verzürnen,
vb. ,
zu zürnen (
s. d.);
seit mhd. zeit bis in die gegenwart belegt, in moderner sprache fast nur reflexivisch. md. verzornen,
nd. vertornen,
mit umlaut verzörneten
bei Luther 52, 579
W. zum lexikalischen vorkommen vgl. offendere vertuernen
voc. lat.-germ. (
nd. 1420)
bei Diefenbach
gl. 394
a; vertzurnen
commovere, iratum facere voc. (1482) kk 3
a;
exacerbare vertornen, gram maken
gemma gemmarum (
Köln 1512) H 2
b; erzürnen
et nonnunqvam verzürnen
active et passive usurpatur Stieler
stammb. (1691) 2317;
auch bei Heyse 2, 2, 1661
gebucht. 11)
bereits im mnd. und angrenzenden md. in transitiver verwendung, jem. erzürnen, ärgerlich machen; am häufigsten im 16./17.
jh.; im 18.
jh. nicht nachweisbar, und im 19.
jh. literarisch auffallender weise nur in mundartnaher dichtung: swe so in vertornde, dat vergat he, unde vianscaf ne dachte he nimmer
sächs. weltchron. 103, 10; durch sunde mot wi id dulden, wente wi dicke vortornen god und overtreden sin gebot
Magdeb. schöppenchron. (
um 1360)
in: städtechron. 7, 5; wante er hatte den keysser zumale verczornet Wigand Gerstenberg
chronik 139
Diemar; dat it was ein jonffer, de plach ir moder duck (
oft) zo verzoirnen unnd bedroeven und si was da bi van harden sinnen, dat si ir mader neit bidden enwolde, dat si it ir vergeve, dat si si duck verzoirnt hedt (
Köln 15.
jh.)
bei Frommann
dt. maa. 1, 212; also wan de to Brunswick ock vortornet werden, so straffen se unbarmhertliken
schichtbuch (
Braunschw. 1514)
in: städtechron. 16, 451; ich frag dich welchs mehr auff sich hot menschen verzürnen odder gott Agricola
musica instrum. 148
Eitner; wenn dieselben (
die menschen) verzrnet werden, so haben sie die unart an sich, das sie es nicht kOennen wider vergessen Rhot
Jesus Sirach (1587) 1, 241
a; diese älteste hat mich in früheren jahren mit zwei dingen sonderbar verzürnt Huber in:
leben u. br. e. dt. frau 67
Geiger; ... willst me du oh no' verzürna'?
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 263; es thät mich ... verzürnen, wenn sie mit einem andern ging B. Auerbach
schr. (1892) 9, 215.
lat. offendere wiedergebend: (
der papst) hatt auch ... botschaften allezeit an iren (
d. weltl. fürsten) höfen ... und sie (die herrn) widerumb an seinem hoff, denn es gilt hie, welcher der nechst am brett bei im (
dem papst) sein mög, unkeck, das sie ihnen drfften verzörnen (
summoque studio cavent, necubi offendant) Sleidanus
reden 65
lit. ver. sich verzürnen
in reflexiver sonderverwendung: nemet vp de straffe williglick, dat sick nicht vortörn de here
bei Wackernagel
dt. kirchenlied (1864) 3, 101; und sorg, dasz er sich net verzürne muesz Auguste Supper
holunderduft (1910) 58.
das part. prät. verzürnt,
adjektivisch verselbständigt für '
verärgert, ergrimmt (
auf jem.): sy hetten sich gerne mit den finden geslagen, wann sy worn gancz uff sy erhitczt vnnd vor czornt Stolle
thüring. chron. (
um 1500) 199
lit. ver.; sie lief zu ihrem mann hin und ihr dünnes, schwaches händchen auf des verzürnten hüfte, ... versucht sie ... mit ihm schritt zu halten E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1909) 1, 201; mein schatz ist verzürnet A. v. Arnim
s. w. 17 (1846) 453.
bei Wencel Scherffer
auch verzürnter winkel
für den winkel, in den man sich schmollend und grollend zurückzieht: schelme, dieb, bOesewicht (
Cupido), komm herab minkeln (
essen), heb dich aus deinen verzürneten winkeln
ged. (1652) 413. 22)
sporadisch seit dem 16.
jh. in reflexivischer verwendung '
sich mit jem. veruneinigen, streiten, zanken, mit jem. in feindschaft geraten': die verzrneten sich mit jhm vmb erlittenen schaden Hennenberger
erclerung d. preusz. landtaffel (1595) 75; darüber wir vns den verzürnet, weil er meinet dass ich einen falschen seckel gemacht hette
engl. comödien u. tragedien (1624) R 5
a; ehr-geitzige verliebte vertragen sich des tages zwanzigmahl, aber sie verzürnen sich auch wieder zwanzigmahl miteinander Thomasius
v. d. artzenei wider d. unvernünnft. liebe (1696) 225; ihr Berliner jedoch seyd mir die wunderlichsten leute, ihr schmaust und trinkt und verzürnt euch unter einander, so dasz mord und todschlag im augenblick ... daraus entspringen müszte Göthe IV 40, 217
W.; lasz mich zufrieden — oder wir verzürnen uns Lenz
ges. schr. 1, 26
Tieck; da hause er ..., von allen göttern entfernt und mit ihnen verzürnt Varnhagen v. Ense
Rahel (1834) 2, 31; wir haben uns fast verzürnt euretwegen, er und ich Holtei
erz. schr. (1861) 11, 366; ich glaube nur, dasz man alles anwenden musz, um sich nicht von vornherein mit Österreich militärisch zu verzürnen Gerlach
briefw. m. Bismarck (1893) 92.
im nd.: lange reis' gift gnurrig volk, sä de kaptein, wer den dag in see west, harr'n de katt un de hund sik vertörnt Lüpke
seemannsspr. (1900) 12. 33) '
mit zürnen hinbringen, verderben': um ... sein dasein zu verzürnen und zu verseufzen Raabe
d. leute a. d. walde (1863) 2, 60.
auch: wöllen nicht zu tisch sitzen, sondern verzürnen die mahlzeit vnd schmollen, so sie doch zuuor nit wol, oder kaum das trewge brodt zu essen gehabt Glaser
gesind teuffel in: theatr. diabol. (1569) 283
a. 44)
bei Luther
auch 'zürnend
verschmähen': die andern Israeliten die woltens (
d. neue testament) nicht annemen, verschmahet jhnen solch gering ding, haben also das essen verzrnet und die freude vermeulet Luther 53, 621
W.; also verzrnen die jüden das ewige leben und wOellen mit uns heyden nicht gleich sein
ebda 52, 139. 55)
mhd. und frühnhd. '
aufhören zu zürnen': do het verzurnet der reiche got vnde wolte vber der werlte not, vber vns vil armen sich genedichlich erbarmen priester Wernher
Maria A 2099
Wesle; ob er wider dich iht habe getân, des solt du zürnen niht ... und swenne er verzürnet hât, sô strâf in an der stunde mit lachendem munde Reinfried v. Braunschweig 11 636
B.; als aber zu letst die ROemer verzrneten, do namen sie den babst widerumb zu gnaden G. Alt
buch d. chronicken (1493) 235
b; din bruder tröwt dich ze tötind, darum far zuo minem bruder Laban in Mesopotaneam, bisz din bruoder verzrn
dt. historienbibeln d. mittelalt. 1, 162
Merzdorf; ich wil zuo Barben geen, ob sy hab vertzürnet Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) Z 2
b.