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vorfassen

nhd. bis Lex. · 4 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

vorfassen verb.

Bd. 26, Sp. 1027
vorfassen, verb. , älter fürfassen, s. dieses th. 4, 1, 1, sp. 726; mhd. vürvazzen Lexer 3, 589; vürgevazzen mhd. wb. 3, 284b; Lexer 3, 585; vürvazzen Jelinek 914; praeoccupo voreynemmen und besitzen, vorfassen, fürkommen Frisius dict. (1556) 1042b; ebenso Maaler 475b; vorfassen, vorverfassen, preconcipire Kramer teutsch-ital. dict. 1 (1700) 345b (offenbar aus unsicherem sprachgefühl); Frisch 2, 407a und Adelung verzeichnen nur das part. prät.; vorfassen in eigentlicher, sinnlicher bedeutung wird von Campe als ein 'niedriges, aber deshalb noch nicht verwerfliches' wort bezeichnet. 11) in sinnlicher bedeutung kaum gebräuchlich: 'vor etwas hin mit der hand fahren, sie vor etwas hin und daran halten' Campe; etwa räumlich mit weiter: weiter vorfassen, an einer vorwärts gelegenen stelle zugreifen. vor zeitlich, durch nach gestützt vor- und nachfassen. 22) mhd. vürvazzen, vürgevazzen, vor sich nehmen, in freieren wendungen: swen er gevazte vür, der enwânde nimmer genesen Ulrich von Zatzikhoven Lanz. 3310; si begunden mit slegen einander vür vazzen Rabenschlacht 677; mit unpersönlichem subject: swen ez (das gut) alsô gevazzet vür, daz er ânet sich der beider (gottes und der ehre) ê, dann er daz eine gar verkür Winsbeke 29, 9 H. 33) ganz vereinzelt im nhd. in übertragenem sinne von vorgreifen: ich will nicht vorfassen Hippel lebensl. (1778 ff.) 1, 220. 44) innerlich etwas voraus ergreifen; sich vorstellen, sich einen begriff von etwas machen, wobei vor einen zeitlichen sinn hat; dann auch im voraus einen entschlusz fassen (es folgen hier auch einige ergänzende belege mit für); schon bei diesen anwendungen tritt oft das part. prät. auf. der sinn ist zunächst ganz neutral, aber der übergang zur ungünstigen vorstellung, die der begründeten auffassung vorauseilt, ist leicht und unmerklich, der einflusz von lat. praesumere deutlich: 4@aa) praesumere animo vor bey im selbs fassen Frisius dict. (1556) 1048b; vgl. Jelinek 914: die nähe des schönen kindes muszte wohl in die seele des jungen mannes, der noch keine natürliche oder künstlerische physiognomie vorgefaszt hatte, einen so lebhaften eindruck machen Göthe 20, 219 W.; als dasz sie nicht daraus selbst, unterstützt durch das vorurtheil anderer, eine meinung von mir sollten vorgefaszt haben, (die ich für unrichtig halte) Brentano (1852 ff.) 8, 165; die vorstellungen, die wir von dem groszen geiste vorgefaszt hatten Gutzkow (1872 ff.) 9, 230; was der furfast in seinem wan Folz meisterl. 2, 2 Mayer; ob gleich ir wolfart und grosz glück all ir nachbawren neydn und hassen, vil böser stück teglich fürfassen H. Sachs 16, 265 K.-G. 4@bb) mit beziehung auf den willen, sich etwas vornehmen, etwas planen: statuere fürfassen, fürnemen, fürsetzen Schöpper synon. 9a ndr.; so hab ich ... mir entlich fürgefaszt, vor einem ordenlichen gericht ... alle myne hab und güter ... minen eelichen kinderen ... zuoübergeben Hartmuth v. Cronberg 154 ndr.; (dasz er) ihm selbst also mit abbruch der speisz für und für sein leben abzukürtzen vorgefast Kirchhof wendunm. 2, 34 Ö.; der anschlag ward verhindert, so rathsam fürgefaszet war Liliencron hist. volkslieder 4, 280. 4@cc) das part. prät. in attributiver verwendung, auch auf stimmungen, gefühle bezogen: in den gemüthern vorgefaszt, anticipatus mentibus Steinbach 1, 416; vorgefaszte liebe Adelung; in neutralem sinne auch im nhd. anwendbar: würde er ... seine vorgefaste anschläg andern Kirchhof milit. discipl. (1602) 12; etwan vorgefaszten zorn Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 550; eine vorgefaszte neigung, die unsre liebe Sophie in ihrem herzen nährt S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 17; meinen ganzen vorgefaszten widerwillen A. G. Meiszner skizzen (1778 ff.) 1, 72; keine vorgefaszte achtung gegen die vollkommenste actrice ersetzt diesen übelstand Sturz (1779 ff.) 2, 177; das schicksal besteht ... noch weniger in einem vorgefaszten plane eines selbstbewuszten wesen Solger vorles. über ästhetik (1829) 140; welcher die vorgefaszte absicht der zurückhaltung nicht lange durchsetzen konnte Laube (1875 ff.) 2, 94; der vorgefaszte böse wille Kürnberger siegelringe (1874) 178; mit vorgefaszten entschlüssen treten zumeist seine menschen auf die bühne Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886 ff.) 1, 288; die furcht verzagte bald den vorgefaszten muth Gottsched dt. schaubühne (1741 ff.) 1, 11. 