vollstimmig,
adj. ,
symphoniacus Stieler 2169;
plenis vocibus Steinbach 2, 705;
mit vollen, d. i. allen gehörigen stimmen Adelung; Campe;
das wort ist mehrdeutig und kann in sehr verschiedener weise gebraucht werden. 11)
nicht mehr üblich in technisch-musikalischem sinne für polyphon, d. h. einem satz von selbständig geführten stimmen; oder freier (
s. weiter unten)
vom quartettsatz überhaupt: figural, in der tonkunst (vollstimmig) Kinderling
reinigk. d. deutsch. spr. (1795) 267; die melodien waren noch simple und mehr v. als cantable Baron
instrument d. lauten (1727) 64; mancher elender notenklecker (
würde) wenig mühe haben, eine vollstimmige fuge zu verfertigen Scheibe
d. crit. musicus (1745) 481; bei einer vollstimmigen musik aber ist dem violoncellisten ganz und gar nicht erlaubt, willkührlich etwas zuzusetzen Quantz
anweisung d. flöte zu spielen 214.
gewöhnlich in freierem sinne von reicher mehrstimmigkeit; es kann auch die mannigfaltigkeit der klänge betont sein oder auch die stärke der klangmasse von instrumenten, die auf mehrstimmigkeit eingerichtet sind: lieder, in ein positiv, clavicimbel, theorbe oder anderes vollstimmiges instrument zu singen gesetzt
ged. d. Königsb. dichterkreises 1
ndr.; (
die sonne) fieng an in ihre vollstimmige leyer nachfolgende reymen zu singen Lohenstein
Arminius 1, 1397
a; auf einer orgel, claviere, oder anderen vollstimmigen instrumente Sperander (1727) 275
b. vollstimmiges orchester,
entweder ein orchester, das alle normaler weise erforderlichen instrumente vereinigt, oder aber ein stark besetztes; das orchester ist v. besetzt.
in allgemeiner anwendung auf musikalischen satz, instrumentenspiel und gesang; in älterer sprache auch im sinne von mehrstimmig oder vom quartettsatz: vollstimmige musik,
musica piena, compita, à tutte le voci Kramer 2 (1702), 1211
a; der musikliebende wisse, dasz dieser actus bey wehrender fürstl. tafel mit vollstimmiger musik ... abgehandelt worden Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 180; was der generalbasz sey? nichts andres als beziefferte grundnoten, die einen vollstimmigen (=
harmonischen) zusammenklang andeuten Mattheson
kl. generalbaszschule (1735) 40; die güte und reinigkeit der nebenstehenden vierstimmigen
d. i. vollstimmigen satzes
vollkomm. capellm. (1739) 267; sie (
instrumente) gehörten zur vollstimmigen musik der freudenrüffe und tempelpsalmen Herder 12, 248
S.; ein vollstimmiges conzert war ... bestellt Göthe
br. 5, 340
W.; in einer sehr vollstimmigen musik, worin, wie etwa in der fuge, ein gewühl von melodien gleichzeitig durcheinander fuhr Herbart 6, 144
Hartenstein; (
dagegen von der energie des klanges:) ein tedeum oder doch zum wenigsten einen vollstimmigen janitscharentusch Hebbel 10, 266
W.; wie mehrstimmig: dasz wir dann ... unsere übungen v. unternehmen können ... dann können wir schon manches terzett besetzen Körner
w. 4, 213
H.; auf einer einzigen geige rauscht er vollstimmig, als wie ein concert Zachariä
poet. schr. (1763
ff.) 3, 126.
zusammenklang der glocken: von böllerschüssen und vollstimmigem glockengeläut angekündigt Hebbel
br. 5, 28
W. —
thierstimmen: der gesang der vögel, so mit vollstimmigen zwitschern unglaublicher liebligkeit die ankunfft eines neuen tages verkündigten Bastel v.
d. Sohle
Harnisch aus Fleckenland (1648) 93;
frei: unter vollstimmigen ästen (
auf denen vögel sangen) Jean Paul 7/10, 124
H.; drauf folgt die sämtliche gemeine (
frösche), und machen ein vollstimmig chor Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727
ff.) 2, 138. 22)
auf das sprechen bezogen; vom zusammenklingen vieler stimmen, die das gleiche sagen, besonders, soweit es sich um zustimmung, urtheil u. ä. handelt; das adj. kann dann auch auf den sinn oder die wirkung der worte bezogen werden: vollstimmige wahl,
elettione à tutte voci Kramer 2 (1702), 1211
a; madam verlangte ... ein vollstimmiges ja zur heirath Hippel
kreuz- u. querzüge (1793ff.) 1, 87; vollstimmige meinung
über d. ehe (1792) 104; das 'schuldig' ward v. ausgesprochen Holtei
erz. schr. 4, 225. —
von reichem klange: aus der glücklichen wahl der ausdrückungen, und aus dem vollstimmigen wohlklange aller sätze
d. neuesten aus d. anm. gelehrs. 2, 78. —
von einem einzelnen laut: das h als ein hauch- und kein vollstimmiger buchstab Harsdörfer
poet. trichter (1647) 2, 17. —
in freier übertragung: subjekte, die aus sich handeln, vollstimmige individua Herder 3, 103
S.; wenn nicht aus eignem frohen triebe die lebendigen in ihr (
der welt) zusammenwirkten in ein v. leben Hölderlin
ges. dicht. 2, 187
Litzmann. —