weilchen,
n. demin. zu weile
f. mnl. wijlkijn, wijlken Verdam 693
b.
zuerst 1529: er lest sie eyn weylichen wachsen, dornach sturczt er sie Luther 29, 455
Weim., aber bis etwa 1800
selten und zunächst ganz auf die md. heimath des suffixes -chen
beschränkt: Gilhusius
gramm. (
Frankf. 1597) 3, 75; Eyering
prov. (
Eisl. 1604) 3, 109; Chr. Reuter
ehrl. frau (
Leipzig. 1695) 16
neudr.; Gellert 1, 215.
bei einem Nd. zuerst 1682: Morhof
unterr. 1, 803,
dann erst wider Voss
Od. (1781) 8, 315;
ged. 4 (1802) 43.
die ersten Obd., die das Wort brauchen, sind H. L. Wagner
Evchen Humbrecht (1779) 2, 3,
und Blumauer
ged. (1782) 136.
von den klassikern pflegt allein Göthe
das Wort: Weim. I 1, 20; 4, 209; 9, 232; 11, 210,
seit ihm ist es bevorzugtes schrift- und dichterwort, begünstigt durch den reim auf veilchen: es war ein herzig's veilchen ... ach! denkt das veilchen, wär' ich nur die schönste blume der natur, ach, nur ein kleines weilchen I 1, 164
Weim.; ja! besingt im gras die veilchen und am bach die alten weiden, aber gönnt mir's noch ein weilchen, mich in rauher'n stoff zu kleiden Strachwitz
ged. (1850) 168; das eis zergeht, der schnee zerrinnt, dann grünt es über ein weilchen Geibel 1 (1888) 52;
entspr. Overbeck
verm. ged. (1794) 198; R.
Z. Becker
mild. liederb. (1799) 17; G. Ph. Schmidt
v. Lübeck (1810)
bei Böhme
volksth. lieder 25; Hoffmann v. Fallersleben 1, 177; Rückert
ges. ged. 4 (1837) 290; Ebner-Eschenbach 1 (1893) 209.
auch in ungebundener dichtersprache wird das wort von vorangehendem veilchen
angezogen: da sind so viel veilchen, man steckt sie in den busen, sie duften ein weilchen B. v. Arnim
frühl. 8.
seit der klass. zeit ist weilchen
auch bei Österreichern möglich: Stifter 5 i 25; Lenau 699
Barthel, häufiger bei Schweizern: U. Bräker 1 (1789) 9; 2, 188; G. Keller 2, 26; 3, 52; 4, 52. 219; 5, 198; 7, 22.
hier kommt auch der sonst unbezeugte plur. vor: weisz der himmel, wie ich die weilchen dazu stehlen musz Bräker 2, 217.
dem wenig jüngeren weillein (
s. u.)
ist weilchen
weit überlegen, schon weil sich das stammauslautende l
zu dem -chen-
suffix geläufiger fügt. aus lebender mundart wird weilchen,
weil es schriftdeutsch geworden ist, selten gemeldet: iwwer e weilche Askenasy
Frankf. 40; wielche Hönig
Köln. 201
b; wîlkn Bauer-Collitz
Wald. 112
b.
das Luthersche -i-
der endung kehrt bis 1734
wider: weilichen Zesen
rosenm. 31; Steinbach 2, 962.
schreibung mit g
ist bis 1781
bezeugt: weilgn Corvinus
fons lat. (1646) 868; weiligen Prätorius
Katzenv. G 3
a; weilgen
anthr. 1, 43;
winterfl. 273; Weise
überfl. ged. 78
neudr.; Grimmelshausen 4, 767
Keller; Cronegk
samml. v. schausp. 2, 35; Meiszner
Alcib. 1, 21. weilchen
deminuiert weile
in dessen bed. '
zeitabschnitt von unbestimmter länge'. 11)
der sinn einer erstreckung in der zeit tritt klar zu tage bei der häufigsten gebrauchsform, dem acc. der zeit: sie (
die leiche) war von stande: lauern wir ein weilchen, und geben acht
Shakespeare 3, 334; ein weilchen geht's mit hartem muth, wie noth ihn und verzweiflung leiht Droste-Hülshoff 2, 49
Cotta; sie aber liesz, zur wohlverdienten busze der wanderlust, ein weilchen dort mich liegen Rückert 3, 127; als er ein weilchen fortgegangen war, fand er einen jagdhund auf dem wege liegen Grimm
märchen nr. 27; er lauschte ein weilchen auf den im gebüsch verhallenden tritt seines ehemaligen dieners Holtei
erz. schr. 3, 135; was will das fünklein geistigkeit in all dem bedeuten, das hier auf der erde ein weilchen glimmend um sein dasein gekämpft hat? P. Jäger
schicksal der werte (1915) 8.
