da ich immandes finde, der mer sage von meinem lieben kinde? owe, nu bin ich wiselos
Alsfelder passionsspiel 5920
Grein; ich wil meinen vater pitten, daz er ew ... gebe ainen andern tröster, der ewiklich bey ew beleibe, das ist der geist der warhait. ich wil ew nicht wayslos verlassen Berthold v. Chiemsee
tewtsche theol. 102
Reithm.; dasz wir dieselben (
lehren) ... uszsprechind den hungerigen seelen, damit ir wyslosen conscienzen getröst und befestet werdind H. Zwingli
dtsche schr. 1, 38; als graf Heinrichen ... sin eegemachel ... mit todt abgangen ... ward er wiszlos und unmutig, und ... nam geistlichen stand an sich Äg. Tschudi
chron. helvet. (1734) 1, 127; ich ward kranck, gefangen, weyszlosz und nackendt, und ihr habt mich ... heymgesucht Paracelsus
opera (1616) 1, 908
Huser; oft von elternlosen kindern: wie wir sehen, wenn vater und mutter den kindern empfallen, wie sie so elend und weiszlos hergehen, niemant sich yhr recht annympt Luther 16, 502
Weim.; thu deinen mund auff für die stummen, wo sie auch für gerichte kommen, führ die sach der waiszlosen kind und aller, die verlassen sind Hans Sachs 19, 367
K.-G.; so ward doch durch die satzung der zwölff taflen, und sonderlich als dieselben von freyheit der weyszlosen und minderjärigen sagen, ... alle böse betrieglichkeit verpotten Joh. v. Schwartzenberg
teutsch Cicero (1531) 76
a; das sein töchterlin von wegen des waybs abwesen ein weislos kind wär Joh. Herold
Dictys (1554) 21. — damit wir arm (
mit solcher steuer) ... nit uberladen und von weib und kindn auf die weislos strasz gewisen werden (
v. j. 1511)
d. deutsche bauernkrieg, aktenbd. 36
Franz. 22)
zu 1weise,
f., '
ohne weise, über alle weise',
in mystischtheologischer sprache, vgl. 1weise,
f. A 2 a); wîselôs
ist gott, soweit er reines sein ist, ohne wirkäuszerungen (= blôz, lûter, einvaltic, bildlôs, formlôs, namlôs),
ferner gott und die seele im zustand der unio mystica, jenseits aller tätigkeiten der sinne, des denkens, empfindens, wollens: he (
gott) ist ein wesin pobin alle wesin; darumme sal di wise wiselois sin, da mide man un lip sal hon
parad. anime intell. 110, 19
Str.; von genaden git gott dem geiste daz das er ist von naturen, und hat dem geiste do (
in der unio) geeiniget das namelose, formlose, wiselose wesen Tauler
pred. 109, 25
V.; do (
in den obersten kräften der seele) wurt denne der geist gezogen úber alle die krefte in eine wste wilde, do nieman kan von gesprechen, in daz verborgen vinsternisse des wiselosen guotes 54, 30; disú wiselos wise ist wesen der personen, die habent es beschlossen in ainvaltiger wise na rehter durgrúntlichkeit als ir nature H. Seuse
dtsche schr. 188, 11
Bihlm., vgl. 186, 24; welche genieszung in der weiselosen wesenheit der gottheit vollendet ist Arnold
Ruysbroeck v. d. sieben stuffen der liebe 179; der mensch soll lieblosz, weiszlosz, willenlosz werden Johan Arnd
Thomas a Kempis (1631) 6. 33)
vereinzelt zu 1weise,
adj., '
nicht weise, klug; unweise',
vgl. unbesint, närrisch, unweisze, weiszlos, unwitzig
stultus J. Schöpper
synon. (1550) a 8
a: für was wyslosz, so gar keins rats bin ich (
quandoquidem tam iners, tam nulli consili sum)
Terenz teutsch (1499) 25
b; das evangelium wirt nymer on frucht geprediget, aber an wölchem, wan, wa, wie vil es nütze, das soll allain gott wissen, und wir sollen gern deszhalb weyszlos sein Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 143
ndr.; got wil, das wir nicht wissen, dann das er in uns wil wissen, schreiben und leeren, ja das wir weiszlosz, ... kunstlosz, narren und kinder bleiben under im Seb. Franck
baum d. wissens 127
a; weislos
unvernünftig (
Hohenlohe) Klein
provinzialwb. (1792) 2, 230.