weinmonat,
mond,
m. oktober (
th. 8, 1141. 1269).
der zehnte monat führte in der karol. reihe den namen windumemânôth (
von lat. vindemia): Einhard
vita Caroli c. 29.
für diesen halbfremden, nie wirklich eingebürgerten namen bieten Einhardhss. des 12./13.
jahrh. winman, wynmanot, -monet:
monum. Germ. hist., script. 2, 458.
diese jüngeren formen bleiben dem sinn der karol. namengebung treu, insofern auch sie (
entspr. Karls hewi-, aran-, witumânôth)
den monat nach der ländlichen hauptarbeit nennen, die ihn beherrscht, nach traubenlese und weinkelterung. sonst fehlen wînmânôt
u. ä. ahd., mhd. (
trotz Lexer 3, 909)
und mnd., sparsam ist die bezeugung von mnl. nl. wijnmaand,
nfries. wynmoänne: Franck-v. Wijk 465; wynmaand Kramer
königl. nider-hochdeutsch dict. (1749) 1, 518
b;
wiss. beih. z. zs. d. sprachv. 1, 103; J. Grimm
gesch. d. dt. spr. (1868) 64.
ganz vereinzelt bleibt westfäl. wynmaent Husemann
spruchslg. (1575) B.
franz. vendémiaire
ist selbständige neuschöpfung, die slav. parallelen nsl. vinotok,
serb. vinskimjasec Weinhold
d. monatn. (1869) 60
liegen weit ab. 11)
unser weinmonat
wurzelt ohne erkennbaren zus.-hang mit älterer überlieferung in den maa. der obd. weingegenden. urk. zuerst Rottenburg 1397: in dem wînmônat
monum. Hohenb. 781,
lex. Nürnberg 1482: weinmon oder der ander herbstmon
voc. theut. nn 5
b.
geschlossene belegreihen beginnen erst mit dem 16.
jahrh., in Nürnberg 1500: in dem selben jar im weinmonet
städtechr. 11, 627,
in Basel 1508: (
wenn die könige im kartenspiel den märz überstehen) werden sie ein rüwig leben haben bisz in winmon Gengenbach 162
Gödeke, in St. Gallen 1520: in dem volgenden jar im winmonat Kessler
sabb. 64
Egli, in Regensburg 1531: im weinmonat Aventin 5, 113. 141,
in Straszburg zufällig erst 1551: am ende des weinmonats Herr
feldbau 16
a.
der damit umrissenen ältesten verbreitung entspricht die in heutiger ma.: elsäss. wįmyunet Mankel
Münstert. (1883) 171; wímònət Martin-Lienhart 1, 691
a,
schweiz. wîmonet
id. 4, 238,
schwäb. weimonət Fischer 6, 624,
südbair. wimɐt Bacher
Lusern 229.
auch in diesen maa. ist w.
im absterben; in Baden gilt es nur noch im ostfränk. von Lindelbach b. Wertheim, bair.-österr. ist es tot. dabei war w.
allein im kaiserl. Wien zu amtlicher geltung gelangt: Nicolai
reise 3 (1784) 329,
im übrigen bleibt es stets ein wort der kalender, chroniken und wörterbücher. 22)
in der Lutherbibel kommt der oktober nicht vor, 1520/25
nennt ihn Luther weinmond: 17 i 76; 23, 509
W. sein sprachgebrauch greift ins ostfränk.: weinmon Schwarzenberg
Cicero 151
a,
oberpfälz.: H. Sachs 4, 69
K. und rheinfränk.: weinmon Ryff
sp. d. ges. (1544) 147
b; weinmond Heyden
Plin. (1565) 353; Gerstenberg
chron. 315
Diemar. Luther mag vorbild sein für weinmon Bas. Faber
thes. (
Haina 1587) 560
b; Gabr. Rollenhagen
ind. reisen (1603) 26, weinmohnt Morhof
unterr. 2 (1682) 147,
vielleicht auch für den einzigen klassiker, der weinmond
braucht: Wieland
s. w. (1794) 9, 144 (
noch nicht t. Merkur 1777 IV 97).
