vielgeliebt, '
von vielen geliebt, wie auch sehr geliebt' Campe: der vielgeliebte
in der fruchtbringenden gesellschaft ist Moriz graf von Bentheim Neumark
neuspross. palmbaum (1668) 387; die ewige unmündigkeit Ludwig des vielgeliebten (
bien aimé) folgte Herder 17, 243.
die zusammensetzung ist fest und wird sehr viel gebraucht, meist so, dasz viel
den grad des geliebtseins bezeichnet. in älterer sprache wird es auszerordentlich oft in der anrede gebraucht, zunächst unter verwandten, näheren und ferneren, dann auch überhaupt um ein innigeres verhältnis zu bezeichnen, z. b. das des predigers zur gemeinde, das des untergebenen zum herrn, das der liebenden, des autors zu den lesern u. s. w.: gestrenger, edler und ehrenvester herr, vielgeliebter juncker Ringwaldt
handbüchlin A 2 a; günstiger, vielgeliebter leser Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 3
neudr. in Christo vielgeliebte herren und brüder J. Böhme
schriften (1620) 6, 202; vielgeliebte hh. brüder Harsdörffer
frauenz. gesprechspiele (1641) 5, 181; ihr vielgeliebte herrn und freunde Rist
friedew. Teutschland (1648) 45; euch, meine vielgeliebte Marianer Dannhawer
catechismus milch (1657) 5, 748; vielgeliebte schwester, ihr redet Bucholtz
Herkuliskus (1665) 1083; meine vielgeliebte Göthe IV 4, 139
Weim.; vielgeliebte hausjungfer! wie geht's Meisl
theatr. quodlibet (1820) 3, 66; nun leb wohl mein vielgeliebtes herz Bismarck
briefe a. s. braut 141; mein insonders vielgeliebter bruder Fontane I 1, 17; ihr vielgeliebtes par, die jhr die enge strasze ... solt gehen Opitz
teutsche poemata 68
neudr.; wenn, vielgeliebter freund! dein diener wissen könt' Zinzendorf
teutsche ged. (1766) 166.
als anrede an geringere: die geringen nennet man vielgeliebte, vielwerthe, geliebte hn. sich selbst nennet man wohl - affectionirt Weise
polit. redner (1677) 199. vielgeliebt
verbindet sich auch auszerhalb der anrede besonders gern mit verwandtschaftsnamen, vor allem mit sohn;
auch bei anderen verbindungen wirkt der gebrauch der anrede nach: an seinen vielgeliebten sohn Anton ... als er auff der universität studiret Schupp (1663)
register; Deutschlands gröszter dummkopf, pabst Pius des sechsten vielgeliebter sohn Zimmermann
über d. einsamk. 2, 497; (
gott wollte) in seinem vielgeliebten sohn das antlitz zu uns neigen Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 33. da steh ich schon, des chaos vielgeliebter sohn Göthe 15, 154
Weim.; hand in hand mit einem theuren vielgeliebten sohn der jugend rosenbahn zurück zu eilen Schiller 5, 74; (
ich) zweifle auch nit, es werde derselbe meinen vielgeliebten herrn bruder bescheiden
verh. d. schles. fürsten und stände 8, 46; wie übel habt ihr .. bey meinem .. vater, mutter und vielgeliebten brüdern gethan
volksb. v. geh. Siegfried 64
neudr.; meinem vielgeliebten bruder Jeronymo Schiller 4, 248; diese beide .. meine vielgeliebte und geehrte herren schwägere und gevattern Moscherosch
insomnis cura parentum 7
neudr.; meinen vater, ihren vielgeliebten eheherrn Hippel
lebensläufe (1778) 1, 254; meinen vielgeliebten herrn patron Ayrenhoff (1814) 4, 286; an werthgeschätzte vielgeliebte personen Göthe IV 32, 150
Weim.; seinen vielgeliebten zuhörern .. miszfällig zu werden Gaudy 13, 18; nun! wohl bekomm' es meinen vielgeliebten gästen Schiller 13, 84.
freiere anwendung: (
ich griff) nach den vielgeliebten gewelkten pflaumen Göthe 21, 22
Weim.; o die vielgeliebten, schwebenden webenden wolken Stifter (1901) 1, 220; flachs oder lein, wird sonsten genannt der weiber vielgeliebter märtyrer Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 545 (
vgl. unten vielgeplagt).
auf örtliches bezogen: so habe ich mich um niemand anders, als mein vielgeliebtes deutsches vaterland bekümmert Hippel
über die ehe (1774) 224; schlenderte .. wieder auf den vielgeliebten platz Göthe III 1, 221
Weim.; nach seinem vielgeliebten Tegel Hebbel I 10, 179
Werner; da ich regier Bavariam, mein vilgeliebtes patriam
lieder a. d. winterkönig 211
Wolkan; zu den vielgeliebten stellen zeugen himmlischer vergnügen Göthe 1, 51
Weim.; wenn um die vielgeliebte ecke .. der schritt mich trägt Körner 2, 43
Hempel. das part. allein, wie der geliebte, die geliebte,
besonders im engeren sinne: dasz sie jhren buhlschafften und vielgeliebten so frembde heidnische nahmen geben Schill
teutsch. sprach ehren kranz (1644) 63; sie folgte, den bogen in ihrer hand, dem vielgeliebten zur schlacht Bürger 279
a Bohtz; mit seiner vielgeliebten Göthe 21, 86
Weim.; zwei mädchen suchen mit angst und sorgen, die vielgeliebten zurück zu finden 11, 307; ostwind! geh zur vielgeliebten, sag ihr Rückert (1867) 5, 274.
das pron. poss. in volksthümlicher weise nachgestellt: Jesu vielgeliebter mein Spee
trutznacht. (1649) 101; das wird sich bei dir ändern, du vielgeliebte mein Heine 1, 84
Elster. verbal: den noch immer vielgeliebten Holtei
erz. schr. 20, 26. vielgeliebt,
von vielen geliebt: die vielgeliebte, vielumworbene tochter Dahlmann
gesch. v. Dänemark 2, 380; Dankmar war, sonst vielgeliebt, selbst eher kalt gegen die frauen Gutzkow
ritter v. geiste 2, 249; einen so vielliebenden und vielgeliebten helden (
Wilhelm Meister) Scherer
kl. schriften 1, 678; da habt ihr in der breite gleich gewonnen, ihr seid ein vielgeliebter mann Göthe 14, 11
Weim. dem sinne von vielbeliebt
nahe: einem vielgeliebten wundarzt Auerbach (1892) 9, 28.
eigenthümlich in der folgenden stelle, adverbial und gesteigert, im sinne von viel lieber: wer ist der ungehewr, wellicher zu sommerszeit im groszen durst nicht vielgeliebter ein guten trunck .. wirdt .. einnemmen Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 625. —