verwehen,
v. ,
ahd. firwâen, ferwâhen Graff 1, 622;
mhd. verwæjen, verwên
mhd. wb. 3, 464; Lexer;
nhd. gemma gemmarum (1508) d 2
b; Frisius 222
b; Stieler
stammb. 2460; Kramer 2 (1702) 1280
c;
mundartl. hd. selten gebucht: schwäb. Fischer;
köln. verwihe Hönig;
häufiger ndd.: wald. ferwäjen Bauer-Collitz;
westfäl. verwaigen Woeste;
götting. verwëjen, verweien Schambach;
schl.-holst. verweihn Mensing;
nordfr. verwëîe Jensen 118;
ostfr. verweihd,
verweht Stürenburg. II.
transitiv. I@11)
im eigentlichen sinn. I@1@aa)
auseinanderwehen, durch wehen zerstreuen: ventilare, verspreiten in den wind
oder verweyen
gemma gemmarum d 2
b; abwehen, v., zer-
und von einanderwehen,
deflare, difflare, disturbare flatu, vento dissipare Stieler;
ahd.: daz stuppe dero erdo, daz ter wint ferwâhet Notker 2, 4
Piper; nhd.: damit also der staub und die spreuern ... vom wind verwähet werden Sebiz
feldbau (1579) 165; weht sanft auf ihren grüften, ihr winde! und hat ihn unwissender arm ausgegraben, den staub der patrioten, verweht ihn nicht! Klopstock
oden 1, 148; der dampf schwingt sich auff in die luft an polum, drumb wirt er auch da verweet, zerrissen und zunicht Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 127
a; wie bletter, die der wind verweht W. Spangenberg
ausgew. dicht. 144
M.; o diese freuden, guter gott, hast du, eh meine asche noch der sturm verweht, mir aufbewahrt? Schubart
sämtl. ged. 2, 46; alle gewächse ..., deren fruchtstaub seitdem über die ganze erde verweht ist Herder 17, 219
S.; die (
wolken) überläszt ein gescheidter mann dem winde, der sie zusammen geführt hat, wieder zu verwehen Göthe 38, 35
W.; wie der wind stoppeln verweht E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 286; die winde können den flugsand, woraus die dünen bestehen, stellenweis ganz verwehen G. Forster
s. schr. 3, 251; ich frage, wem gehört die frucht der saat, dem säemann, der die körner mühsam sät, dem sturmwind, der muthwillig sie verweht? Brentano
ges. schr. 6, 141. I@1@bb)
wegwehen, durch wehen an eine andere stelle oder in eine andere richtung bringen: so viel aber die fenster belangen, werden dieselbe alle, sonderlich im gemach, darinnen der kranke gelegen, auffgemachet, damit die luft herdurch gehen und das gift verwehen könne Joh. Bökel
pestordnung (1597) 23
a; wir sind ein kraut, das bald verdorrt, ein grasz, dasz itzt auffgehet, wird aber schnel von seinem ort entführet und verwehet P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 440; ich wickelte einige stücke geld in dies blatt, damit es der wind nicht verwehen sollte, und warf es hinunter Hermes
miss Fanny 1, 349; verweht sein,
von schiffen gesagt, to be driven far from the right course Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 813;
in gleichem sinne vom menschen: da du zu meiner hohen, mit erz gegründeten wohnung kamst; so hoff ich, Odysseus, dich sollen doch jetzt von der keine stürme verwehn heimfahrt Voss
Odyssee 233
B.; und der föhn hat geblasen, kein hüttlein mehr steht — wie schad um den buben, wenns auch ihn hätt verweht! Scheffel
ges. w. 2, 166 (
Ekkehard 23).
