wehstand,
m. gilt stets in dieser zweisilbigen form in den mundarten sowie literarisch bei Fischart, Frischlin, Rist, Harsdörffer, Butschky, Neukirch, Breitinger, Laukhard
und seltener bis auf die neueste zeit, daneben wehestand
seit beginn des 17.
jahrh. bei Nord- und Mitteldeutschen wie Petri, Herberger, Gruter, Weise,
nachmals auch im süden bei Albertinus, Henisch, Abr. a S. Clara
und seitdem überwiegend. die schreibung ehe
ist zunächst als doppelte bezeichnung der vocallänge gemeint, s. weh 6) (
sp. 2, wehklagen 2),
sp. 108.
später hat sie dreisilbige aussprache veranlaszt, die für Gotter, Schlegel, Tieck
und O. Ludwig
durch den vers gesichert ist. 11) wehstand
als gegenbildung zu dem lutherschen ehestand. 1@aa)
lexikalisch auszer in sprichwbn. und aus neuer mundart nur bei Henisch (1616) 800, Ludwig (1716) 493, Campe 5 (1811) 627
b und Sanders 2 ii 1173
a.
von Campe
als neugebildetes wort bezeichnet, aber schon bei Fischart:
er schildert die um ihren mann ängstlich besorgte frau und schlieszt: secht ist da der ehestand ein wehstand? o neyn, sonder ein bestand und beistand
Garg. (1575) 105
neudr. sichtlich ist diese äuszerung schon widerspruch gegen das sprichwort ehestand, wehestand,
das in reiner form freilich erst seit Petri
der Teutschen weisheit (1605) 2, 159
belegbar ist. nachmals oft: sie schreiet ... ist dasz der liebe lohn? ach ehstand, wehstand Rist
n. t. Parnasz (1652) 644; ehestand, wehestand,
status matrimonii status miseriœ est Pistorius
thesaurus paroem. germ. (1716) 3, 66; ehestand, wehestand ist ein altes sprichwort Kindleben
studentenlex. (1781) 60
neudr.; Fr. L. Schröder
dram. werke 3, 223; Musäus
volksm. 1, 45
Hempel; Schellhorn
sprichw. (1797) 90; Simrock
d. d. sprichw. (1863) 94;
weitere nachweise Wander 1, 732
nr. 19.
mehrfach in lebender mundart: Kirchhofer
schweiz. sprüchw. (1824) 199; H. Fischer
schwäb. 2, 886; Follmann
lothr. 118
a;
siebenbürg.-sächs. wb. 2, 113
b.
dem sprichwort noch sehr nahe stehen: gräfin. ja, ja! ihr wart ein feiner vogelsteller zu eurer zeit! nun aber will ich euch vor solchem wachen schon bewachen.
Capulet. o ehestand! o wehestand! (a jealous-hood, a jealous-hood!) Shakespeare
Romeo 4, 4 Schlegel 1, 140; das heiszt ja eben im wehestand, im ehstand leben Tieck
schriften 1, 189.
charakteristisch leuchtet das sprichwort heraus auch aus folgenden umbiegungen in alter sittenpredigt und -satire: ehestand, ehrnstand und wehestand Jan Gruter
florilegium ethico-pol. 3 (1612) 25; soll auch der mensch fürnemlich sein fürsichtigkeit, weiszheit und verstand in erwöhlung eines weibs brauchen und erscheinen lassen, damit ausz seinem ehestand kein wehestand werde Albertinus
der welt thurnierplatz (1614) 212; der ehestand heist wol ein wehestandt, aber darnach er gebraucht, ein seeliger standt, ist alles an dem seegen gottes und desz menschen willen gelegen Christ. Lehman
florileg. polit. auctum (1640) 162; der ehestand soll kein wehestand seyn Bäuerle
kom. theater 4, 76. 1@bb)
die regel ist überzeugte zustimmung zum sprichwort, das sein glück macht, weil es so gut in eine beliebte motivreihe der conventionellen satire paszt: der ehstand wol ein wehstand ist Frischlin
d. dichtungen (1590) 145
Strausz; ach wie viel besser ist an statt der bösen eh' und stetem wehstand zancken, der ehestand (
lies: ehstand) nie erkiest Harsdörffer
t. secretarius 1 (1656) Bbb 3
b; ehestand ein wehestand und saurer schleestand Val. Herberger
hertzpostilla (1612) 1, 160; so ists kein wunder ... dasz der ehestand verkehrt wird in ein wehestand Albertinus
hirnschleifer (1664) 147; ein solcher ehestand was ist er anderst als ein wehestand? Abr. a S. Clara
