vorfassen,
verb. ,
älter fürfassen,
s. dieses th. 4, 1, 1,
sp. 726;
mhd. vürvazzen Lexer 3, 589; vürgevazzen
mhd. wb. 3, 284
b; Lexer 3, 585; vürvazzen Jelinek 914;
praeoccupo voreynemmen und besitzen, vorfassen, fürkommen Frisius
dict. (1556) 1042
b;
ebenso Maaler 475
b; vorfassen, vorverfassen,
preconcipire Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 345
b (
offenbar aus unsicherem sprachgefühl); Frisch 2, 407
a und Adelung
verzeichnen nur das part. prät.; vorfassen
in eigentlicher, sinnlicher bedeutung wird von Campe
als ein '
niedriges, aber deshalb noch nicht verwerfliches'
wort bezeichnet. 11)
in sinnlicher bedeutung kaum gebräuchlich: '
vor etwas hin mit der hand fahren, sie vor etwas hin und daran halten' Campe;
etwa räumlich mit weiter: weiter vorfassen,
an einer vorwärts gelegenen stelle zugreifen. vor
zeitlich, durch nach
gestützt vor-
und nachfassen. 22)
mhd. vürvazzen, vürgevazzen,
vor sich nehmen, in freieren wendungen: swen er gevazte vür, der enwânde nimmer genesen Ulrich von Zatzikhoven
Lanz. 3310; si begunden mit slegen einander vür vazzen
Rabenschlacht 677;
mit unpersönlichem subject: swen ez (
das gut) alsô gevazzet vür, daz er ânet sich der beider (
gottes und der ehre) ê, dann er daz eine gar verkür Winsbeke 29, 9
H. 33)
ganz vereinzelt im nhd. in übertragenem sinne von vorgreifen: ich will nicht vorfassen Hippel
lebensl. (1778
ff.) 1, 220. 44)
innerlich etwas voraus ergreifen; sich vorstellen, sich einen begriff von etwas machen, wobei vor
einen zeitlichen sinn hat; dann auch im voraus einen entschlusz fassen (
es folgen hier auch einige ergänzende belege mit für);
schon bei diesen anwendungen tritt oft das part. prät. auf. der sinn ist zunächst ganz neutral, aber der übergang zur ungünstigen vorstellung, die der begründeten auffassung vorauseilt, ist leicht und unmerklich, der einflusz von lat. praesumere deutlich: 4@aa)
praesumere animo vor bey im selbs fassen Frisius
dict. (1556) 1048
b;
vgl. Jelinek 914: die nähe des schönen kindes muszte wohl in die seele des jungen mannes, der noch keine natürliche oder künstlerische physiognomie vorgefaszt hatte, einen so lebhaften eindruck machen Göthe 20, 219
W.; als dasz sie nicht daraus selbst, unterstützt durch das vorurtheil anderer, eine meinung von mir sollten vorgefaszt haben, (
die ich für unrichtig halte) Brentano (1852
ff.) 8, 165; die vorstellungen, die wir von dem groszen geiste vorgefaszt hatten Gutzkow (1872
ff.) 9, 230; was der furfast in seinem wan Folz
meisterl. 2, 2
Mayer; ob gleich ir wolfart und grosz glück all ir nachbawren neydn und hassen, vil böser stück teglich fürfassen H. Sachs 16, 265
K.-G. 4@bb)
mit beziehung auf den willen, sich etwas vornehmen, etwas planen: statuere fürfassen, fürnemen, fürsetzen Schöpper
synon. 9
a ndr.; so hab ich ... mir entlich fürgefaszt, vor einem ordenlichen gericht ... alle myne hab und güter ... minen eelichen kinderen ... zuoübergeben Hartmuth v. Cronberg 154
ndr.; (
dasz er) ihm selbst also mit abbruch der speisz für und für sein leben abzukürtzen vorgefast Kirchhof
wendunm. 2, 34
Ö.; der anschlag ward verhindert, so rathsam fürgefaszet war Liliencron
hist. volkslieder 4, 280. 4@cc)
das part. prät. in attributiver verwendung, auch auf stimmungen, gefühle bezogen: in den gemüthern vorgefaszt,
anticipatus mentibus Steinbach 1, 416; vorgefaszte liebe Adelung;
in neutralem sinne auch im nhd. anwendbar: würde er ... seine vorgefaste anschläg andern Kirchhof
milit. discipl. (1602) 12; etwan vorgefaszten zorn Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 550; eine vorgefaszte neigung, die unsre liebe Sophie in ihrem herzen nährt S. v. Laroche
gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 17; meinen ganzen vorgefaszten widerwillen A. G. Meiszner
skizzen (1778
ff.) 1, 72; keine vorgefaszte achtung gegen die vollkommenste actrice ersetzt diesen übelstand Sturz (1779