4@dd) die verschlimmerung des begriffes tritt am deutlichsten in der fest gewordenen verbindung mit meinung ein: praesumpta opinio ein vorgefaszte meinung, namlich vor erkannter sach Frisius dict. (1556) 1048b; eine vorgefaszte meinung, 'eine meinung, welche man angenommen, ehe man noch ihre richtigkeit untersucht hat, ein vorurtheil' Adelung; die verbindung ist in gleichem sinne insn. übernommen, forefattet mening: (aus) ungegründter, vorgefaszter opinion Dannhawer catech.-milch (1657 ff.) 1, 381; von der einbildung oder vorgefasten eingebildeten meynung der menschen Schupp (1663) 2a; hier aber sind wir nicht von einer vorgefaszten meinung eingenommen Wolff vernünftige ged. v. gott (1720) 162; eine hochmüthige und vorgefaszte meynung von sich selbst Scheibe d. crit. musicus (1745) 13; er betrachtet alles durch das gefärbte glas seiner vorgefaszten meinungen Lessing 2, 116 M.; doch wir wollen ohne vorgefaszte meinung lesen Herder 3, 95 S.; wir konnten ... jede art von vorgefaszter meynung, durch eine anhaltende prüfung, berichtigen Göthe IV 12, 8 W.; ich habe keine vorgefaszte meinung, sondern will die wahre meinung erst suchen Fichte (1845 ff.) 2, 231; frei von vorgefaszten meinungen W. v. Humboldt (1903 ff.) 1, 405; (politische interessen,) für die ich bei dem herrn entweder kein verständnisz oder eine vorgefaszte meinung vorfand Bismarck ged. u. erinn. 2, 319 volksausg.; weil dieses edle par mich ganz und gar von vorgefaszter meynung abgedrungen Richey bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721 ff.) 2, 105; alles verdammt ihn. sein schwert, zum glück in deiner hand gelassen ... die vorgefaszte meinung seines vaters Schiller Phädra 3, 3. 4@ee) in gleicher ungünstiger bedeutung mit anderen subst. verbunden: sintemal sein vorgefaster wahn ihn so sehr blendet Butschky Pathmos (1677) 204; nur habe kein vorgefasztes system Herder 17, 362 S.; sehen sie selbst zu, ob ihre vorgefaszten begriffe etwa ... auf das passen, was sie werden erfahren haben Knigge roman meines lebens (1781) 1, 264; höchst schädliche vorgefaszte vorurtheile und irrthümer Göthe IV 26, 333 W.; um sich durch vorgefaszte sophismen verblenden zu lassen Platen 3, 261 R.; bis es dem herrn papa belieben werde, von der vorgefaszten idee zurückzukommen Gaudy (1844 ff.) 11, 84; ein von hause aus mit ... verworrener lectüre, vorgefaszten bildungselementen ausgestatteter kopf wie Gervinus Gutzkow (1872 ff.) 12, 362; ein fortgesetztes, von aller vorgefaszten oder angelernten malerweise befreites studium der natur Stifter (1901 ff.) 14, 214; dämpft aber creuz und pein den vorgefaszten wahn, so sieht man sonnenklar: die welt sey eine spinne Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. (1697 ff.) 5, 292. 4@ff) alleinstehendes part. prät. im n. substantiviert: das rechte will oder kann nicht an den tag, nur vorgefasztes, gleisznerisches oder tückisches Varnhagen v. Ense tageb. (1861 ff.) 1, 69. 55) vereinzeltes; Herder braucht in folgender stelle das part. prät. von einer person, die voreingenommen ist, eine vorgefaszte meinung hat: (weil) für den vorgefaszten auch hundert zeugnisse nicht genug seyn werden, so wollen wir papier und worte sparen 25, 313 S.ebenso ungewöhnlich vorgefaszt sein, vorbereitet, in erwartung sein (wie gefaszt sein): anno 17 hat es auch denen drüben gegolten; mögen sie auf alles vorgefaszt sein Storm (1899) 7, 151.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Vorfassenv., intrs, trs

    Campe (1807–1813) · +1 Parallelbeleg

    Vorfassen , v. I) intrs . 1) Х Vor etwas hin mit der Hand fahren, sie vor etwas hin und daran halten. 2) I uneigentliche…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    vorfassen

    Goethe-Wörterbuch

    vorfassen [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Vorfassen

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Vorfassen , s. Alpenwirtschaft .

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vor+fassen

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Cotta, M. (2026). „vorfassen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 20. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/vorfassen/dwb?formid=V12830
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Cotta, Marcel. „vorfassen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/vorfassen/dwb?formid=V12830. Abgerufen 20. May 2026.
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Cotta, Marcel. „vorfassen". lautwandel.de. Zugegriffen 20. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/vorfassen/dwb?formid=V12830.
BibTeX
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