merks Wien (1680) 105; und kan billich der ehestand ein wehestand ... genannet werden
etwas für alle (1699) 2, 442; ehstand ist ein wehstand auch einem lieben priester
d. wolgeplagte priester (1695) 148; o einem solchen ist ja sein ehestand ein rechter wehestand Stranitzky
Fuchsmundi 235, 23
neudr.; entspr. 235, 32; ehe- und wehestand
als kapitelüberschrift Bräker
leben des armen mannes im Tockenburg 167
Wilbrandt; hm — mein liebes kind! ehestand ist wehestand Iffland
theatr. werke 2, 38 (
jäger 1, 13); soll ich meinem wehstand — noch hinzuthun den ehstand? Rückert
werke 11, 398; der ehestand bleibt immer ein wehestand Holtei
erz. schriften 1, 43; wer darf dich heirathen? die männer sind alle schlecht, und ehstand ist wehstand Heyse
nov. 2, 329 (
weinhüter); so ist der ganze ehestand nur mühetag und wehestand O. Ludwig
ges. schriften 3, 637. 1@cc)
als selbstverständliche grundvorstellung wird das wort in weiterführende gedankengänge eingebaut: da hingegen andere, welche den ehestand als einen wehestand annehmen, hernachmahls alle gute stunden gleichsam als einen unverhofften gewinn erkennen Chr. Weise
erzn. (1673) 283; ehestand, wehestand, wenn du freist mit unverstand; wählst du wohl, ist er gewisz dir ein irdisch paradies Lipperheide
spruchwb. 130
a;
erste hälfte auch Wander 1, 732, 20; ehstand, wehstand! wenn d' frau de mann schla't Follmann
lothr. 118
a;
als brautspruch: gott wîl ich sêjnen än irem helijen îštnt, domät e wêr der iršt uch der li
etzt, domäd et net wêr en îštnd e wîštnt sangdern en îštnd e frdeštnt, e sêlichstnt
siebenbürg.-sächs. wb. 2, 114
a.
das witzchen wird nachgerade mehr oder weniger gedankenlos gebraucht: sag mir bald, wie dir der heilige ehe- und wehestand bekommt Bürger
briefw. 3, 240
Strodtmann; jetzt ist von ernst die frage, von eh- und wehstand Müllner
dram. werke 5, 263.
so schlieszt den reigen dieser zustimmungen mit fug Pichlers
wort: sei's, wie's ist! ich bin ja nicht der einzige; von vielen einer, der auf den ehstand wehstand reimt
n. marksteine (1890) 52. 1@dd) wehestand
ist fast nur in der symbiose mit ehestand
lebensfähig, während dieser reimgesell und gegenspieler viel öfter selbständig auftritt. aber gerade weil ehestand
neben unserm wort so selbstverständlich ist, kann es schlieszlich auch wegbleiben. damit erhält wehestand
die selbständige bedeutung '
unglückliche ehe': nach dehm mich aber das unglück in disen wehstand bracht Butschky
hd. kanzlei (1659) 60; wenn meine haus-megäre noch zehnmal schlimmer wäre, ich dächt an Hiobs leiden, und kehrte doch mit freuden in meinen wehestand Gotter 3, 562 (
nachlasz); ich blamiere mich ... wenn ich mit unserm wehstande ganz herausgehe J. Paul
Titan 2, 94. 22)
selten bedeutet wehstand
als gegensatz zu wolstand, wolbefinden, wonnestand '
unglück': wenn du im unglück bedenkst ... wie viel dein reichlich genossen im wohlstande, von welchen du jetzt kein tröpflein wassers zu genieszen hast in deinem wehstand H. Müller
erquickst. (1666) 202; dasz er sich diesem absoluten willen gäntzlich unterwirffet, in dem wolseyn und wehstand nicht so fast auf seine eigene empfindung, als aber auf den willen seines souverainen gebieters siehet Breitinger
disc. der mahlern (1721) 1, 82
Vetter; es ist ... meine gewohnheit ... über den wohl- oder wehstand eines landes mein urtheil zu fällen Laukhard
leben u. schicksale 3, 449; des krieges endschafft ist ein thränend wangen-feld. so sieht der wehstand aus Neukirch
in Hoffmannswaldaus u. a. gedichten 3, 230; o du höllische melodie, wonnestand ist hin, wehstand ist hie v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 1, 92.