wehrstand,
m. 11)
zu stand '
ordo'.
germanisch ist die eintheilung des volks in freie und unfreie, christlich die in geistliche und laien. das spätere mittelalter combiniert daraus eine dreitheilung: adel, geistlichkeit und bürgerthum. diese theilung gilt als göttliche einsetzung: gott hat drei ständ erschaffen, adel, bauernvolk und pfaffen Simrock
sprichw. 9810.
unkritische geister der reformationszeit übernehmen die dreitheilung und stützen sie durch die naive begründung nach den dreyen personen der dreyfaltigkeit Kirchhof
wendunmuth 3, 336
Österley. gleichzeitig orientiert sich aber doch auch eine neue staatstheorie an den philosophen des griechischen alterthums. die scholastik konnte auch hier an Aristoteles
anknüpfen: dieser berichtet (
polit. 2, 8, 1267
b)
von dem milesischen städtebaumeister Hippodamos, der eine gliederung der bürgerschaft in drei stände, eine theilung des bodens in drei lose vertrat (Theob. Ziegler
einl. zu Thomas Morus
Utopia hg. von Michels 1895 XXI). Luther
griff im kampf gegen die scholastik auf Plato
zurück, dessen politeia wird vielfach seine quelle (Ziegler
das. XVIII. Köhler
quellen von Luthers schrift an den adel 1895
s. 108)
und zumal deren 3.
buch fand er beherrscht von der dreitheilung der stände in γεωργοὶ καὶ δημιουργοί, φύλακες und ἄρχοντες,
wo bei den φύλακες oder ἐπίκουροι die kriegerkaste des alten Ägyptens vorbild gewesen sein mag. noch moderne darsteller des platonischen staats wissen diese dreitheilung nicht besser zu umschreiben als mit den schlagworten nährstand, wehrstand, lehrstand (Ed. Zeller
philosophie der Griechen4 2 i 901):
so wird das hervortreten dieser bezeichnungen bei Luther
mit seiner kenntnis der platonischen politeia unmittelbar oder mittelbar zusammenhängen. die vorstellung spielt bei ihm von vorneherein eine grosze rolle (
zeugnisse bei Büchmann
gefl. worte25 101
f.),
zufrühst: szo ist die weltlich gewalt schuldig, zuschutzen die unschuldigen, und weren das unrecht ... daher es kummen ist, das man sagt zum bapst und den seinen
tu ora. du solt betten, zum keyser und den seinen
tu protege. du solt schutzen, zu dem gemeynen man,
tu labora. du solt erbeytten
an den adel 31
neudr. in dem 'weren'
und '
tu protege'
dieser stelle ist wehrstand
deutlicher vorgebildet als lehrstand
in '
tu ora'
und nährstand
in '
tu labora'.
aber alle drei wörter fehlen bei Luther,
er sagt lehr-, nähr-, wehramt (
s. diese),
so dasz doch das verdienst der formulierung sein bleibt. von Luther
geht die vorstellung auf seine schüler über, sehr klar bei Alberus: der priester musz lehren, die oberkeit wehren, die bauerschaft nähren
predigt vom ehestand (1546) C 1
a.
den ausdruck wehrstand
kennt doch erst Mathesius 1571: gott hat drey heilige stende auff erden, den lehr- wehr- und nehrstand
Sarepta 47
a. stand
in unserem wort entspricht, wie in alter sprache ganz gewöhnlich, dem lat. status,
es ist damals auch als simplex schon nicht mehr selten von der gliederung der bürgerlichen gesellschaft nach berufsclassen gebraucht (
th. 10 ii 709)
und steht in unserm falle stets als concretes collectivum (
th. 10 ii 719
f.).
die wörterbücher verzeichnen wehrstand
seit Stieler, Dentzler
und Pomey,
das einzige, was sie dazu beitragen ist Campes
erfolgloser vorschlag (
verd.-wb. (1813) 421), militär
damit zu verdeutschen. —
beflügelt worden ist das wort durch den protestantismus des 17.
jahrh.: spiegel des antichrists, darin wahrhaftig für augen gestellet, welcher maszen der papst samt seinen jesuiten ... den lehr- wehr- und nährstand unterdrucket Opel
u. Cohn
dreiszigj. krieg 5; der papst als ein löw frech begehrt des wehrstands kron, scepter und schwert
das.; lasz uns kein unruh sehen im lehr-, wehr-, und nehrstand David v. Schweinitz (1640)
bei Fischer-Tümpel evangel. kirchenl. 1, 372; wehr-, lehr-, nähr-stand, ieder stand hat sein eigen ehr in sich; nim w. l. und
n. weg, lehrt der name solches dich Logau
sinnged. 2, 163, 21; teutscher nation apophthegmatum, das ist deren in den teutschen landen, wehr - lehr - nehr-weiberstandspersonen, hof- und schalcksnarren beywörter 3. theil durch Joh. Leonh. Weidnerum (
Leiden 1644); keine weibsperson sich männlichen geschäfften unterfangen soll, sondern alle beschäfftigung in dem wehr- und lehrstand ist ihnen verbotten Harsdörffer
t. secretarius 1 (1656) Qqq 1
b; hilff (
gott), dasz kein ungemach lehr- wehr- und nährstand trennt Schmolcke
sämtl. trost- u. geistr. schr. 1, 286; ich habe ... die glückseligkeit der churbrandenburgischen unterthanen wegen des durch die churfürstl. edicta verbesserten lehr- und wehr-standes vorgestellet Thomasius
kl. t. schriften2 342;
entspr. 583.