selten von einem durch den menschen, nicht durch naturkräfte bewirkten wehen: der wedel ... kann ... zum verwehen der fliegen von dem opfer gedient haben Welcker
alte denkm. 4, 139. I@1@cc)
oft ist zwischen den vorstellungen auseinanderwehen und wegwehen kaum zu unterscheiden: auch die wind verwehen sie (
die regenbögen), dieweil sie noch jung sind und nicht erstarckt Paracelsus
opera (1616) 2, 126
H.; (
scharfe winde) verwehen die witterung der färthe gar leicht Heppe
aufricht. lehrprinz 27; wenn flammen neben sich auch flammen sehn, so fängt gesammte glut noch schärfer an zu lodern, und trotzen, wenn der wind die hitze will verwehn Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. 1, 113; verwehen
von schall, stimme, worten: der wind hat verwehet, was ich gesaget
schausp. engl. comöd. 295
Creiz.; ach sollen denn die leichten winde mein nichtiges gebet verwehn? J. E. Schlegel 4, 214; und ein halb verwehtes läuten tönt vom fernen kloster her Matthisson
schr. 1, 209; ein seufzer über gräbern, halb verweht Immermann 16, 351
B.; er steht und horcht, und horcht und steht, aufs neu der wind den klang verweht A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 52; ihr helles lachen konnte nicht zu der alten dringen, denn der wind ... verwehte es in der richtung nach der stadt zu Storm 4, 208. I@1@dd)
durch wehen zerstören, selten von festen gegenständen: der wind verweht gar bald ein grüst, dran der werckman lang macht mit list Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 152
a;
gewöhnlich von blumen: creutzwurtz, otlilien, hat ein rot bluomen, die verweht der wind Alberus
nov. dict. genus f f iv
b; den subtilen duft einer blume, die der wind verweht Lichtenberg
verm. schr. 6, 351; unter weichen nachtigallenschlägen taumelten vom hohen rosenstock die verwehten blüten dir entgegen Tiedge
werke (1823) 2, 146. I@1@ee)
zuwehen, durch wehen bedecken, besonders vom schnee: Ludwig
teutsch-engl. lex. 2189; Schwan
nouv. dict. 2, 942; auch war die strasse von dem wind so gar verwehet mit dem schnee, das ich kein pan kund finden meh H. Sachs 3, 554
K.; so waren doch die wege mit tiefem schnee dermasen verwehet, dasz weil mit den schweren wägen nicht fortzukommen, wir notwendig stille liegen ... musten
acta publ. 3, 304
Palm; du siehst, es schneit, und über die nacht kanns den weg verwehen Rosegger
schr. 7, 78; der fels ist gantz mit schnee verwehet Opitz
Argenis 2, 327; es schien, als wolle er (
der sturm) alles bis zum schlot hinauf verwehen und begraben Anzengruber
ges. w. 3, 195. der wind verweht fuszspuren: da aber der weg in der folge schwerer zu erkennen war, ja wol hie und da die spuren vom winde verwehet ... waren Brentano
Godwi 2, 33; es ritt ein reiter die strasze hinaus, die spur verwehte der wind Chamisso 3, 168.
ungewöhnlicher: eine von wind verwehete grube v. Fleming
teutsche jäger 301. I@22)
übertragene verwendung ist häufig. I@2@aa)
von personen; vernichten, vertilgen: theist dag ouh níbulnissesjoh wíntesbrûti lewes! thiu zwei firwáent thannethie súntigon alle Otfried 5, 19, 28 (
hs. P); und wir arme prangen mit uns und bilden uns hoch ein, wir, die ein athem der luft nähret und wieder verweht Herder 26, 18
S.; nur wer sich ohne widerstand ergibt, wenn das wetter hereinbricht, den verweht der wind von dieser erde G. Freytag
ges. w. 4, 510.
auseinandersprengen: die stürzten sich in den krieg so weit, sie sind verweht und zerstoben Eichendorff 1, 677.
hin- und hertreiben: wie uns der kriegessturm hat hin und her verweht P. Fleming
ged. 1, 50
L. an eine bestimmte stelle treiben, verschlagen: wohin von gott ich auch verwehet werde E.
M. Arndt 5, 176
R.-M.; doch hatte ein günstiges geschick den berühmten reisenden in India und Arabia, Karsten Niebuhr 1788 als landschreiber nach Meldorf verweht Weinhold
H. Chr. Boie 103. I@2@bb)
selten von concretem: sie sagen, Salomons thron sey durch den wind verwehet worden A. Olearius
pers. baumgarten 17; wenn haus und gut die winde durch die luft verwehen Pietsch
ges. schr. 165; das in qualvollen tagen schwer erworbene besitztum, das oft ein böser launischer wind verweht wie spreu E. Th. A. Hoffmann 4, 30
Gr. I@2@cc)
häufiger von abstractem, geistigem und seelischem: fängt euch die eitelkeit, die doch der wind verweht? Günther
ged. (1735) 509; es kann ein leichter hauch die gunst des volks verwehen
theater d. Deutschen 1, 112; diese erzählung verwehete die aufglimmende eifersucht Pfeffel
pros. vers. 3, 69; meine hoffnung, hier etwas los werden zu können, hat der wind verweht G. Forster
s. schr. 7, 88; so wills die zeit! sie heischet feuerzungen, ihr sturm verweht der liebe sanften hauch Herwegh
ged. eines lebendigen 2, 79; wie ein verwehter traum Peschel
völkerkunde 306; aber der zauber, mit dem die schwarze ihn geblendet hatte, war in alle winde verweht O. Ludwig 2, 383
Schm.-St. IIII.
