verwüten,
vb. ,
wüten, toben, austoben; aufhören zu wüten. mnd. vorwoten, vorwoden;
mnl. verwoeden;
mhd. verwüeten.
seit ende des 12.
jhs. belegt;
vgl. mhd. wb. 3, 536; Lexer 3, 314;
literarisch seit dem 17.
jh. kaum noch üblich, vgl. verwüthen ...
ein im hochdeutschen seltenes wort Adelung 4 (1780) 1573.
ältere lexikalische nachweise: insolescere verwoden (14.
jh. nl.)
bei Diefenbach
gl. 301
b;
sevire verwoeden
vel wreit wesen (16.
jh. nrh.)
ebda 531
b (
weiteres s. u.).
in heutiger mundart selten (
s. u.). 11)
in höchste wut geraten oder sich in dieser gemütsverfassung befinden, toben, rasen; von sinnen sein oder werden (
vgl. ver- III 4).
mhd. geläufig: lîhte ein unwîser man verwüete von sorgen der ich menge hân
minnesinger 1, 95
a Bodmer-Breitinger; das es (
das gemälde) sein kraft vnd artlichait nicht allain wend zur zartlichait, sonder zu vnterricht dem gmt, das es im finstern nicht verwüt Fischart
s. dicht. 2, 278
Kurz. sich nach etwas sehnen, verzehren: min gemüete ist worden krank; ich verwüete nah ir güete ane allen dank Otto v. Botenlauben
in: minnesinger 1, 30
v. d. Hagen. auch reflexivisch: jan ruoche ich ob der boume gruot immer mêre grüete, dune genâdest mir und sîst mir guot durch wîpliche güete — nâch dir hân ich mich verwuot — ê ich gar verwüete Hartmann v. Aue
büchlein 1795; swer dich mit gute wil vz lesen, in deme bistu mit gute, swer aber sich virwute vnde ist mit gute balt, da ist mit rache din gewalt
passional 2, 16
Hahn. mnd. '
von sinnen werden': he sprak to Pilatus: ik bidde di so rechte sere, dat we Jhesum graven moten, sin schone moter wel vorwoten, den jamer unde dat herteleit de is so grôt
bei Schiller-Lübben 5, 511
b.
dazu das part. prät. im sinne von '
wütend, zornig, rasend, auszer sich' (
vgl. dazu oben verwüt): an der rede (
liebeswerbung) Scylla vlô. des was er sus verwûtet dô, daz er vûr sâzuhant, da er die gotin Circê vant Albrecht v. Halberstadt
Ovid 32, 522
B.; dese wreede brut (
die göttliche weisheit) hanteerde ere verwoedede wreetheyt tegen my
bei Schiller-Lübben 5, 511
b. 22)
von der bedeutung '
bis zum äuszersten toben, sich austoben' (
vgl. ver- III 4)
dann auch '
aufhören zu wüten, dem wüten ein ende machen',
und in diesem sinne bereits mhd. gebräuchlich, lexikalisch von 1556
bis um 1800,
literarisch sporadisch bis ins 16.
jh., später vereinzelt belegt, vgl. exœuio ... ausztoben, auszwten, verwten, von dem wten vnd zorn abston Frisius
dict. (1556) 491
b;
desaevio, ... item sœvire desino ... ital. cestare d'essere crudele, germ. verwten, von dem wten ablassen Calepinus
XI ling. (1598) 403
b; verwüten, ausswüten, dess wütens ein ende machen
faire vne fin de rager, far fine di lussuriare Hulsius-Ravellus (1616) 361
b; die vierdte (zeit) ist das abnehmen der kranckheit,
πορακμή oder declinatio genannt, wann die kranckheit verwütet hat und der krancke ohne gefahr ist, denn kein krancker stirbet in dem abnehmen seiner kranckheit Blancard
med. wb. (1710) 7; Aler
dict. (1727) 2, 2036
b; verwüten
aufhören zu wüten Voigtel
wb. (1793) 3, 547
b.
sich austoben: wolan, ich gib das zuo der juget; die muosz verwten, als man sagt. doch hoff ich, wan er basz ertagt, so werd er von seim wAesen kern Wickram
w. 5, 169
lit. ver.; auch 2, 21; bisz letztlich pfaffen, mOench vnd nunnen gar ausz dem spittel seind entrunnen vnd liessen recht die sauw verwten, weil sies jn mochten nicht verbieten Fischart
w. 2, 454
Hauffen; bind jme (
dem rosz) alle vieren, lass also verwüetten Seutter
hippiatria (1588) 75; dann in solchen zufällen begibt sich offtmals, dasz nit müglich zu stellen ist mit keinen artzneyen, sondern musz verwüten vnd versausen Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 34
A Huser; so hat, dasz seine (
des aprils) wuth sich doch verwüthe, die er durch wiesenthal und waldesklüfte nicht üben will, sein grimm in andre grüfte sich hergeflüchtet hier in mein gemüthe Rückert
ges. poet. w. (1867) 2, 304
mehr in der bedeutung '
aufhören zu wüten': dann ich hab ghandelt unbedacht, nach reizung meines jungen blut, das noch in mir nit hat verwut
Teuerdank 280
G.; als er aber verwtet vnd ausz seiner jugent in die manheyt gieng, fieng er an alle sein sitten zuo verendern S. Franck
Germ. chron. (1538) 257
a; als hierauff desz hertzogen zorn verwtet, unnd der neid durch das bluotvergiessen unnd verhergen nachgelassen Wurstisen
Pauli Ämilii hist. (1572) 1, 557; wann nun der neue wein verjoren vnd verwütet hat, alsdann mag man jn wol inn den keller ablassen Sebiz
feldbau (1579) 522; vnd also nach verwütten der materien folgt wider hernach die gesundtheit, also ein paroxysmus vmb den andern Paracelsus
opera (1616) 1, 493
B Huser. für die mundart gebucht bei Seiler
Basel 115
a;
als veraltet bei Fischer
schwäb. 2, 1420. 33)
vereinzelt '
aus wut, wütend, verderben': er (
der tod) betrubet vnd verwuttet dir alle dein irdische herschaft
ackermann a. Böhmen 33
Bernt.