andere bevorzugen die kurze form im zwang des verses: wir haben weinmond, lieben leute, und weil nicht immer weinmond ist, so sag ichs euch in versen heute, damit es keiner nicht vergiszt Novalis 1, 192
Minor; der weinmond naht so frisch und hell, er bringt uns hellen wein Schenkendorf
ged. (1815) 102. Platen
wechselt zwischen weinmond
im vers und weinmonat
in prosa: 2, 329. 3, 70
R. seit Arndt 1, 63. 3, 137
R. u. M.; Jahn 2, 460
und Rückert 2, 45
ist die kurze form nicht mehr belegt. 33)
die beziehung des namens zum wein bleibt stets durchsichtig, die richtige deutung ist dennoch spät und selten: Carolus appellavit ... octobrem weinmonet, quod eo tempore vindemia fiat J. Limnäus
capitulationes imperatorum (
Straszb. 1651) 366;
entspr. Zedler 54 (1747) 864; Adelung 4 (1801) 1460.
früher und häufiger miszdeutet: der monat, in dem es neuen wein gibt: new weinmonat Paracelsus
opera (1616) 2, 651
Huser; auch weinmonat a vindemia Wachter (1737) 1852
enthält eine miszdeutung. seit 1644
spielt der irrthum, Karl d. gr. habe den namen gegeben: als den januarium hat er genennet den wintermonat ... octobrem weinmonat Schill
ehrenkr. 74,
so noch Adelung
und Campe.
sittensatiriker der alten zeit umspielen die beziehung zum wein: dieweil im w. die sonn im scorpion ist, würd es manchem den magen vergifften, dasz er ausbrechen muosz Fischart
prakt. 21
ndr.; im scorpionischen w. ... weinweihung
dies. (1607) G 2
a; unser jetziges leben ist ... ein immerwährendes wein-monath, aber nie kein christ-monath Abraham a
s. Clara
reimb dich (1691) 195; gleichwie in dem calender auff das wein-monath das wintermonath folget, also auff viles und ohngezämbtes weinsauffen gehet es gemainiglich kühl her
Judas 1 (1686) 4; bey den schmieden ... hat kein monath mehrer tag als der w.
etw. f. alle 1 (1699) 351.
davon heben sich neuere anzüglichkeiten kennzeichnend ab: haben denn ... die strohköpfe droben den heurigen w. ... zum weinessigmonat (
s. o.) versäuert? Jean Paul 20/23, 52
Hempel. 44)
mit richtigem gefühl setzt ein württemb. geschichtl. lied von 1581 (
vgl. Steiff-Mehring
geschichtl. lieder u. spr. württembergs [1912] 437) october
in die pros. überschrift, weinmonat
in den vers. deutschgesinnte schriftsteller des 17.
jahrh. begünstigen w.: Moscherosch
ins. cura 27
ndr.; Harsdörfer
frauenz.-gespr. 8 (1649) 125; Zesen
verm. Helikon 2 (1656) 27;
hel. rosent. (1669) 67; Stieler
geh. Venus 4
ndr.; stammb. 1290.
auch weiter spielt w.
im kampf um deutsche monatnamen (Brenner
zs. d. sprachv. 1898, 33)
eine rolle: der weinmond? ja! nur noch vom weisen volke soll sich fortan der schöne mond oktobern lassen Klamer Schmidt
poet. br. (1782) 129. Kinderling
reinigk. (1795) 305
und Campe
fremdwb. (1813) 444
a. 603
a setzen sich dafür ein, ebenso Arndt
und Jahn (
s. o.). schlieszlich hat doch Limnäus
recht behalten: laudabilis Caroli diligentia, ad dignitatem linguae nostrae apprime faciens, per tyrannidem latinae linguae exclusa fuit, adeo, ut hodie vilissimi quique et nullam huius cognitionem habentes malint semilatinis et distortis verbis mensium nomina exprimere, quam pure germanicis
capit. imp. 367.
geschadet hat dem wort, dasz in groszen theilen des sprachgebiets die weinlese keine rolle spielt, und dasz in anderen schon zu ende september geherbstet wird. 55)
von zus.-setzungen ist allein weinmonatstag
wichtig, zuerst Zürich 1531: Liliencron
hist. volksl. 4, 35.
im 17.
jahrh. mehrfach in daten: Neumark
fortg. mus.-poet. lustw. 1, 222;
ehrenweise 5; Lohenstein
Arm. 1, 906
b.
im kanton Bern weinmonatssonntag J. Gotthelf 14, 81.