ff.) 2, 177; das schicksal besteht ... noch weniger in einem vorgefaszten plane eines selbstbewuszten wesen Solger
vorles. über ästhetik (1829) 140; welcher die vorgefaszte absicht der zurückhaltung nicht lange durchsetzen konnte Laube (1875
ff.) 2, 94; der vorgefaszte böse wille Kürnberger
siegelringe (1874) 178; mit vorgefaszten entschlüssen treten zumeist seine menschen auf die bühne Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886
ff.) 1, 288; die furcht verzagte bald den vorgefaszten muth Gottsched
dt. schaubühne (1741
ff.) 1, 11. 4@dd)
die verschlimmerung des begriffes tritt am deutlichsten in der fest gewordenen verbindung mit meinung
ein: praesumpta opinio ein vorgefaszte meinung, namlich vor erkannter sach Frisius
dict. (1556) 1048
b; eine vorgefaszte meinung, '
eine meinung, welche man angenommen, ehe man noch ihre richtigkeit untersucht hat, ein vorurtheil' Adelung;
die verbindung ist in gleichem sinne ins dän. übernommen, forefattet mening: (
aus) ungegründter, vorgefaszter opinion Dannhawer
catech.-milch (1657
ff.) 1, 381; von der einbildung oder vorgefasten eingebildeten meynung der menschen Schupp (1663) 2
a; hier aber sind wir nicht von einer vorgefaszten meinung eingenommen Wolff
vernünftige ged. v. gott (1720) 162; eine hochmüthige und vorgefaszte meynung von sich selbst Scheibe
d. crit. musicus (1745) 13; er betrachtet alles durch das gefärbte glas seiner vorgefaszten meinungen Lessing 2, 116
M.; doch wir wollen ohne vorgefaszte meinung lesen Herder 3, 95
S.; wir konnten ... jede art von vorgefaszter meynung, durch eine anhaltende prüfung, berichtigen Göthe IV 12, 8
W.; ich habe keine vorgefaszte meinung, sondern will die wahre meinung erst suchen Fichte (1845
ff.) 2, 231; frei von vorgefaszten meinungen W. v. Humboldt (1903
ff.) 1, 405; (
politische interessen,) für die ich bei dem herrn entweder kein verständnisz oder eine vorgefaszte meinung vorfand Bismarck
ged. u. erinn. 2, 319
volksausg.; weil dieses edle par mich ganz und gar von vorgefaszter meynung abgedrungen Richey
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721
ff.) 2, 105; alles verdammt ihn. sein schwert, zum glück in deiner hand gelassen ... die vorgefaszte meinung seines vaters Schiller
Phädra 3, 3. 4@ee)
in gleicher ungünstiger bedeutung mit anderen subst. verbunden: sintemal sein vorgefaster wahn ihn so sehr blendet Butschky
Pathmos (1677) 204; nur habe kein vorgefasztes system Herder 17, 362
S.; sehen sie selbst zu, ob ihre vorgefaszten begriffe etwa ... auf das passen, was sie werden erfahren haben Knigge
roman meines lebens (1781) 1, 264; höchst schädliche vorgefaszte vorurtheile und irrthümer Göthe IV 26, 333
W.; um sich durch vorgefaszte sophismen verblenden zu lassen Platen 3, 261
R.; bis es dem herrn papa belieben werde, von der vorgefaszten idee zurückzukommen Gaudy (1844
ff.) 11, 84; ein von hause aus mit ... verworrener lectüre, vorgefaszten bildungselementen ausgestatteter kopf wie Gervinus Gutzkow (1872
ff.) 12, 362; ein fortgesetztes, von aller vorgefaszten oder angelernten malerweise befreites studium der natur Stifter (1901
ff.) 14, 214; dämpft aber creuz und pein den vorgefaszten wahn, so sieht man sonnenklar: die welt sey eine spinne Hoffmannswaldau
u. anderer Deutschen ged. (1697
ff.) 5, 292. 4@ff)
alleinstehendes part. prät. im n. substantiviert: das rechte will oder kann nicht an den tag, nur vorgefasztes, gleisznerisches oder tückisches Varnhagen v. Ense
tageb. (1861
ff.) 1, 69. 55)
vereinzeltes; Herder
braucht in folgender stelle das part. prät. von einer person, die voreingenommen
ist, eine vorgefaszte meinung
hat: (
weil) für den vorgefaszten auch hundert zeugnisse nicht genug seyn werden, so wollen wir papier und worte sparen 25, 313
S. —
ebenso ungewöhnlich vorgefaszt sein,
vorbereitet, in erwartung sein (
wie gefaszt sein): anno 17 hat es auch denen drüben gegolten; mögen sie auf alles vorgefaszt sein Storm (1899) 7, 151.