intransitiv. II@11)
aufhören zu wehen und damit aufhören zu existieren: si buwent uf ein winde, der bald verwehet hat R. v. Liliencron
hist. volksl. 1, 390; der donner verhallt, der sturm braust weg, das säuseln verweht Klopstock
oden 1, 139; mit meinem heft kunst und alterthum geht mirs wunderlich, die Rhein- und Maynluft verweht nach gerade Göthe IV 29, 13
W. übertragen: die tugendvolle heldenseele ist wie ein sommerlüftchen verweht Kretschmann
s. w. 1, 214; die verwehte seele meiner schwester H. Stehr
drei nächte (1909) 91. II@22)
oft in engem anschlusz an die transitive verwendung; verwehen
ist dann gleichbedeutend mit verweht werden: v., ...
soviel als fortwehen, in der luft zerstreut werden, verschwinden Krünitz 219, 307. II@2@aa)
im eigentlichen sinne: vom wind verwehet der rauch Petri
d. Teutschen weiszheit X x iv
b; dampf verwehet Chr. H. Amthor
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 48; wie rauch verweht, verwehe sie (
die wolke)! Herder 12, 64
S.; und gelbes laub verweht ins thal J. H. Voss
s. ged. 5, 7; lasz den staub hernieder sinken, lasz den pulverdunst verwehen Göthe 3, 217
W.; verwehender staub Lenau 229
B.; verwehende asche Holtei
erz. schr. 3, 83; läszt du (
Maria) dich nur sehen, die düfte verwehen, und nichts mag bestehen Mittler
volksl. 301.
von tönen und sprachlichen äuszerungen: lasz sterben die töne! lasz sie verwehn! Herder 12, 228
S.; keiner ihrer seufzer verwehete unvermischt mit dem seufzer der schwester Pfeffel
pros. vers. 4, 158; die lieder sind verweht Brentano
ges. schr. 2, 123; kein wort des heilands wird verwehn Lenau 488
B.; ei, wer traute männereiden! sie verwehn wie luft und wind! Erlach
volkslieder 5, 207. II@2@bb)
freiere verwendung. von menschen: sie (
die feinde) müssen verwehn wie spreu Herder 12, 60
S.; unser leib ist staub und musz verwehen Caroline 2, 383
Waitz; doch wenn geschlecht auch auf geschlecht verwehte Gaudy
s. w. 2, 33.
von der welt: die welt dahin verweht Schottel
haubtsprache 887; welten vergehn, welten entstehn, wieder wie funken am huf zu verwehn grafen Stolberg
ges. w. 2, 189.
selten von concretem: wenn du einmal dein rad, wir eine hand umdrehen, sehn wir colossen fallen und schweres ertzt verwehen Lohenstein
Arminius 1, 556
b.
von zeitlichen begriffen: viel jahrhunderte verwehen Heine 1, 37
E.; der tag verweht, dann zieht das wild zu thale, hin zu den teichen, dasz es satt sich trinke E. v. Schönaich-Carolath
ged. 37.
am häufigsten von geistigem und seelischem: ihre lieb entsteht geschwinde und verwehet mit dem winde Stranitzky
ollapatrida 205
ndr.; lieben, leben, wie schnell verwehts! Rückert 1, 469; aber diese meinung verwehte geschwind Göthe II 9, 172
W.; doch in die luft verwehen die entschlüsse Schiller 14, 120
G. (
braut v. Mess. 2657); ein auslöschen, verwehen des irdischen geistes W. v. Humboldt
ges. schr. 5, 223; o fühl ich nur, dasz sie mich nicht will hassen, so mag mir jedes andre glück verwehn Tieck 2, 99 (
Genoveva); soll in thatenlosen seufzern seine beste kraft verwehen? Herwegh
ged. eines lebendigen 1, 27; seitdem verwehte jede erinnerung Waiblinger
ged. a. Italien 30
Gr.