vorgängig,
adj. ,
s. fürgängig
th. 4, 1, 1,
sp. 731; vorgongig,
previus Diefenbach
gl. 458
c; Adelung; Campe. 11)
das in der sprache der gegenwart als steif und veraltet empfundene wort wird schon von Adelung
als '
oberdeutsch',
d. h. nicht eigentlich schriftgemäsz und als dem kanzleistil angehörig bezeichnet. merkwürdig ist, dasz er es nur zu der bedeutung von vorläufig
aufführt; die bis zur gegenwart herrschende bedeutung ist allgemeiner: zeitlich vorhergehend; zu beachten ist, dasz v.
fast nur in attributiver verwendung vorkommt; Göthe
braucht es oft, doch mehr im amtlichen und briefstil als in freier darstellung: on angesehen, dasz sie nit fürgengig exempel der schrifft haben Dietenberger
wider d. unchristl. buch Mart. Luthers von d. miszbrauch d. messe (1526) f 4; ihro gnaden, dero frau mutter, haben mich nicht ohne vorgängige prüfung in dero dienste genommen J. E. Schlegel (1761
ff.) 3, 574; den vorwurf als braut ohne vorgängige trauung schwanger geworden zu seyn
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 261; wo es keiner vorgängigen, zweifelnden überlegung bedurfte Herder 16, 483
S.; (
Franz) that, nach vorgängiger entschuldigung, eine frage Nicolai
Seb. Nothanker (1773
ff.) 2, 113; nach vorgängiger untersuchung Klopstock
gelehrtenrep. (1774) 63; statt einer vorgängigen kriegserklärung (
vor dem einfall Friedrichs in Sachsen) folgte ein manifest Göthe 26, 70
W.; nur mit vorgängiger genehmigung IV 17, 109; auf vorgängige anfrage IV 30, 168; (
empfindungen,) die aus einer vorgängigen operation des verstandes entspringen Schiller 1, 147
G.; bald nachher setzten wir uns ohne vorgängiges wunder zu tisch Immermann 2, 127
B.; jene (
bereiten das blühen vor) durch vorgängige kugel- und blattbildung Ratzeburg
standortgewächse (1859) 261; nach vorgängiger begrüszung rückte man ... zusammen Fontane I 1, 108; so werde die vorgängige feststellung (
des budgets) vor beginn des nächsten etatsjahres nicht erfolgen können Bismarck
polit. reden 2, 17
Kohl; der eigentümer kann das ablösungsrecht erst nach vorgängiger kündigung ausüben
bürgerl. gesetzb. § 1202. 22)
für das heutige sprachgefühl härtere wendungen und besonderes: (
der dichter) wagt sich sogleich mitten in die handlung hinein ... von dort aus läuft er zu vorgängigen begebenheiten zurück Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 38
lit.-denkm.; sie muszte auch physisch durch die vorgängige scene erschöpft sein W. Alexis
Isegrimm (1854) 454; 'nun, liebste, beste oberstin', hebt sie nach einigem vorgängigen mit frischem odem an Mörike 3, 224
Maync; wenn es ... von Cecrops heiszt terrae mandatus, so schlieszt das kein vorgängiges verbrennen aus J. Grimm
kl. schr. 2, 225. —
prädicativ mit dem dativ: (
dasz) das datum des decisi dem anfang der untersuchung ohnfehlbar v. gewesen Zinzendorf
reden des ordinarii (1751) 8. 33)
völlig veraltet ist der gebrauch des adverbiums: die oberdeutsche mundart und mit ihr der kanzelley- und curialstyl haben deren (
der präpositionen) noch weit mehrere, z. b. besage, inhalts, erwogen, vorgängig Adelung
umst. lehrgeb. 2, 117; mit dem der compter vorgengig, ehe dann sie mit einander traffen, gesprech hielte Schütz
hist. rer. pruss. (1592) p 4
c; (
will ich) doch anietzo ein und anders, obschon vorgängig, doch unvorgreiflich zu erwägen geben Leibniz
dtsche schr. (1838) 1, 478; er hatte die besondere gabe, ohne v. darüber zu denken oder etwas zu papier zu bringen, geist- und lehrreiche lieder zu singen A. G. Spangenberg
leben Zinzendorfs (1772) 281; einnahme von Paris. v. die schlacht von Montmartre Göthe III 10, 12
W.; der rechtserfahrne olbente setzt aber durch, dasz v. dreimal geladen werde J. Grimm
Reinhart fuchs vorr. cv; dasz die knochen, wenn sie v. mit säuren erweicht und abgespült worden sind, im wasser verfaulen Sömmerring
vom baue d. menschl. körpers (1839
ff.) 2, xxiv; von einer v. bei dem senate nachzusuchenden erlaubnisz abhängig Mommsen
röm. gesch. 2, 351. —
mit dem dativ verbunden: eine jede regierung ist verbunden, nicht ohne noth sturm zu schlagen, sondern diesem allen v. mit weisheit den wahren fall der noth zu untersuchen Möser (1842
ff.) 2, 47. —
hier ist einer wunderlichkeit des kanzleistils zu gedenken, auf die Vilmar
idiot. v. Kurhessen 432
hinweist: nach ihm soll diesem vorgängig
dem wortsinne widersprechend in der bedeutung gebraucht worden sein '
nachdem dies vorausgegangen ist, voraus hat bemerkt werden müssen, dieses vorausgesetzt'.
ähnlich: vorgengig solchen berichts, nachdem solcher bericht vorher gegangen Schottel
haubtspr. (1663) 767. 44)
wie oben bemerkt verzeichnet Adelung
allein die jetzt völlig veraltete bedeutung von '
vorläufig': ein vorgängiger bericht; etwas v. berichten,
vorläufig; das verzellen bedeutet eine durch den richterlichen anspruch zuerkannte und vorgängige strafe
allg. dt. bibl. 1, 2, 253; es ist leicht zu begreifen, diese zu übernehmende schwierigkeit vieler theologen müsse auch in ihren rechtschaffensten herzen einen vorgängigen widerwillen gegen neue obgleich bessere methoden erwecken Basedow
method. unterricht d. jugend (1764) xxviii;
als adv.: der ludimagister steckte den hieb v. trocken ein J. G. Müller
Siegfried v. Lindenberg (1784) 1, 148. 55)
in älterer sprache auch in verschiedenen andern bedeutungen; räumlich vorausgehend in einem buche: das vorgengige titulblatt gegenwärtiger arbeit wird bereits dem geneigten leser einen begriff meines jetzigen unternemens gemacht (
haben) H. C. Arend
d. gedechtnisz der ehren Albrecht Dürers (1728) a 5
b;
fortgang gewinnend (
vgl. oben fürgängig 1): (
gott werde) mildiglich verhuten, dasz ihr ungetreuer ratschlag nicht vorgengig (
werde)
polit. korresp. Moritz v. Sachsen 2, 553.
anderem vorgehend, anderes übertreffend: röthe allen andern farben v., insonderheit der tugend leibfarbe Lohenstein
Armin. 1 (1689) 1318;
daher im sinne von '
vortrefflich': welche (
weisheit gottes) ... klar und v. darthut und erweiset, wie viel mehr sie jene, die menschliche vernunfft nemlich, übertrifft Sturm
kurtzer begriff d. phys. (1713) 26.