hier überall wird die umschreibung '
kurze zeit'
dem wort gerecht, andere male greift man besser zu der umschreibung '
für kurze zeit': lasz ... den wilden knaben ein weilchen in die fremde ziehn Pfeffel
poet. vers. 8, 72; nun sprach er (
A. v. Humboldt) fort im abgehen von zimmer zu zimmer, auf jeder schwelle ein weilchen stehen bleibend Laube 1 (1875) 334; sie erweisen uns eine liebenswürdigkeit, wenn sie ... ein weilchen mit unserer gesellschaft fürlieb nehmen wollten Th. Mann
Buddenbrooks 1, 118.
ironische färbung verlangt die umschreibung '
gehörige zeit': bis einmal der ganze weltlauf abgelaufen ist ... und das wird freilich noch ein weilchen dauern Hildebrand
ged. über gott (1910) 372.
früh steht ein weilchen
in sätzen, die ein noch
enthalten: ein w. will ich's noch mit ansehn
F. L. Schröder
d. wankelmüthige 3, 13; ein sünder, dem der spruch geschehn, geht, um das süsze licht ein weilchen länger noch zu sehn, zum tode sachter nicht Ramler
fabellese 3, 131.
die formel ein weilchen noch
ist fest bei Bürger 280
a Bohtz; Maler Müller 1 (1811) 106; Rückert 1, 40.
die weit gröszere rolle spielt noch ein weilchen
in versen: Hölty
ged. 4
Halm; Gries
Ariost 2, 376; Fouqué
altsächs. bilders. 498; Grabbe 1, 297
Blumenthal; Mittler
d. volksl. 657,
aber auch in prosa: Schleiermacher
weihnachtsf. 3; Schopenhauer 3, 379
Grisebach; Holtei
erz. schr. 1, 32; Storm 1, 221.
die kürze der zeitstrecke wird mit adv. betont: da fühlt man doch, und fühlt ihn ganz, zum wenigsten ein weilchen
theater d. Deutschen 12 (1770) 246; alles dauert nur ein weilchen Maler Müller 1, 178.
im sinn einer einschränkung steht meist auch attr. adj. vor dem acc. der zeit: nur noch ein w., ein einziges kleines w. lasz mich hier E. Th. A. Hoffmann 6, 205
Grisebach; wärst du nur ein klein w. später kommen B. v. Arnim
dies buch 1, 105; ein kleines w. Mittler
d. volksl. 184; ein kurzes w. Erlach
volksl. d. Deutschen 3, 557,
doch auch im sinn einer ausdehnung: sprach ich mit ihm ein ganz w. B. v. Arnim
Günderode 2, 73; es währte ein ganzes w. Holtei
erz. schr. 24, 48; es blieb ... noch ein gutes w. still G. Keller 2, 99.
gel. kann man die umschreibung '
kurze zeit'
vertauschen mit '
einstweilen': der erste schöne morgen ... kann nicht besser angefangt werden, als wenn ich ihnen ein weilchen was schreibe Knebel
von u. an Herder 3, 9.
wenn der damit mögliche bed.-wandel in Knebels
ostfränk. ma. angebahnt ist, so erscheint er in Maler Müllers
rheinfr. vollzogen: musz mir da 'n weilchen den klotz zum aufhämmern zurecht stellen ... hohlt 'n weilchen die nüss' 'runter! 1, 273; will euch bald dort einhohlen ... adjes ein weilchen 3, 10. 22)
in freiem gebrauch kann w.
acc.-object zu wechselnden verben sein und dann auch farbige, stimmende attr. erhalten: ich ... empfinde noch jedes selige w., das ich mit meinem Ännchen zubrachte Bräker 1 (1789) 70; er ist so gelassen, hat noch seine fröhlichen w. 2, 146; jener hatte in der einen schale kaum ein frohes w., in der andern lauter wehtage 2, 167.
häufig ist verbindung mit warten: wir wollen nur erst ein w. abwarten Langbein 31, 108; warte nur ein w. H. v. Kleist 1, 79
E. Schmidt;
entspr. Mörike 1, 260
Göschen. aus ihr erwächst die substantivierung warteinweilchen
th. 13, 2124
f., vgl. beiteinweil th. 1, 1403.
wie bisher überall, so waltet der sinn einer erstreckung in der zeit auch in präp. verbindungen, nam. denen mit acc.: es wird nun eine grosze herrlichkeit seyn, du kanst auf ein w. zurückstehn müssen Caroline 2, 143
Waitz; da will ich den ring schon auf ein w. kriegen Brentano 5, 136,
häufiger ist hier jedoch der sinn eines zeitlichen abstands: der frosch ... tauchte ... unter, sank hinab, und über ein w. kam er wieder herauf gerudert Grimm
märchen nr. 1,
der in den dativischen verbindungen vollends vorherrscht: kommen sie in einem w. in mein zimmer
theater d. Deutschen 8 (1769) 135; ich weisz zwar wohl, fuhr er nach einem w. mit schmunzeln fort J. J. Engel 12, 33; nach einem w. kommt, von ihr nicht bemerkt ... Streckmann Hauptmann
Rose Bernd 18.