die kritik an der dreitheilung regt sich ein erstes mal 1726: die unterthanen werden nach einer gewöhnlichen, obwohl nicht allzu accuraten eintheilung, insgemein eingetheilt, in den lehrstand, wehrstand und nehrstand v. Fleming
vollk. t. soldat 7 § 20,
sie erstarkt langsam bis zur verhöhnung: will ew. wohlehrwürden ein paar geschichtlein nicht verhalten, die hier viel redens gemacht in lehr, wehr und nährstand, wie ew. wohlehrwürden die christenwelt bedachtsam eintheilen Hippel
lebensl. 3 ii 301; in abwesenheit des lehrstandes, da unser ehrwürdiger garnisonprediger heute auf die hetzjagd geritten ist, werde ich, des wehrstandes mitglied, dessen funktion übernehmen Gaudy
sämtl. werke 4, 107.
als abgethan behandelt eine äuszerung von 1817
das wort: nährstand, wehrstand, lehrstand, wie die alten — wohlstand, sicherheit und bildung wie die neuern sich ausdrüken K. L. v. Haller
restaur. der staatswiss. 2, 11,
dennoch wird es reichlich zu ende des 18.
und noch durch das ganze 19.
jahrh. fortgebraucht: kürassiere. der wehrstand soll leben!
beide jäger. der nährstand soll geben! Schiller 12, 57 (
Wall. lager 11); es ist der lehrstand, der gern dem siegenden wehrstand huldiget, weil durch diesen allein sicherheit und fördernisz zu hoffen ist Göthe I 49 i 267
Weim.; ich ... gratuliere dir, dasz du aus dem wehrstande in den lehrstand übergegangen bist IV 19, 216; ich für mein theil habe lieber mit dem lehrstande als dem wehrstande zu thun Shakespeare
was ihr wollt 3, 4
Schlegel 2, 265; was ist freiheit ohne wehrstand? glück ohne dauer J. v. Müller
sämtl. werke (1806) 11, 282; so wurde das thätige und poetische ... im lehr- und wehrstande allmählig aufgehoben Arnim
werke 13, 455
Grimm; so wurden lehrstand, wehrstand, nährstand die einfachen umrisse der verfassung Voss
antisymbolik (1826) 2, 255; grosze thaten will von uns das vaterland ... alle sind wir seine söhne, sind sein wehr- und ehrenstand Hoffmann v. Fallersleben
ges. schriften 3, 181; auch jene schöne, bunte livree, die bei uns einen bevorrechteten wehrstand ankündigt, ist in England nichts weniger als eine ehrenauszeichnung Heine
werke 3, 435
Elster; ohne den wehrstand ist der nährstand seines erwerbes nicht sicher, und des lehrstandes thätigkeit steht in der luft Bismarck
polit. reden (1892) 13, 68; herr Johann Christoph war ein begeisterter patriot, er hielt den wehrstand seines vaterlandes so hoch wie den nährstand Rich. Voss
Juliane 73.
in amtlichen gebrauch ist wehrstand
zu keiner zeit übergegangen, doch steht es bei den historikern als edleres wort für militär: wenn der wehrstand, er sei nun vom leder oder von der feder, besonders wo demselben das heirathen erlaubt wird ... den nährstand überwiegt Möser
sämtl. werke 2, 251; auch er (
Valentini) meinte, man müsse die schranken zwischen wehrstand und nährstand niederreiszen Meinecke
Boyen 1, 171.
hier erscheint das wort (
ein seltenes mal in bedeutung 1)
aus seiner symbiose mit nähr-
und lehrstand
gelöst: durch dieses kriegssystem, welches ... die absonderung des wehrstandes von den bürgern hinderte Niebuhr
röm. gesch. 3, 688. 22)
zu stand '
status, zustand'
gehört ein seltneres, stets alleinstehendes wehrstand '
wehrhafter zustand, zustand der wehrhaftigkeit',
besonders in der wendung in wehrstand setzen: Usong liesz Anah, die furth des Euphrats, in einen guten wehrstand setzen Haller
Usong (1771) 174; demungeachtet setzte der kriegsrath das volk ... in wehrstand Zschokke
sämtl. ausg. schriften 1, 258; weil ... Hermann ... nicht beim Cherusker stehen blieb, sondern bis zum Germanen vorschritt, was ein ganzes volksthum gegen der Römer heeresfluth in wehrstand setzte Jahn
volksthum 19; fürs erste verrammelte ich nun die thür und setzte mich in wehrstand Rosegger
schriften 2, 15, 16.
selten in freiem gebrauch: dasz wir ... von unserm muth und wehre-stand doch so unähnlichen begriff erwecken Ayrenhoff
werke 5, 71, 8; Cüstine's armee ist im herrlichsten wehrstand J. G. Forster
sämtl. schriften 8, 335; sorg' eher für guten wehrstand, bruder! Kallheim ist nicht mehr fern mit seiner schaar Babo
schausp. (1793) 145 (
Otto v. Wittelsbach 4); eine mobilmachung hat mit rücksicht auf dieselbe (
die Luxemburger frage) nicht stattgefunden, wohl aber die aufrechterhaltung des damaligen wehrstandes, wie er war Bismarck
reden 5, 24
Böhm.